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pochte und im wildesten Ungestüm sein Eigentum zurückverlangte.

Serlo erklärte ihm das Vorgefallene und machte ihm in lateinischer Sprache Vorwürfe über seine Verirrung, die Klingsohr nicht in Abrede stellte. Ihr habt gut sprechen! entgegnete er. Wer das Bedürfniss des Glückes hat, sucht es, wo er's findet! Ich wünsche Euch nicht meine Nächte oder die Träume, die mir mein kurzer Schlaf schenkt!

In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Rückgabe des Portefeuille.

Klingsohr! sprach diese mit fester stimme dicht an der Tür nebenan, wo Klingsohr im Zimmer war, wandeln Sie Ihre Bahn! Wir sind geschieden! Auf ewig!

Lucinde! lautete sein Flehen.

Das Portefeuille wird auf Ihrer Brust entweiht! Ich behalte es!

Nimmermehr! rief Klingsohr und schlug gegen die Tür.

Was ist denn nur ein so besonderer Wert daran? flüsterte Madame Serlo und betrachtete es wiederholt näher.

Sie las auf dem inwendigen und befestigten Pergament eine Menge kurzer Bemerkungen, Namen, abgerissene Titel von Schriften, Citate, gelehrte Dinge, die ihren Horizont überstiegen.

Dennoch hielt sie diese Blätter nicht für unwichtig. Wer weiss, flüsterte sie, welche Geheimnisse sie entalten!

Als Klingsohr nicht endete und behauptete, er würde das Haus in Brand stecken, wenn er das Portefeuille nicht zurückbekämeschon wurde durch den Lärm der Wirt herbeigezogen –, las ihm Madame Serlo höhnend einige Worte vor, die vielleicht die Seite des Pergaments bezeichneten, an der ihm vorzugsweise gelegen wäre.

Weib, schweige! rief er und schien nur aus Rücksicht auf Serlo, der mit den ängstlichen Kindern hinter ihm stand, weitere Bezeichnungen zu unterdrücken.

Bitter höhnend klang es, als Madame Serlo buchstabirte:

"WeltordnungDante's HölleBuschbecksiebentes ParadiesJohannes von ZeesenRegina Coelineun ZeitalterSchön HedwigHubertusRomdie Katakomben – –"

Tod und Teufel! schrie Klingsohr und schlug jetzt mit einem Stuhl gegen die Tür.

Er zeigte sich in der ganzen Wildheit, in der ihn Lucinde kannte. Serlo bat, der Wirt befahl Ruhe, Lucinde selbst riet zum Nachgeben.

Was ist ihm nur so gelegen an dem Ding? wiederholte Madame Serlo. Sie untersuchte, während Lucinde die herausgenommenen Blätter überflog, den übrigen Inhalt. Da fand sie denn, dass eins der kleinen Täschchen verschlossen war. Sie bog das Leder etwas zurück und fühlte, da man nichts sehen konnte, hinein. Hin- und herstreifend mit dem kleinen Finger, der allein Platz hatte, entdeckte sie, dass drinnen etwas lag, was sich rauh anfühlte ... vielleicht ein Stück Tuch ...

Seltsam! sagte Madame Serlo zu Lucinden. Was kann ihm an einem Fetzen Tuch gelegen sein?

An Lucinden lief jetzt eine Erinnerung hin wie das Wort am elektrischen Drahte. Der Gedanke, dass sich hier der Tuchstreifen vorfand, der einst an der Leiche des Deichgrafen gefunden wurde und später durch sein plötzliches Verschwinden den erst vor kurzem, wie sie gehört, wegen mangelnden Beweises freigesprochenen Stephan Lengenich ins gefängnis gebracht hatte, zuckte in ihr auf. Die Farbe des Tuches liess sich nicht erkennen, nur der Stoff fühlen ...

Sie stand träumerisch und auch Madame Serlo merkte die jähe Flucht der Gedanken, die ihr eben durch den Kopf schossen.

Klingsohr hatte inzwischen sein Benehmen geändert. So war er immer. Eben noch ein Ungetüm, vor dem man alles entfernen musste, was sich etwa zertrümmern liess, wurde er plötzlich weich wie ein Kind, ja sogar feig und liess sich auf Nachgiebigkeiten betreffen, die mit seinem sonst so reizbaren Ehrgefühl im vollsten Widerspruche standen.

Lucinde! sprach er mit weicher stimme und durch's Schlüsselloch. Gib mir mein Portefeuille zurück! Es hängt daran die Ruhe meines Lebens!

Gut, Klingsohr! sagte Lucinde, die die Gedanken an die Schreckensscenen von Schloss Neuhof nicht festalten mochte, weil sie zu ihren quälendsten Erinnerungen gehörten; wenn das ist, so geb' ich dir's unter der Bedingung zurück, dass ich's behalte, bis wir in dem unten befindlichen Wagen sitzen und abfahren! Du versprichst mir aber auf deine Ehre, mich von diesem Augenblicke an nicht mehr zu kennen, nie und nirgends, hörst du, nie und nirgends, und mich meine Lebensbahn ziehen zu lassen, wie und wo ich will! Leiste mir diesen Schwur! Tust du es nicht, so ist hier noch so viel Glut im Ofen nebenan, dass dein Portefeuille im Augenblick von den Flammen verzehrt ist!

Um Gottes willen nein! rief Klingsohr.

Dann schwieg er eine Weile. Er schien nicht zu bezweifeln, dass Lucinde wahr gesprochen, und überlegte, welchen Wert für ihn die beiden Gegensätze der gestellten Alternative hatten.

Lucinde wiederholte mit fester stimme, was sie eben gesprochen, während Madame Serlo's listiges Auge vergebens in so wunderbare und unglaubliche Geheimnisse des Täschchens zu dringen suchte ...

Serlo antwortete jetzt statt Klingsohr's. Man hörte das leise und schmerzlich ausgestossene Wort des letzteren:

Ich gebemein Ehrenwort!

Nun verlangte Lucinde, dass sich Klingsohr bis zur Abreise, die sogleich erfolgen würde, entfernte. In die Brieftasche liess sie die Neugier der Madame Serlo nicht weiter einblicken.

Die Anstalten der Abreise waren zu Ende. Klingsohr stand am Wagenschlag und nahm sein Portefeuille mit einer Hast zurück, als hinge die Ruhe seines Lebens daran. Dies musste sein, wenn er um einen solchen Preis Lucinden entsagen konnte.

Er wollte noch