Caudatarien hatten sich zurückgezogen, blieben jedoch hörbar ... Der Cardinal sah auf die Uhr ... Er hatte nur noch einige Minuten Zeit ...
Wir sehen uns leider so bald nicht wieder! sprach er mit Trauer ... Ich muss einige Tage von Rom fort und auch Sie werden Eile haben, in Turin die Wünsche des Consistoriums früher geltend zu machen, ehe dort die Intriguen Fefelotti's ankommen ... Lassen Sie sich's nicht verdriessen, dass Ceccone es ist, der Ihre Erhöhung fördern muss ... "Die Gottlosen richten ihre Schemel auf und erheben nur die Gerechten" ...
Nicht wiedersehen – Nach Turin eilen – dachte Bonaventura mit Schmerz und stand im Kampf mit sich selbst ... Sollte er dem Cardinal sagen, dass es auch ihn aufs mächtigste nach dem Silaswalde zog? ... Aber – wie konnte er es – da sein Vater offenbar nur vor ihm, nur vor seines Sohnes wunderbarer Verpflanzung nach Robillante geflohen war ...
Cardinal Ambrosi sagte, dass er nichts unterlassen würde, sich durch die Klöster über Federigo's Befinden zu unterrichten und dann seinem mutigen Verteidiger über ihn Kunde zu geben ... Ohne das mindeste Anzeichen, als wäre ihm Federigo's näheres verhältnis zu seinem Besuche bekannt, kam er wieder auf seine Heimat und seinen eignen Vater zurück ... Dieser war ein Lehrer der Matematik auf dem Lyceum zu Robillante gewesen, hatte eine Alpenreise gemacht, war nicht wiedergekehrt und nie wieder aufgefunden worden ... Um im Berner Oberland, wo er Höhenmessungen hatte vornehmen wollen, Spuren seines Verbleibens aufzufinden, hatte der junge Student des Seminars von Robillante bei Federigo Deutsch lernen wollen ... Die Reise, die er dann wirklich gemacht, war ohne Erfolg geblieben ...
Bonaventura, der dies verhältnis nie so vollständig übersehen hatte, wie nach dieser Erzählung, stand wie an einem Abgrund ... Warum nur trat ihm die furchtbare Morgue auf dem sankt-Bernhard vors Auge! ... Er gedachte: Wie muss diese Eröffnung des jungen Mannes damals auf den Vater gewirkt haben, der eine mit dem Vater des Cardinals so ganz gleiche Lage – nur fingirt hatte – ...
Federigo konnte damals – wohl noch nicht lange – bei Castellungo sein –? fragte er ...
Als ich ihn zuerst sah? ...
Als Ihr Vater vermisst wurde – ...
Einige Wochen erst ...
Sprach Ihnen – Federigo – nie – von den Gefahren des Schnees – denen auch – Er –? ...
Ambrosi blieb dem plötzlich stockenden Wort ein unbefangener Hörer und verweilte nur bei seinem eigenen Leid ... Ohne Mutter, ohne Verwandte, wär' er nur der Zögling der Liebe seines Vaters gewesen ... Als er ihn verloren, hätte er ein Gefühl der Teilnahme bei allen gefunden; doch ein solches, das ganz seinem Schmerze gleichgekommen, nur bei Federigo ... Dieser Edle hätte seine Tränen aufrichtig zu denen gemischt, die er selbst vergossen ... Er hätte ihn seinen Sohn genannt – ...
Bonaventura stand über eine dunkle Ahnung zitternd ...
Er versicherte mich, fuhr Ambrosi, des Sichabwendens seines Besuchs nicht achtend, fort, für bestimmt, dass mein Vater tot wäre, er säh' es im Geist, – doch sollte ich ihn nur aufsuchen ... Verlorenes, wenn auch Unwiederbringliches suchen wäre so gut wie es finden – wenigstens fände man anderes, neue Schätze ... Seine Tränen deutete mein gönner nicht allein auf die Teilnahme für den Vater, sondern auch auf die erkenntnis, dass auch ihm aus tiefster Reue über seine begangenen Fehler, aus Suchen nach ewig Verlorenem erst die Kraft der Erhebung geworden wäre ...
Bonaventura verbarg die Tränen in seinem Auge – er verriet nichts von einer Ahnung, dass des Vaters fingirter Tod – wohl gar mit dem wirklichen tod des Professors Ambrosi zusammenhing ... Wenn hier eine Schuld des Vaters vorläge? dachte er schaudernd ... Seine hände zitterten ... Das erbrochene Grab des alten Mevissen, die aufgefundenen Angedenken, die Urkunde Leo_Perl's, alles trat ihm gespenstisch entgegen ... Sein Vater – konnte doch – kein – Verbrecher sein –! ...
Ist Ihnen nicht wohl? fragte Ambrosi, ihm näher tretend ...
Bonaventura hätte sich ihm an die Brust werfen, alles offenbaren, alles von sich und von seinem Vater eingestehen mögen ... Aber diese neue Verwickelung wieder – war zu beängstigend – sie zwang ihn, seine Worte zu hüten ... Nachdem er sein Befinden als wohl bezeichnet, wagte er noch ein Entscheidendes, indem er leise, gleichsam nur in Hindeutung auf den verschollenen Vater Ambrosi's, die Worte sprach:
Rätsel – Rätsel ... Fiat lux – in perpetuis! ...
Eine Bewegung in den Mienen des Cardinals blieb aus ... Sein Antlitz blieb ruhig ... Von einem besonderen Sinn dieser Worte schien er nicht betroffen ...
Nun mahnten die Caudatarien wiederholt ... Ambrosi musste Abschied nehmen und sofort für längere Zeit, da ihn unmittelbar nach dem Consistorium Ausgrabungen am untern Lauf der Tiber zu einer Reise veranlassten ... Noch sprach er sein sichres Vertrauen aus, dass der an die Krone von Piemont gehende Vorschlag, das Erzbistum Coni an den Bischof von Robillante zu geben, Erfolg haben würde – riet aber,