jetzt Cäsar von Montalto nennende, verwundete Vetter des Erzbischofs vom Kriegsschauplatz in Rom kam, war kein geheimnis und mehrte das Interesse; in diesem land war das Urteil über Italiens Angelegenheiten freigegeben ... Allgemein nahm man die Möglichkeit, in so krankem Zustand von Rom bis hierher reisen zu können, für ein Hoffnungszeichen möglicher Genesung ...
Bonaventura dachte anders ... Es hat ihn nur gezogen, hier sein letztes Lager zu suchen ... Noch einmal wollte er in seinen Anfang zurück ... So nur war ihm dies Suchen eines letzten Wiedersehens erklärlich ...
Das bescheidene Mahl war zu Ende, als das lebhafte Gehen der Türen nach dem Schlafzimmer zu auf ein Vorkommniss im Zustand des Kranken schliessen liess ... Der Erzbischof erhob sich eilends und ging in die anstossenden Zimmer ... Alle folgten ... Einer der Brüder kam ihnen mit einem Gefäss voll Schnee entgegen, den man anwenden wollte, um den Blutandrang zum Kopf des Kranken zu mildern ...
Bonaventura hörte ihn laut phantasiren ... Als er näher gekommen war, fand er Benno hochaufgerichtet im Arm des andern Bruders, seiner nicht bewusst – auch Bonaventura nicht erkennend ... Es schien, als befehligte er noch auf den Breschen der Mauern Roms – als riefe er die Wankenden zusammen ... Mit erhöhter stimme sprach er bald italienisch, bald deutsch, bald englisch ... Er redete Personen an, die er leibhaft vor sich sah ... Sarzana! rief er und lachte sogar ... Da haben Sie's denn nun! ... Leichenbruder! ... Auch Hamlet hatte erst Mut, als eine Ratte hinter der Wand raschelte! ... War's nicht so auch mit Ihnen, Ihrer neuen Loge damals –? ... Stehen Sie jetzt auf, Sarzana! ... Ich bitte Ihnen ab, dass ich Sie für einen Verräter hielt ... Ein tollerer Hamlet waren Sie freilich noch als ich ... achtung aber der Dame, die da kommt und die eine Krone zu tragen würdig ist – Nein – es ist – ja nur die Kammerjungfer – ...
Bonaventura las aus Benno's wilden und lachenden Mienen die Erinnerungen, die ihn quälten ... Die letzteren schienen Lucinden zu gelten ... Er redete dem Freunde zu, sich zu fassen ... Seine Hand strich ihm das Haar aus der Stirn ...
Endlich schien der wie von Gespenstern verfolgte und wie um hülfe bittende blick des Phantasirenden den Freund zu erkennen ... Seine wilde Rede stockte ... Das Auge starrte um sich; der Kopf neigte sich zum Kissen zurück und nur die abwehrenden hände verrieten, dass die Gedanken des Leidenden keine heitern waren ... Fort! Fort! rief er und suchte sich der Annäherung von Menschen zu erwehren, dann murmelte er vor sich hin in jetzt nicht mehr zu verstehenden Lauten ... allmählich trat eine Entkräftung ein, so bedenklich, dass die hinzugekommenen ärzte dem Bewusstlosen Stärkungen einflössen mussten ... Darüber verfiel er in einen Halbschlummer ...
Inzwischen war im Nebenzimmer ein Bett aufgeschlagen worden ... Bonaventura hatte angeordnet, dass hier, in seiner Bibliotek, sein Nachtlager sein sollte ... Man beschwor ihn, seiner selbst zu schonen – Morgen in erster Frühe wollte er die Messe lesen ... Er erwiderte: Nachtwachen bin ich gewohnt ... Dann trat er ans Fenster und deutete an, dass ein Unwetter heraufzöge; man möchte die Fenster schliessen und sich zur Ruhe begeben ... In der Tat brauste ein plötzlicher Wind, warf offenstehende Türen und Fenster ... Man entfernte sich und ging scheinbar zur Ruhe ... In Wahrheit schmückte man heimlich den Palast zum morgenden Feste ...
Der Kranke lag, als Bonaventura an sein Lager zurückkehrte, in Schlummer versunken ... Sein Atemzug ging schwer und ungleichmässig ... Die Brüder schlossen nebenan die Fenster und Türen – das Brausen des Windes nahm zu ... Auch die Tür, die das Schlafcabinet vom Bibliotekzimmer trennte, wurde wieder geschlossen ... Bonaventura trat in letzteres zurück und war nun allein – unter seinen Büchern, von denen die meisten ihm über die Alpen (ohne Renate, die gutversorgt daheimgeblieben bald nach der Trennung von ihrem Pflegling starb) nachgekommen ... Seine Studirlampe brannte auf dem grünbehangenen Tische ... Die Glocken schlugen zehn ...
"Nachtwachen bin ich gewohnt" ... Bonaventura war es schon in seinen glücklicheren Tagen ... Wie viel mehr in denen, die seiner Reise nach Wien folgten ... Seinen Brief an Ambrosi holte er hervor ... Ambrosi hatte dem Heiligen Vater auf seiner Flucht folgen müssen ... Nun zog er wohl wieder mit ihm in Rom ein ... In Rom, wohin auch ihn, den Sohn – die Mutter rief ... Bonaventura hatte vor zehn Jahren Rom nur flüchtig kennen gelernt ... Damals war er als ein Angeklagter erschienen, anfangs in seinen Schritten gehemmt, dann, als sich alles zum Guten wandte, von Huldigungen der masslosesten Art, durch die Herzogin von Amarillas, Olympien, Lucinden, am wenigsten freigegeben ...
Damals war Benno bereits durch die hülfe der Frauen gerettet ... Die Herzogin von Amarillas hatte sich mit Olympien durch die sorge um ihren Sohn ausgesöhnt ... Dass Benno