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.. Die Ruhe beider die gleiche; beim einen war sie ein Wachen wie über einen Schatz von schönen Hoffnungen, die alles Leiden endlich belohnen würden, beim andern wie über einen Schatz voll Ergebung, dem kein neues Leiden mehr eine Ueberraschung bieten konnte ...

Ambrosi lobte Bonaventura's Eifer für die Waldenser, nicht weil er ihre Lehre billigte, sondern weil die Waldenser ihre Rechte hätten ... Voll Teilnahme und beruhigend sprach er über den Eremiten, den er einen Landsmann des neuen Erzbischofs nannte und im Silaswalde wusste ... Die Berichte, die er gab, bestätigten, was Bonaventura inzwischen schon zu seiner Beruhigung erfahren hatte ...

Als Bonaventura von Frâ Federigo nähere Kunden zu hören wünschte, wich allerdings sein gönner aus und rühmte nurdie Gegend um Robillante ...

Auf einsamen Wegwanderungen hab' ich da die grossen begebenheiten kennen gelernt, die dem einsamen Stoff zur Betrachtung gebensagte er ... Mein erstes Evangelium war tagelang ein Vogel oder eine Wolke ... Als ich später in die Schule, ins Seminar, ins Kloster kam, fand ich freilich, dass ich infolge dieses Träumens alles, was eine Unternehmung werden sollte, linkisch anfasste; der Erfolg war immer kleiner, als meine Absicht ... Da begann ich nichts mehr und nun hatte' ich alles ...

Gefahrvoll für die Welt, griffe solcher Quietismus um sich! ... sagte Bonaventura mit aufrichtigem Tadel ...

Darauf machte mich Frâ Federigo aufmerksam, dem ich mein Leiden klagte ... fuhr der Cardinal mit voller Zustimmung, offenbar über seine Worte wachend, fort ...

Warum suchten Sie ihn auf? ... fragte Bonaventura ...

Ich wollte deutsch von ihm lernen, um in die Schweiz zu reisen ... Ich brachte es nicht weit ... Ihre Heimatsprache ist schwer und wir plauderten wenig über die Grammatik, mehr über Gott und die Welt ...

Bonaventura sah den Einfluss seines Vaters auf den jungen Teologen und fragte:

Sie wussten, dass Sie mit einem Ketzer sprachen? ...

Das wusst' ich ... Ich ging auch mit grosser Angst zu ihm ... War ich aber bei ihm und es wurde Nacht und ich ging dann heim, so erschien ich mir wie Jakob, der auf dem feld einem Engel begegnete und im Nebel mit ihm rang ... Ich kämpfte oft einen Riesenkampf gegen diese mächtige Erscheinung und doch suchte ich meinen Gegner wieder auf, gerade weil ich bei ihm die Kraft fand, um mit jenem Engel im Nebel, mit Gott zu ringen ... Jeder Schlag, den ich von Gottes allmächtigem Geist empfing, verbreitete Kraft durch meine Glieder ... Sie hatten Recht, mein teurer Bruder, sich für diesen edlen Landsmann zu verwenden ... Ich denke, Sie sind jetzt über ihn beruhigt? ...

Bonaventura's Brust hob sich mit dem Gefühl der Beseligung und zugleich der Spannung auf die Möglichkeit, dass Ambrosi seine nähere Beziehung zum Eremiten kannte ...

Ist es wahr, begann er nach einigem Schweigen, während dessen seine Augen umirrten, dass Sie doch zuletzt vor seinen Lehren geflohen sind? ...

Der Cardinal errötete, wie öfters, so auch jetztgleich einem Mädchen ... Dann wiegte er den schönen Kopf wie über die Seltsamkeit aller solcher Gerüchte und über sein Antlitz verbreitete sich ein mildes Lächeln ... Er hatte geschwiegen, aber seine Geberden sagten ein Ja! und wieder auch ein: Nein! ... Nur ein Italiener oder ein Orientale besitzt die Fähigkeit eines so ausdrucksvollen Mienenspiels ...

Ein Mönch zu sein! fuhr Bonaventura beobachtend fort. KonnteSie das so reizenso zu den staunenswertesten Entbehrungen –? ...

Ein Mönch in alten Tagen, unterbrach der Cardinal die ihm dargebrachte Huldigung mit lächelnder Miene, war ein lebensmüder Einsiedler ... In den unsern bedeutet er entweder weniger odermehr ... Ich stellte mir mit meinem Verlangen nach Gott eine Aufgabe ... Ist es nicht mit unserm ganzen Glauben so, dass wir unsere Schultern nur zum Tragen göttlicher und unsichtbarer Dinge stärker machen wollen? ... Diese Reliquien, diese Seligsprechung, von der Sie eben hörtendiese rechne ich auch zu dem, was mit dem Baldachin des himmels, der Offenbarung, der Verehrung für überirdische Dinge überhaupt zu tragen ist ... Warum tragen wir es noch und handeln danach? ...

Noch? wiederholte Bonaventura ...

Ein flüchtiges Zittern bewegte die Augen- und Mundwinkel des Cardinals ... Wieder folgte ein vielsagendes Mienenspiel, ein beredsames Schweigen ... Wie mit plötzlicher Erleuchtung glaubte Bonaventura eine Vision zu sehen ... Dieser Priester, sagte er sich, ist ein Schüler deines Vaters! ... Alle Grundsätze desselben hat er eingesogen! ... Um sie in die katolische Kirche einzuführen trachtete er danach, eine hohe Würde zu erklimmen, die ihm möglich machte, Reformator mit Erfolg zu sein ... Unter allen Mitteln, um zu steigen, wählte er daseines Lebens der Ascese ... Bonaventura gedachte der Mahnung an die Eichen von Castellungo, an den Tag des heiligen Bernhard, an den Tag, wo Scheiterhaufen oder göttliche Läuterungsflammen der Kirche sich erheben würden ... Fiat lux in perpetuis! schwebte auf seinen Lippen ... Schon wollte er