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nach dem Entschluss des Papstes sofort nach Turin zu reisen ... Er wünschte Bonaventura Glück und trennte sich von ihm, nur noch mit einer bedeutungsvollen Erinnerung an die einst zwischen ihnen auszutauschende Freundesbeichte und einer vollkommen unbefangenen Versicherung, dass es aufgeklärte, brave und wohlwollende Priester auch in Rom gäbe ... über den Eremiten im Silaswalde würde er ihm unfehlbar binnen kurzem nach Coni schreiben ...

Bonaventura wurde vom apostolischen Stuhl zum Erzbischof von Coni vorgeschlagen ... Auch Ceccone verlangte, dass er, um Intriguen vorzubeugen, sofort nach Turin eilte ... Den Cardinal Ambrosi hatte Bonaventura seitdem nicht wiedergesehen ... Aber ihr Briefwechsel blieb der lebhafteste, blieb die Fortsetzung ihrer ersten Begegnung ... Bonaventura sah das Wachsen des Lichts und der Aufklärung auch in Italien ... Ambrosi gestand in aller Offenheit, dass schon lange und noch immer eine fortgesetzte Beziehung zwischen ihm und Frâ Federigo bestand ... Aber das Wort desselben: Er beschwöre den Erzbischof von Coni, bis zu einer bestimmten Zeit seiner Spur nicht zu folgen! wurde von ihm ohne die mindeste Ahnung der Verwandtschaft wiederholt; es wurde nur auf die Lage des Erzbischofs, seine Teilnahme für einen Deutschen bezogen ... Unterwarf sich Bonaventura diesem Befehl? ... Die Tat eines Mannes, sagte er sich zuletzt über diese schmerzliche Lücke seines Lebens, darf nicht halb sein ... Darf ich den Vater hindern, seinen Ausgang aus dem Leben so weit zu vollenden, als er ihm ohne den Selbstmord möglich schien? ... Noch lebt die Mutter ... "Es ist eine der grausamsten Handlungen, die es geben kann, jemand an einem schon begonnenen Selbstmord hindern", hatte ihm der Onkel Dechant geschrieben und noch in dem letzten, teilweise Armgart dictirten Briefe an Bonaventura stand: "Ich nehme dein Ehrenwort, Bonanehme es nicht vom Priester, sondern vom Asselyn, dass du v o r dem Tod deiner Mutter den Eremiten vom Silaswalde nie suchstnie kennst –" ... Bonaventura gelobte es ... Sein Brief kam zwar nach Kocher am Fall zu spät, das Gelöbniss blieb aber gegeben ...

Mit Freuden riss sich damals der so mannichfach gebundene und durch seinen Beruf, durch das ihm auch in Rom geschenkte Vertrauen so mannichfach willensunfrei gewordene Priester von der ewigen Stadt los ... Er sah die leidenschaft Olympiens für Bennoer sah die Aussöhnung der ihm schon in Wien nur wenig sympatischen Mutter mit ihren ärgsten Feindinnen ... Er sah die Zurüstungen der Reise, durch die Ercolano Rucca "an die Brust seines besten Freundes zu gelangen" wünschte ... Er ahnte alles, was kommen musste, las es aus den Mienen Lucindens, die wohl auch ganz offen sagte: "Benno liebt ja Olympien! Man liebt mit leidenschaft nur das, was man versucht sein könnte unter andern Umständen zu hassen! Er sieht alle ihre Fehler, aber er wird sich überreden, sie verbessern zu können. Und ist es unmöglich? Wir Frauen sind die Erzeugnisse unseres Glücks oder unseres Unglücks!" ...

Bonaventura traute Lucinden mit dem Grafen Sarzana, nachdem er die Bedingung gemacht, dass ihm beichte und Examen (beide müssen jeder Trauung vorangehen) vom Pfarrer der Apostelkirche, der die Cession gegeben, abgenommen wurde ...

Wie traten ihm die Stimmungen jener Tage aus dem Briefe wieder entgegen, mit dem Lucinde ihr heutiges Geschenk begleitet hatte! ... Grade heute hatte sie ihm geschrieben: "Dieser Sarzana! So hat er denn die Glorie seines Lebens gefunden, der tückische Schurke, den sie in die Grube geworfen haben ordentlich mit Ehren! An den Galgen gehörte er von Rechts wegenwenn ich auch die Posse mitmachen und ihm durch eine Beisetzung eine anständige Entsühnung geben will ... Ich beschwöre Sie, mein hochverehrter Freund! Lassen Sie doch von nun an Ihre kleinen Fehden gegen den Geist der Zeit! Mit unversöhnlicher Macht ergreift Rom jetzt die Zügel und ich weiss, es wird niemand mehr geschont werden! Der Schrecken wird die Welt regierenund es ist gut so, denn die Tyrannen hab' ich immer menschlicher gefunden, als die Philosophen, die Humanitätsschwärmer, die Tugendhelden, die Volksfreunde, die Aufklärer, die Pietisten, die Gensdarmen, die Vertreter der unendlich suffisanten Ordnung und Richtigkeit des Lebensdie fand ich immer grausam, herzlos und da, wo sie recht tüchtig Widerstand finden, recht feige und erzdumm ... Denken Sie nur allein an die Intrigue, die mich damals zur Gräfin Sarzana machtemuss man nicht das italienische Volk gehen lassen, wie es ist? Eine Bestie ist's und zum Gehorchen bestimmt ... Und, mein Freunddie Kirche! Ich begreife in der Tat Ihr Reformen nicht! ... Die katolische Kirche ist gerade darum so schön und rührend, weil sie ganz und gar eine Antiquität ist. Mir ist sie nun auf die Art geradezu eine wurmstichige alte Kommode geworden, in der ich meine liebsten Siebensachen, meine alten verblassten Bänder, meine alten zerknitterten Ballblumen liegen habe ... Aus meinem im Herzen noch manchmal wiederkehrenden Frühling leg' ich dann und wann eine Rose in die alten Schubläden hinein und deren Duft durchzieht dann die alte beweinenswerte Herrlichkeit ... Ein bischen moderig bleibt's immer, nun ja! aber der Duft der Rose dringt doch auch in das alte, wurmstichige Holz mit den messingenen Ringen und