stören ... Zwei Barmherzige Brüder, die inzwischen gekommen waren, wussten, was sie die Nacht über zu beobachten hatten ... Jetzt galt es, den von der Untersuchung seiner Wunde Ohnmächtigen sich allein zu überlassen ...
Bonaventura kehrte, die hände gegen Himmel erhebend, in seine hohen, so prachtvollen, durch die eigentümlichen Anordnungen, die er ihnen gegeben, wohnlich umgestalteten Zimmer zurück ...
Sein einfacher Abendimbiss, der inzwischen aufgetragen wurde, konnte ihn nicht zum Niedersitzen bewegen ... Nur wie schwebend schritt er dahin, faltete die hände und sah nieder wie ein Verzweifelnder ... Ein einziger Augenblick – wie hatte dieser so den Frieden um ihn her verwandeln können! ... Den Frieden! ... Hatte seine Seele Frieden? ... Erlosch um ihn her nicht ein Auge nach dem andern? ... Das tragische Geschick, das über sein Haus und über sämmtliche Angehörige desselben hereingebrochen schien, hatte er erst heute wieder gesehen, als vom Präsidenten die Nachricht gekommen, dass die ärzte seiner Mutter den Aufentalt im Süden vorschrieben ... Sie würden nach Neapel gehen, hatte der Präsident geschrieben ... So nahe dem Silaswalde! seufzte Bonaventura – und die Mutter bat ihn inständigst, vorher noch in Rom mit ihr zusammenzutreffen –! ...
Eben noch hatte Bonaventura an seinen Freund, den Cardinal Vincente Ambrosi, geschrieben – hatte sich ihm auf Besuch angemeldet ... Eben noch hatte er ihm die Nachricht mitgeteilt, dass Pater Speziano wagte, heimlich eine Nacht in Robillante sich aufzuhalten, in Begleitung des Doppel-Apostaten Terschka ... Wie musste bei solchen Bildern die Erinnerung an die alten Tage des Glücks und der Hoffnung über ihn hereingebrochen sein ... Im Lehnsessel, am Schreibtisch, an feinem hohen Fenster hatte er gesessen und beim Abendläuten in die rosige Glut des himmels geschaut ... Morgen war sein Namenstag ... An den schönen Strom der Heimat hatte er denken müssen, an sein kleines erstes Pfarrdorf sankt-Wolfgang, an eine Gemeinde, wenn sie zum ersten mal den Namenstag ihres Seelsorgers feiert ... Das stille Leben eines Landpfarrers hatte ihm wieder als ein so beneidenswertes Glück vorm Auge gestanden ... Er hörte die Frühglocke seiner Kirche; von seinem Gärtchen aus zählte er die Reihe der Kirchgänger; fühlte seine erste Pfarrersangst, ob ihrer auch genug kämen, um ihm die Beruhigung zu geben, dass sie ihn liebten ... Wieder sah er sich auf dem engen, kaum zum Umwenden ausreichenden Platz vor seinem Hochaltar, hörte seinen eigenen Gesang und in der markigen edlen Sprache der Heimat, die er nun schon so lange auf immer abgeschworen, seine Predigt ... Wie sah er denn auch nur gerade heute den alten Mevissen so ernst und feierlich in seinem Stuhl sitzen, den treuen Hüter der Geheimnisse, die so ganz, ganz anders, als vielleicht sein Vater gewollt, in sein Leben griffen ... Auch seines Kainsmaals gedachte er, jener noch immer unentüllten beichte Leo_Perl's, eines Spuks, der ihn freilich nicht mehr wie sonst schreckte ... Die Jahre und die inneren Revolutionen seiner überzeugung hatten ihn allmählich bewahrt, über die Torheit eines wahnwitzigen Priesters dauernd in solcher Verzweiflung zu leben, wie anfangs ... Das erzbischöfliche Pallium trug er nicht wie eine gleissnerische Hülle innerer Unwahrheit; mit sichrem Vertrauen auf seine Lebenskraft hatte er sich ein Ziel gesteckt, dem er nachlebte, ein Ziel, das nur durch den Hirtenstab eines mächtigen Bischofs erreicht werden konnte, ein Ziel, dem die Entüllung seiner unvollendeten Taufe eine Glorie mehr werden sollte ... Als Lucinde von ihm mit dem Grafen Sarzana getraut wurde, hatte er mit ihr Frieden geschlossen (sie schickte ihm an jedem Namenstage, anfangs aus dem Kloster, der Lebendigbegrabenen, später aus Genua, dann aus Rom, das letzte mal aus Venedig, zu diesem Tage ein Angedenken und ihr diesjähriges war bereits wieder von daher eingetroffen – von ihrer alten Drohung, "ihn vernichten zu wollen", war nichts mehr zurückgeblieben, als eine Art Superiorität, die ihr wenigstens in des Erzbischofs Nähe, z.B. bei ihrem Besuch in Coni eine Stellung sicherte, auch wenn andere sie eine Jesuitin, wohl gar eine Brandstifterin nannten ... Ihr diesjähriges Geschenk war ein Kelch von Krystall, umsponnen mit silberner Filigranarbeit, eine Arbeit aus den Werkstätten Venedigs, von wo sie noch ihre Begleitzeilen datirt hatte ... Sie wäre auf dem Wege nach Rom, hatte sie geschrieben, "um den Raben auf den Leichenfeldern ihren Mann zu entziehen und ihn anständig begraben zu lassen" ... Wie hatte sich das alles mit den Jahren umgewandt! ... So weilten Bonaventura's Gedanken in fernen glücklicheren zeiten – da kam diese neue trübe Mahnung an die Gegenwart ...
Bonaventura hatte nun den steten Anblick und Umgang Paula's, hatte die seltenste Freundschaft des Grafen, hatte die unermüdliche Sorgfalt Aller für sein Wohl, hatte die edelsten Freuden der Geselligkeit, jede nur erdenkliche Fürsorge und Ueberraschung, die sonst nur einem Gatten von seinem weib, einem Vater von seinen Kindern kommt – und doch fehlte das Glück ... Der Kampf mit Roms Hierarchie war ihm an sich eine Freude – er hatte hier und da offene und geheime Bundesgenossen – aber Inneres und Aeusseres in ihm war nicht ausgeglichen ... Nur das Nächste brauchte er zu betrachten – im Grafen sah