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die geheimnissvolle Losung aussprechen ...

Da fuhr der Wagen mit dem heiligen Xystus vom haus ab ... Nicht zu weit entfernt vom Sopha, auf dem sie sassen, stand ein Tisch, auf dem eine Anzahl jener gelben, wie Ockererde zerbröckelnden Reliquienknochen lag ... So musste er seine Vision wohl als eine Vorstellung des Wahns wieder von seinen Augen bannen ...

Sie sind befremdet, sprach der Cardinal, der ihn so in Gedanken verloren fand, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich diesem Ihnen vielleicht verdriesslich erscheinenden amt sogar mit Liebe obliege? ... Es erinnert mich doch gewiss an Einesan den Tod, der unser aller sicherstes los ist ...

Aber diese Reste der Vergangenheit verehren? entgegnete Bonaventura mit wiederkehrendem Mute ... Sogar Wunder verlangen von diesentoten Knochen? ... Ich habe in meinem Wirken als Pfarrer und Bischof die Reliquienanbetungnie unterstützt ...

Es war ein gewagtes Wort, das Bonaventura gesprochen – ... Der Cardinal nahm es ruhig hin ...

Der Aufgeklärte und Denkende, sprach er, wird immer trauern, wenn er sieht, dass diesen toten Resten der Vergangenheit eine göttliche Ehre erwiesen wird ... Aber trägt man denn nicht auch den Ring einer Geliebten, das Haar einer teuern Mutter, und treten Sie nicht mit feierlichem Gefühl in die Gruft der Scipionen, die Sie auf der Via Appia finden? ... Ist nicht der Besuch der Gräber die heiligste gelegenheit, unsere irdischen Gedanken zu läutern und von uns so vieles abzustreifen, dem wir allzu töricht nachjagen? ... So möchte' ich auch diese Gebeine, die man tausend Jahre lang heilig hielt, nicht sofort, wie die Sansculotten mit den Gräbern der französischen Könige in sankt-Denis taten, auf die Strasse werfen ... Aber den wahren Sinn des Sicherinnerns im Kirchenleben wünsch' ich allerdings gedeutet und die Verehrung vor den Reliquien nur zu einer Sache der Dankbarkeit gemacht ... Bewundert doch, möchte' ich rufen, den Zusammenklang der zeiten! Diese von uns fortgeführte Melodie alter Hoffnungen und Tröstungen! ... Wer kann die Heiligen mit einem Federstrich tilgen! Sie leben so gut wie Christus ... Aber auch hier: Sie können immer mehr dem rein äusserlichen Bann ihrer Bilder entschweben, können immer mehr in ihren irdischen Farben erbleichen und vergeistigt in die Herzen der Menschen einziehendas soll und muss und wird kommen – ... Aber wie soll unsere Kirche diese Formen so schnell zertrümmern ohne Gefahr, auch das Gute zu verlieren, das sich an sie knüpft? ... Zumal in südlichen Ländern, wo Jahrtausende hindurch die Religion nur auf dem Weg der Phantasie in die Herzen zog ...

Bonaventura sah die Richtung seiner eigenen Stimmungen ... Auch ihn band Pietät ... Doch hatte sein Glaube angefangen, alles auf die Bibel zu geben ... Und er sagte dies ...

Sorgen Sie nur, dass sie alle l e s e n können! ... erwiderte der Cardinal mit einem Seufzer ...

Das Bild des Aberglaubens im volk, der Unbildung der massen lag nun ganz vor den beiden freigesinnten Priestern ... Ambrosi hörte die beredte Schilderung des Bischofs, wie Deutschland so weit voraus wäre ... Wie Italien dagegen zurückstand, zeigte die Erinnerung an die Gefangenschaft Federigo's unter den Räubernalle ihre Qualen verdankte der Unglückliche allein seiner Schreibekunst ...

So sprachen beide noch lange fort und Bonaventura ahnte die Erfüllung seiner kühnsten Träume in den Gedanken einer gleichgestimmten Seele ... Die Formen der katolischen Kirche aufzugeben und so zu denken, wie Luter dachte, war ihnen nicht gegebensie wollten diese Formen zurückgelenkt sehen in die Bedürfnisse des Gemüts, diese geläutert durch einen Geist, dessen allgemeiner Ausdruck die Anerkennung der bisher im katolischen Kirchenleben verpönten Bibel war ... Im Hass gegen die Gesellschaft Jesu waren sich beide gleich; beide gelobten, sie mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen ... Das lässt mich meinen Krummstab lieben, dass er in diesem Feldzuge ein Commandostab ist, keine schwache einzelne Kriegerwaffe –! ... sagte Bonaventura ... Bald verriet Ambrosi's leuchtendes Auge, dass auch ihm der Protest eines einzelnen Pfarrers oder Mönches nur ein Tropfen auf einen glühenden Stein war; das zischt auf und hinterlässt nichts, als ein wenig Rauch ... In der Frage, die er dann an den Bischof richtete, ob er diesen oder jenen Namen der Hierarchie schon kannte, lag die Andeutung, wie schon die Zahl der Gegner Ceccone's und Fefelotti's im Wachsen war ...

Bonaventura versprach, sich den genannten zu nähern ... Die hohe Wonne, die dem Menschen Uebereinstimmung gewährt, verklärte sein Angesicht ... Noch mehr, selten ist das Glück gewährt, noch in späteren Lebensjahren, in Stellungen, die den Anschluss der Herzen nicht mehr erleichtern, eine Freundesbrust zu gewinnen ... Das hob ihm jetzt die seinige ... Das Gespräch wurde lebhafter und zutraulicher ... Diesem Priester, den Bonaventura einen "heiligen Scheinheiligen" hätte nennen mögen und mit mancher ähnlichen Erscheinung der Kirchengeschichte, mit Philippo Neri verglich, hätte er sich ganz entdecken mögen ... Kämpfend mit dem, was in ihm hindernd noch dazwischenlag und doch schon auf sein Bedürfniss der vollen Hingebung zielend, sagte er:

So vieles in unserm Glauben