1858_Gutzkow_031_877.txt

von ihm niedergelegt werden müssten, alle kirchlichen Acte, die er vollzogen, für ungültig erklärt, sich vorstellend, dass er in ein Kloster gehen, sich neu taufen, neu weihen lassen müsste, fühlte er das mächtigste Verlangen, bei irgend einer grossen Krisis der Zeit seine Lage selbst zu offenbaren ... Einstweilen hatte er Leo_Perl's Beispiel befolgt und eine Urkunde aufgesetzt, die nach seinem tod erbrochen werden sollte ... In ihr hatte er seinen Fall ausgeführt ... Noch wusste er nicht und kämpfte mit sich, ob er dies Bekenntniss in die hände des römischen Stuhls selbst oder nur in die seiner näherverbundenen Freunde legen sollte ... Innerlich war er mit sich im Reinener verachtete den Spuk des Zufalls ...

Nur der höhnende Schatten desselben konnte ihn zuweilen schreckenLucinde ... Aber selbst als sie von Castellungo im äussersten Zorn damals geschieden war, selbst da hatte sie zu Bonaventura, der sie, um Abschied von ihr zu nehmen, im Kloster der Herz-Jesu-Damen besuchte, auf ein Kästchen gedeutet und versöhnt gesagt: "Dort liegt mein Testament! Sie überleben mich und ich vermache Ihnen alles, was ich hinterlassecum beneficio inventariimeinen Schulden! Sie finden Serlo's Denkwürdigkeiten, die, wie ich Ihnen schon vor Jahren sagte, die Schule meiner Kunst wurden, Leiden zu ertragen. Glauben Sie mir, Tomas a Kempis war nichts als der geistliche Serlo und Tomas a Kempis hat ganz die nämliche Philosophie, nur dass der Mönch seine Verachtung der Welt und Menschen in religiöse Vorschriften kleidete ... Wenn Tomas a Kempis anrät, Gott zu lieben, so wollte er nur wie der Schauspieler Serlo sagen: Verachtet die Welt und die Menschen! ... Dann finden Sienoch –" setzte sie stockend und leise hinzu: "die Hülfsmittel jenerRache, die ich Ihnen einst in einem kindischen Wahnsinnanfall geschworen hatte –" ... Und die Sie noch immer nicht Ceccone oder Fefelotti auslieferten? warf Bonaventura ein ... Lucinde erhob sich, nahm einen Schlüssel, der an dem immer auf ihrer Brust blinkenden goldenen Kreuze hing, ging an ihr Kästchen und schloss es auf ... Nehmen Sie, sagte sie und deutete auf ein gelbes, vielfach gebrochenes grosses Schreiben mit zerbröckeltem Siegel ...

Es war ein Moment, an den Bonaventura oft zurückdenken musste ... Damals drängte sich alles zusammen, was oft so centnerschwer auf seiner Brust lag und nunein Augenblick der seligsten Erleichterung –! ... Aber wie ein Blitzstrahl fuhr es auch zu gleicher Zeit durch sein Inneres: War und ist dein Leben und Ringen wirklich nicht mehr, als die Furcht vor diesem zufälligen Verhängniss? Bist du nicht Herr deines Willens, Schöpfer deiner Freuden und Leiden? Wie kannst du erbangen vor einer Anklage, die du verachtest, weil sie die teuflische Verhöhnung der christlichen idee ist? ... Bonaventura wandte sich und sagte: Behalten Sie! ... Lucinde verstand diese Weigerung im Sinn eines ihr geschenkten Vertrauens und wurde davon so überwältigt, dass sie eine Weile hocherglühend und in zitternder Unentschlossenheit stand, dann ihr Knie beugte und sich vor Bonaventura zur Erde niederliess ... Gräfin, lassen Sie! bat er erbebend und der alten Scenen gedenkend ... Lucinde neigte den Kopf bis auf seine Füsse ... Ein in der Nähe entstandenes Geräusch musste sie bestimmen, sich zu erheben ... Man hörte Schritte ... Noch ehe sie den Schrein geschlossen, den Schlüssel wieder zu sich gesteckt hatte, trat die äbtissin der Herz-Jesu-Damen ein, die nicht verfehlen wollte, dem Erzbischof bei seinem Klosterbesuch die schuldige Ehrfurcht zu bezeugen ...

Einige Zeit nach einem ihm unvergesslichen Seelenblick, den damals Lucinde auf ihn warf, war es Bonaventura, als fand sich in den Drohungen Sturla's, der von Genua kam, ein Anklang an die Urkunde Leo_Perl's ... Doch konnte er sich auch irren ... Der kecke Jesuit hielt ihm ein Bild der deutschen Geistlichkeit vor, dessen Züge auf den fremden Eindringling passen sollten, und unter anderm lief die Bemerkung unter: "Unglaublich, was die Archive Roms von Deutschland mitteilen könnten, hätte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen Aergerniss zu vermeiden!" ...

Wie bitter, und sogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen über Paula! ... Auch er fühlte es ja nach, was die luterischen und abgefallenen Freunde der Familie oft genug unter sich sagten: Solch ein unnatürliches, jede Empfindung verletzendes verhältnis ist nur auf katolischem Gebiete möglich! ... An sich, vor den Augen der Welt war jede Rücksicht auf Misdeutung gewahrtPaula war die Nichte des Kronsyndikus, Bonaventura der Sohn des Präsidenten, ihres Vettersdie Verwandtschaft war die allernächste des Blutes und Graf Hugo durfte, ohne Anstoss zu erregen, in Coni einen schönen Palast bewohnen, wo im Kreise einer Geselligkeit, die Paula mit Mitteln zu unterhalten wusste, die sich ihr in dem fremden land mit sonst nicht gewohnter sicherer Beherrschung zu Gebote stellten, allabendlich der Erzbischof verweilte ... Meist war Musik das Organ der Verschmelzung oft schroffer Gegensätze, ja Paula wurde erfinderisch und ergab sich jenem schönen Triebe, nach- und vorauszudenken allem, was über rauhe Stunden des Lebens zerstreuend hinweghelfen kann ... Aber ein Vorwurf des Gewissens fehlte nicht bei Alledem