Reise ging. Selbst im Spital hätte man sein wahres Ziel nicht wissen sollen ... Wenn der Verwundete jedem die Fährte der Nachfrage nach ihm abschneiden wollte, so war es wohl die natürliche Lage eines politischen Flüchtlings ...
Schon wurde Benno emporgehoben und auch die Schildwache griff mit an ... Der Leidende überwand die Schmerzen, die ihm diese Bewegungen zu verursachen schienen ... War doch die sehnsucht seines Herzens erfüllt, die letzte Freude seines Lebens gewährt ... Geronimo hatte recht berichtet – Benno wollte allen denen, die noch an seinem Leben Interesse haben konnten, selbst seiner Mutter, verborgen bleiben ... Deshalb vertraute er selbst dem Spital in Genua nichts über seine Absichten, am wenigsten der Post – ... Und selbst die Feder zu führen, verbot ihm sein Zustand ... Still in Bonaventura's Armen zu sterben, war alles, was er vom Leben noch begehrte ... Diesen hoffte er zu finden, auch ohne sich ihm angekündigt zu haben ... So kam es, dass ihn hier niemand erwartete ...
Die Diener jedoch, auch wenn sie den Namen "Cäsar Montalto", der auf der Karte stand, nicht zu deuten gewusst hätten, taten darum nicht befremdet ... Was sollte nicht bei ihrem Herrn ein Sterbender seine letzte Zuflucht suchen können –! ...
Noch war der Fremde nicht bis an die grosse Marmortreppe getragen worden, als auch schon von oben her, gefolgt von Priestern und Dienern, der Erzbischof in seinem wallenden Hauskleid, einem priesterlichen Rock mit violettem Ueberwurf und goldener Kette, in atemloser Hast erschien, sich über den unglücklichen Freund warf, ihn in beide arme schloss und unter Tränen an sein Herz drückte ...
Mein Bruder –! rief er unausgesetzt ...
Mehr konnte nicht von seinen Lippen kommen – und Mein Bruder! Mein Bruder! hatte er auf der Stiege schon, abwechselnd in deutscher und in italienischer Sprache, gerufen ... Italienisch, um seine Umgebungen über den Anlass eines so aussergewöhnlich grossen Schmerzes und sein Verlassen aller Formen der Etikette, die in diesem haus waltete, gebührend aufzuklären und sie aufzufordern, in seine Trauer miteinzustimmen ...
Das Bedürfniss, zu helfen, drängte nun sofort jede
andere Empfindung zurück ... Schon wurden die ersten ärzte der Stadt gerufen ... Schon hörte man oben Türenschlagen, ein emsiges Rennen, ein klopfen und Hämmern, um Zurüstungen für ein Lager zu treffen ... Das ganze, nur von Priestern bewohnte Haus war in Bewegung ...
Die Worte: Wie konntest du in diesem Zustand
eine solche Reise unternehmen! kamen nur halb von Bonaventura's Lippen ... Lasst! bat der Majorduomo, ein stattlicher Herr mit einer silbernen Kette auf der Brust und wehrte der Ueberzahl der helfenden hände ... Nach Benno's Wunsch leitete dieser dann allein den Transport ...
Auch für den Erzbischof war sorge zu tragen ...
Am eisernen Geländer der mächtigen Treppe hielt er sich mühsam aufrecht; anfangs vermochte er den Männern, die Benno hinauftrugen, vor physischer Schwäche nicht zu folgen ... In meine Schlafkammer! war alles, was er zu sagen vermochte, und wieder doch zum Kutscher musste er sich wenden, der auf die Anrede des Majorduomo, woher sie kämen, vor dem Erzbischof sein Knie beugte und Segen – und Trinkgeld begehrte ... Ohne den Auseinandersetzungen Geronimo's, so wichtig sie ihm waren, länger zuzuhören, riss der Erzbischof unter seinem Ueberwurf sein Almosenbeutelchen hervor und reichte dem Knienden den ganzen Inhalt ...
Jetzt raffte sich der Erzbischof auf und schwankte am Geländer der Stiege entlang ... In den hohen weiten Sälen des ersten Stockwerks standen alle Türen geöffnet ... Die letzten Abendsonnenstrahlen beleuchteten die kostbaren Tapeten von Seide, die bunten Malereien, die sich sein Vorgänger Fefelotti für die kurze Zeit seines Verweilens in diesen Räumen hatte anfertigen lassen ... Die Fussböden waren parquettirt ... Die Wände starrten von Bronze und Krystall ... Die wohnung eines Fürsten schien es zu sein und erst in dem mit grünen Vorhängen von einem Bibliotekzimmer getrennten Schlafgemach des Erzbischofs sah es einfacher aus ... War auch hier nicht die rauhe Kasteiung sichtbar, die einst Bonaventura beim Kirchenfürsten am grossen vaterländischen Strome beobachtet hatte und die in dem dem Schönen abgeneigten Sinn desselben eher ihren Grund gehabt haben mochte, als im ascetischen Bedürfniss, so hatte doch Bonaventura hier sowohl wie in seinen nächsten Zimmern die Spuren der Ueppigkeit seines Vorgängers so weit getilgt, als das dem Palast erblich angehörende Mobiliar von ihm verändert oder entfernt werden durfte ... Da lag nun Benno schon auf seinem einfachen Lager, verlangte von allem, was ihm zur Erfrischung angeboten wurde, nur ein kühlendes Citronenwasser, vor allem Ruhe und – allein zu sein mit dem geliebten Freunde, der an sein Bett niederkniete, um Benno's glühheisse Hand zu küssen ... Alle Umgebungen waren in Bestürzung über den Schmerz des Erzbischofs, – ... Noch dazu wurde ihm dies Erlebniss am Abend seines Namenstages ...
Der Majorduomo sorgte dafür, dass die Verwandten allein blieben und nur die ärzte noch zugelassen wurden ... Auch zu einem Kloster der Barmherzigen Brüder wurde geschickt, um einen erfahrenen Krankenwärter zu holen ... Mit den von Fefelotti eingeführten Töchtern des heiligen Vincenz von Paula hätte man dem Erzbischof nicht kommen dürfen – ...
Die