1858_Gutzkow_031_860.txt

noch schlimmerer Ruf verfolgt, als der, den der Graf kannte, es lag zu viel Gemeinsames in ihren Lebensbezügen, ihre Erinnerungen trafen so oft auf einem Punkte zusammen, dass ihn der Graf nahm, wie er sich gab ... Terschka knüpfte immer und immer an Angiolinen an ... Und der Graf wusste, wie energisch Terschka auf Schloss Neuhof für sie gesprochen hatte ... Terschka kam auf Angiolinens Mutter, die Herzogin von Amarillas, die aus London erwartet würde und wieder in Rom wohnen wollte, wenn sie nicht, unterbrach er sich, wohl gar noch hierher kommt, um ihren, wie ich glaube, hoffnungslosen Sohn aufzusuchen ...

Der Graf gab alle diese Möglichkeiten zu, hörte sie aber voll Schrecken und Wehmut ...

Terschka erzählte von Fürstin Olympia, deren verhältnis mit Benno schon seit lange nicht mehr das alte gewesen sein sollte ...

Der Graf hörte Terschka's welt- und herzenskundige Auffassungen; aber so gross seine Teilnahme für Angiolinens Bruder war, so sehr er Benno's Seelenkraft bewunderte seit jenem Schreckenstage auf Schloss Salem, wo Schwester und Mutter in einem und demselben Augenblick von ihm gefunden und verloren wurden, so sehr ihn der Eindruck ergriff, den nun Benno's Anwesenheit in Coni auf alle, vornehmlich Armgart hervorrufen musstesein fragen und Forschen nach Diesem und Jenem war nur ein Verbergenwollen der grösseren Sorgen, die sein Inneres um Paula drückten ...

Terschka sah seinen Einfluss wiederkehren, sah, wie Graf Hugo sich an seinen Ton, seine alte Weise gewöhnte ... Er blickte um sich ... Sie waren tief im Waldesdunkel vorgedrungen und Zeit hätte es werden müssen, an die Rückkehr zu denken ... Immer mehr und mehr verstärkte sich der Wind, der von den Bergen wehte ... Die schwanken Wipfel der Bäume liessen Raum hier und da zu Durchsichten, wie in einem kunstvoll angelegten Park ... Die Wanderer gingen einen Bach entlang, der behend unter den jetzt hinund hergepeitschten Blütenbüschen dahinschoss ... Nur allmählich erhob sich die grüne Bergwand ... Schon war die Einsiedelei Federigo's in der Nähe ... Eine Gruppe der mächtigsten Eichen stand auf der Höhe so dicht beieinander, dass ihre Baumkronen von fern her zu einem jetzt im Winde den Einsturz drohenden Dach verwachsen schienen ... Ich war vor drei Tagen noch in Genua, erzählte Terschka, des Brausens und Rauschens um ihn her nicht achtend, wo eben Sturla aus Barcelona angekommen war ... Dort schon hört' ich, dass sich Cäsar von Montalto, schwer verwundet, unter den Trümmern der römischen Aufstandsarmee befand und auf dem Wege nach Coni war, ohne Zweifel zum Erzbischof ... Auf der steilen Riviera di Ponente begegneten wir ihm ...

Wir? wiederholte der Graf ...

Pater Speziano und ich – ...

Pater Speziano! Wagt ihr euch so weit schon wieder ins Land! ...

Wir stiegen in Robillante auswohin ich bis morgen frühzurück muss ... Incognitobis – – nach RomGraf! ...

Erzählen Sie! ...

Durch Vintimiglia fuhren wir im Postwagen und hielten eine Weile, ohne auszusteigen ... Vor einem Kaffeehause, wo unsere Pferde gewechselt wurden, stand ein halb offner Wagen ... Sehen Sie da! rief Pater Speziano und deutete auf den Wagen ... Ein Kranker lag in ihm zurückgelehnt ... Ich blicke nähermich schützten die Jalousieen des Postwagensund erkenne den Bruder Angiolinens ... Sollt' ich es wagen auszusteigen und ihn anzureden? ... Sein Zustand sah dem eines Sterbenden ähnlich ... Speziano hielt mich zurück ...

Der Graf geriet in eine Stimmung des unsaglichsten Schmerzes ... Sollte alles dem Verhängniss verfallen, überall der Tod seine Opfer suchen! ...

Wo sind Sie abgestiegen? fragte er noch einmal, ehe sie sich zur Rückkehr wandten ...

In Robillante – ... Aber für diese Nacht unten in San-Medardo beim Pfarrer ...

Und die Herzoginseine Mutter –? ...

Ist mit Fürstin Olympia eilends aus London gekommen ... Die letzten Nachrichten von diesen Frauen hatte man aus der Schweiz ... Erfuhren sie von Montalto's Verwundung und Gefahr und seiner Reiseroute, so kommen sie ohne Zweifel hierher ...

Olympia –! rief der Graf und dachte an eine notwendig werdende Vorbereitung Armgart's auf so erschreckende Möglichkeiten –.. Vielleicht klopfte er noch jetzt dem Obersten und zog zunächst diesen ins Vertrauen ...

Aber werden Sie katolisch, Graf! drängte Terschka ... Es ist die Religion der reinen Menschlichkeit ... Krönen Sie mein Werk, dem ich dann achtzehn Jahre meines Lebens geopfert habeSo lässt es sich wenigstens darstellen ... Die Mittel, die ich anwandte, sind natürliche gewesen und ich bin gerettet – ... Sie erlösen mich von Strafen, die alles überschreiten werden, was meine natur erträgt ... Das AlGesú macht ein Endurteil über mich – ... Ich habe keine Kraft, einem Geschick zu trotzen, das mich in die Mitte der beiden mich verfolgenden Parteien nimmt ... Wollt' ich auch zum zweiten male entfliehen, ich wäre vor Mazzini's Rache ebenso wenig sicher wie vor der des Al-Gesú ... Graf, werden