1858_Gutzkow_031_863.txt

lassen ... Den Mantel sollte er morgen vom Pfarrer im Tal abholen ... Es war über die elfte Stunderings stichdunkel ... Durch ein labyrintisches Gewinde von Gärten, über schwellend brausende Bächeendlich an einem malerisch gelegenen Friedhof mit unheimlich blitzenden Kreuzen vorüber erreichte er das Pfarrhaus San-Medardo ...

Aus einem geöffneten Fenster, wo noch Licht brannte, begrüssten ihn die heisern Worte:

Ecco! Ecco! Al fine venuto! ...

Sie kamen von Pater Speziano und klangen wie die Beruhigung eines angsterfüllten Kerkermeisters, dem ein entflohener Gefangener endlich wiederkehrt ...

Fussnoten

1 Tatsache. 2 Monsignore Charvaz, Bischof von Pignerol, warf sich Karl Albert von Sardinien zu Füssen, um ihn von seinen Begünstigungen gegen die Waldenser zurückzuhalten. 3 1847. 4 Vor einiger Zeit so zu Münster in Westfalen geschehen. 5 Tatsache. 6 Der den Verrat leitete. 7 Gaisruck. 8 Sturla's eigene Worte. 9 Tatsachen. 10 kommt in Jesuitenhäusern vor.

6.

Als derselbe Tag noch goldensonnig am unbewölkten Himmel geleuchtet hatte, fuhr ein kleiner, mit Staub bedeckter Halbwagen langsam auf der Landstrasse zwischen der Stura und dem Gesso dahin, zweien Bergströmen, die hinter Robillante in ihrem Lauf miteinander wetteifern ... Um die Dämmerung gelangte das kleine Gefährt an die Tore einer Stadt, die in frühern Jahrhunderten stark befestigt gewesen sein musste ... Noch erhoben sich in dem alten Cuneum Römertürme; noch erstreckten sich rund um die Stadt zackige Mauern und tiefe Gräben ...

Die Strassen Conis, einer 15000 Einwohner zählenden Stadt, waren am südlichen Tor eng und düster, aber belebt von einer schwatzenden, muntern Bevölkerung, wie sie in Italien der Abend auf die Gasse lockt ... Kinder, Frauen, Greise, nichts bleibt dann daheim im geschlossenen raum; selbst die unterste Volksklasse sitzt in Hemdärmeln, Manchesterjacken, Blousen vor Kaffeehäusern, raucht, trinkt, schwatzt, streitet über die Tagesneuigkeiten, für deren Kunde ein einziges Zeitungsblatt ausreicht, da unter zwanzig meist nur einer lesen kann ...

Gesang ertönte ... Drehorgeln durchkreuzten sich in ihren Melodieen ... Der Kutscher erfuhr in dem Lärm erst von Andern, dass hinter ihm sein Passagier nach ihm verlangte ...

Er wandte sich teilnehmend ...

Coni ist eine ansehnliche Stadt ... Aber die schlechtgepflasterte Strasse musste dem Passagier, der ausgestreckt im inneren der Halbchaise lag, empfindlich werden ... Der Kutscher erfuhr, er sollte langsamer fahren ... Zugleich wurde nach dem Palast des Erzbischofs gefragt und von einem Dutzend Stimmen die Antwort erteilt ... Man begleitete den Wagen, der einen Kranken führte ... Es war ein todtbleiches, männlich gefurchtes Antlitz mit vollem wilden, hier und da ergrauten Bart ... Benno war damals ein Mann von vierzig Jahren ...

Die Strassenjugend folgte dem Wagen, der auf einen grossen Platz einbog, einen Exercirplatz, wie es schien; rings war das mächtige Quarrée mit duftenden Lindenbäumen besetzt ... Nicht zu entfernt von einer stattlichen Kirche lag hinter einem gegitterten Vorhof ein grossartiges Gebäude, vor welchem der Kutscher in seinem weissen hut, seiner braunen Jacke, seiner roten Halsbinde ebenso sicher anfuhr, wie der Führer einer sechsspännigen Carrosse ... Er wusste ja, dass er dem Erzbischof einen teuren Verwandten brachte ...

Ein Carabinier mit gezogenem Säbel hielt vor der hohen Eingangspforte des Palastes Wache ... Er deutete auf die Klingel, die der Kutscher, der schon abgesprungen war, nur anziehen sollte ... Ein Diener erschien ... In einer Art Livree von schwarzem Frack, schwarzen Beinkleidern, schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen ...

Der Kutscher hatte schon eine Karte in Bereitschaft, die dem Diener zur Anmeldung des Besuches übergeben werden sollte ... Zugleich bat er um hülfe, den Kranken aus dem Wagen zu schaffen ... So wie er da läge il povero, brächte er ihn dritto aus Genua ... Miracolo! setzte er mit beredsamem blick hinzuer brächte einen Mann, der nur durch ein Wunder noch lebte ...

Benno, bleich, mit blassen Lippen, starren Gliedern, auf einer halb zum Sitzen, halb zum Liegen eingerichteten Matratze, hörte und sah alles, was sein Führer trieb, aber er schwieg ... In der Tat schien er an den äussersten Grad der Erschöpfung angelangt ... Noch manches Jugendliche hatte sich in seinen Zügen erhalten ... Schmächtig und mager schien er geblieben, aber sein Hauptaar war fast grau, wie der mächtige Bart hier und da von gleicher Farbe ... Geronimo, der Kutscher, erzählte den sich schon mehrenden Dienern, zu denen sich Priester gesellten, der Kranke hätte in Rom einen Schuss in die Brust bekommen und die Kugel sässe noch fest; die ärzte hätten behauptet, der Verwundete würde, nachdem die Anstrengungen der Flucht von Rom nach Genua ihn schon dem tod nahe gebracht, eine weitere Reise schwerlich überstehen, aber nichts hätte ihn abbringen können, seinen Transport bis nach den Tälern von Piemont zu verlangen. Ihn selbst zwar hätte das Hospital gemietet und ihm als Ziel seiner Reise nur Nizza genannt. Dass es Coni und dort das erzbischöfliche Palais sein sollte, erfuhr Geronimo erst vom Verwundeten selbst in Vintimiglia. Dieser konnte die arme nicht bewegen, konnte keine Briefe schreibensie aber von andern schreiben zu lassen, hätte er abgelehnt. Niemand sollte erfahren, wohin seine