wald campirten und ich nicht schlafen konnte, sang er, neben mir im Moose liegend, ein provençalisches Lied ... Von einer edlen Dame, glaube' ich, der ein in den Kreuzzug ziehender Ritter seinen Hund und seinen Falken zurücklässt ... Ich übersetzte es – glaube' ich:
Weil ich Dich, Liebste, lassen muss,
Wie darf ich je noch fröhlich werden!
Nimm hin noch mit dem letzten Kuss
Das Liebste mir nach Dir auf Erden! – –
Bonaventura ging dann erschüttert ... Er sah ja den Abschied des Vaters von Gräfin Erdmute ... Als er erfahren hatte, dass sich in Santa-Maria vielleicht eine Möglichkeit fand, mit dem Silaswald in Verbindung zu treten, als Klingsohr mit elegischem Aufschlag seiner schwimmenden hellblauen Augen von Lucindens Macht und Einfluss und, Bonaventura's fast spottend, von ihrer baldigen Grafenkrone gesprochen hatte, verliess er ihn, um ihn nicht wiederzusehen ... Klingsohr behandelte ihn, im Hinblick auf Lucinden, mit Vertraulichkeit, fast Protection ...
Es währte eine halbe Stunde, bis Ambrosi, den er für fernere Nachforschungen im Silaswalde zu interessiren hoffte, sich ihm widmen konnte ... Er sah sich die auch in seinem Wartezimmer befindlichen alten Marmorsärge an ... Auf allen Verzierungen derselben fanden sich die nämlichen Embleme des Glaubens an Auferstehung ... In roher Darstellung, ohne Zweifel von Fabrikhänden gefertigt, waren die Verstorbenen als Jonas im Bauch des Walfisches dargestellt, ein Mytus, der den Formen der Schönheit wenig entgegenkommt – ebensowenig wie der auf allen Särgen wiederkehrende fisch, der in seinem griechischen Namen die Anfangsbuchstaben für Jesus und seine Erlöserwürde ausdrückt ...
Endlich erschien der Cardinal ... Bonaventura fand eine kleine Gestalt, von weiblichweichen Formen, von einer noch ebenmässigeren Schönheit, als sie ihm oft war geschildert worden ... Ambrosi's Lächeln war sein, sarkastisch sogar, seine Sprache sanft und melodisch ...
Was er Bonaventura zur ersten Begrüssung sagte, schien ein Herzensbedürfniss auszudrücken, das schon lange von ihm genährt wäre und in dem Wunsch nach inniger Bekanntschaft mit einem mann bestünde, der einen Bischofssitz einnahm, der vor einem Jahre ihm bestimmt gewesen ...
Nach Entschuldigungen dann für die Eile, die die Verpackung des heiligen Xystus hätte, da ein Segelschiff in Civita-Vecchia nach Mexico bald die Anker lichte, nach den ersten schärferen Forschungen in der natur der beiden sich in ihrem inneren Grund bereits bekannten Männer, sagte Bonaventura beziehungsvoll:
Es weht mich aus diesen Symbolen, so unschön die Formen sind und so – man kann wohl sagen, roh, einem Bauer gleich, die Gestalt Jesu abgebildet wird, doch eine seltsame Weihe an ... Man sieht einen nächtlichen Gottesdienst geheimnissvoller Verbrüderung in einer unterirdischen Krypte ...
Die nahe Erwartung des Heils liegt in diesen mystischen Zeichen! sprach Ambrosi und führte seinen Besuch an den Steinsärgen entlang, auch an noch uneröffneten ... Der Geruch in diesen Sälen war peinlich genug; die Stimmung aller Anwesenden seltsam beklommen; nicht gerade des Moders wegen, sondern wie im verschütteten Pompeji nicht Ein Glasscherben von den Arbeitern mitgenommen werden darf, so hier keiner dieser einträglichen Knochen, die im Preise von Juwelen standen ... Ein Priester musste den andern bewachen und die Wächter hatten wieder über sich ihre Wächter ...
In der Tat – als wenn man eine Orphische Nachtreligion mit geheimnissvollen Wunderzeichen dargestellt sähe! sprach Bonaventura, staunend über die an den Särgen angebrachten Basreliefs ...
Der Cardinal unterrichtete seinen Besuch über die neuesten Forschungen in den Katakomben ... Dann sagte er: Die Gleichheit aller Särge und die gemeinsame Begräbnissstätte erweckt die Vorstellung von einer fast familienartig zusammenhängenden Gemeinde ...
Inzwischen wurden dem Cardinal eine Kerze und Siegelwachs entgegengehalten ... Ein grosses Petschaft zog er aus seinen Kleidern und versah mit dem Wappen der gekreuzten Schlüssel und der dreifachen Krone die Stricke und die Nähte der Emballage ...
Nachdem wollte der Cardinal seinen Besuch in die obern Zimmer führen; wieder fand sich eine Störung ... Gleichsam als käme alles zusammen, was den Gedanken wecken musste: Sind denn das nicht Heuchler, die einen gottseligen Sinn haben wollen und solchem Aberglauben huldigen? – traten ihm die Superiorin, die Vicarin und Sacristanin der "Lebendigbegrabenen" in ihren braunen Röcken und weissen Schleiern als Abgeordnete ihres Klosters entgegen, um das Fürwort des jüngsten der Cardinäle für die Heiligsprechung ihrer Mumie zu gewinnen ... Sie verneigten sich tief ... Ambrosi nahm ruhig ein Verzeichniss aller Wunder entgegen, die weiland Eusebia Recanati schon bewirkt haben sollte ...
Bonaventura sah, dass Ambrosi nicht lächelte, sondern ernst die Blätter überflog, sie zu sich steckte und die Angelegenheit der Nonnen zu prüfen versprach ... Beide begegneten sich als katolische Priester ... Beide waren erzogen und emporgekommen in ihrem Beruf ... Jedenfalls kannten sie keine Reform, als die auf Grundlage des katolischen Lebens ... An einen Uebertritt zum Lutertum denkt nicht der alleraufgeklärteste, nicht der allerunabhängigste unter den Katoliken ...
Als die Nonnen sich entfernt hatten, sassen zwei Menschen, Heilige, wie sie oft genannt wurden, sich gegenüber und forschend ruhten auf einander ihre Blicke ... Der eine war ein Märtyrer des Duldens und stand deshalb jetzt erhöht ... Der andere wurde immer verfolgt und entfloh nur von Würde zu Würde ... Jener ein contemplativer Charakter, dieser zum Handeln und zur praktischen Bewährung geneigt .