Freunde waren allein – allein mit dem letzten Strahl der Sonne, der sich durch die herabgelassenen Vorhänge stahl – allein mit dem Todesengel, dessen dunkler Fittich seit einiger Zeit von Bonaventura's Lieben nicht mehr weichen zu wollen schien – allein mit den Rückblicken auf ein so tief verfehltes Leben, wie es Benno geführt, auf ein so tief vereinsamtes, wie es Bonaventura mitten im rauschenden Gewühl der Zeit und der Welt führte ... Wie brachen die schönen freundlichen Sterne der Jugend wieder aus den Wolken, die sie so lange verschleiert gehalten hatten ... Wie klang ein Ton so wehmütig und klagend durch die bangen Seelen der Freunde und sprach: Das, das wollten wir – und das haben wir gefunden! ...
Bonaventura's Lippen bebten, ob sie fragen sollten: Weisst du denn auch, wie dein irrend Leben gerade jetzt hier angekommen ist bei seinen ersten Anfängen – und dass die liebliche Armgart in unsrer Nähe weilt? Weisst du, dass ich aus Deutschland den Besuch meiner erkrankten Mutter, den Besuch Friedrich's von Wittekind, deines Bruders, soeben gemeldet erhielt? Wird dich denn auch, ohne ihre letzten Küsse, deine in der Schweiz genannte Mutter sterben lassen? Wird jene Verirrung, die für immer die Flügel deines Lebens knickte, Olympia, deinen Tod ertragen können, jene Circe, die deine Sinne verwirrte mit dem Zaubertrank ihrer – wer kennt den Inhalt der Mischungskünste, die eine Frauenhand bietet! Oder – nun kehrten ihm Klänge des längst abgebrochenen Briefwechsels wieder – war es deine eigene Seele, die dich berauschte, deine eigene natur, die sich des Höchsten vermass und sich doch besiegen liess von dem, was die Menschen dir immer und du dir selbst als dein ärmstes deuteten – deinem Gemüt! ... Dankbar wolltest du sein –! Deutscher nicht mehr bleiben – seit du eine von Deutschen gemishandelte Mutter gefunden – und, fast möchte' ich nach deinen Briefen sagen, mehr noch – seit die Bandiera deine Freunde geworden, die Bandiera, die die Kugel des Henkertodes traf – Benno, Benno, welche Dämonen haben dich fortgeschmeichelt von Deutschlands Herzen und hinüber in soviel Irrgänge deines Lebens und in dies ersichtliche Ende! ...
Zehn Jahre –! sprach jetzt Benno mit einer dumpfen, heisern stimme, die sich mühsam von seiner keuchenden Brust rang ...
Rege dich nicht auf! entgegnete Bonaventura und setzte sich auf den Rand des Bettes ... Schlummre! ... Du bedarfst nur der Ruhe! ...
Benno winkte, dass Bonaventura die Vorhänge am Fenster lüften möchte ... Er wollte den Erzbischof sehen, wollte vergleichen, wie auch ihn das Leben nach so langer Trennung gezeichnet hätte ...
Bonaventura erfüllte sein Verlangen und sah Benno's – noch volles, aber ergrautes Haar – ... Sein eigenes, war ebenso gefärbt ... Die Magerkeit des Erzbischofs hatte zugenommen ... Die glanzvollen Augen lagen tief in ihren Höhlen ... Furchen umgaben den Mund ... Aber die edle Bildung des Kopfes, die Gestalt selbst konnte durch die Spuren der Jahre nicht geändert werden und vielleicht der jüngste und noch immer jugendlichste Kirchenfürst in Roms Hierarchie blieb er nächst Vincente Ambrosi in Rom bei alledem ...
Bonaventura sprach von der Kunst der hiesigen ärzte .... Vom Doctor Savelli, der das Leben der Gräfin Erdmute so lange erhalten hätte ... Von dem Arzt der Garnison, der sich auf den letzten Schlachtfeldern bewährt hätte ...
Benno schüttelte das Haupt und erwiderte:
Die Kerze ist – nieder ...
Bonaventura konnte solcher Schwäche gegenüber nichts entgegnen ... Man brachte den Erquikkungstrank ...
Der Freund reichte ihn dem Verschmachteten und als er getrunken, winkte nach einer Weile Benno selbst, dass das Fenster wieder verhangen würde ... Fieber durchschüttelte ihn plötzlich ... Sogar auf die grünen Vorhänge des Bibliotekzimmers, durch die sich zu viel Licht stahl, deutete er ... Sie wurden zurückgeschlagen und dafür die Türflügel ganz geschlossen ... Die Erschöpfung schien durch den Lichtreiz gemehrt zu werden ...
Bonaventura bat ihn vor allem, nur zu schweigen ... Reden und Denken griffe ihn ersichtlich an ... Nur fühlen, träumen sollte er – glücklich sein – ... Du bist – bei mir! sprach er mit der ganzen Innigkeit liebevoller sorge und fast schon hätte er, an Armgart denkend, gesprochen: "Bei uns" – ...
In Benno's Auge, das wohl von Armgart weit-, weitab irrte, traten Tränen ... Er schwieg und lehnte das Haupt zur Seite, jetzt in der Tat, wie um zu schlummern ...
Nun fast störte es, dass die ärzte kamen ...
Sie nahten sich dem Lager, streiften die Decke auf und rieten, trotzdem dass der Kranke sich nicht bewegen konnte und mochte, ihn ganz von seinen Kleidern zu entblössen ... Die entzündete, den Lungen nahe Stelle, wo die Kugel sitzen musste, war bald gefunden ... Der Kranke zuckte mit einem kurzen Schrei auf, als sie berührt wurde ... Die Kugel herauszunehmen hätte den sofortigen Tod veranlasst ...
Im blick der ärzte lag die Andeutung, dass auch so die Auflösung schwerlich ausbleiben würde ... Die Ruhe, ja die starre, krampfartige Erschöpfung, in der sie den Kranken fanden, verordneten sie durch nichts zu