auch einen und diesen voller Mahnungen an Lucinden eingelegt hatte, dessen übergenug empfangen. Das Suchen nach Ihnen, liebe Lucinde, sagte sie spitz, muss viel Ausgaben verursacht haben!
Klingsohr hatte schon immer eine Zuneigung für die Familie gehabt und hatte ihr Leben oft genug romantisch genannt. Man verständigte sich, vergab sich einander, was etwa gegenseitig gefehlt war, und bald entspann sich auf einige Tage ein Zusammenleben, in dessen Hintergrunde der Entschluss Lucindens zu stehen schien, dass sie Klingsohrn wieder nach Schloss Neuhof begleiten wollte. Es bekümmerte sie, dass der Kronsyndikus so kalt geantwortet hatte.
Schloss Neuhof betret' ich mit keinem fuss mehr! sagte Klingsohr. Doch will ich dich bis Lüdicke begleiten!
Madame Serlo horchte nur immer. Sie sollte ihre Eroberung aufgeben? Lucinde besass noch Kleider und Schmuck genug, um davon ein ganzes Jahr lang sie alle erhalten zu können ... Die Frau blinzelte ihr Standhaftigkeit zu.
drei Tage war Klingsohr in Lüneburg, als er auch dort sein gewohntes Leben begann ...
Er fand göttinger Freunde, er entzückte durch den Dämmer der Poesie, mit dem er sich teils durch Reminiscenzen aus den beliebtesten Dichtern, teils durch die Gabe der eigenen Improvisation zu umgeben wusste, er erntete, wenn er sprach oder schwieg, die gewohnte Bewunderung, er streifte die Aermel seines Rockes wieder im heiss gewordenen Gespräch empor wie einer, der auf die Mensur zu treten bereit ist, und war der Titane, dessen Zukunft noch niemand berechnen konnte.
Madame Serlo beobachtete scharf. Am Nachmittag des vierten Tages öffnete sie leise das Zimmer, in dem Lucinde eben an den Kronsyndikus schreiben wollte, winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Nummer, die Klingsohr bewohnte.
Das Zimmer fanden sie unverschlossen.
Madame Serlo hatte es aufgedrückt und zeigte auf Klingsohrn, der über sein Bett auf den rücken ausgestreckt lag, eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand hielt und zu schlafen schien.
Er hat Opium geraucht! sagte Madame Serlo. Sehen Sie nur! Nun träumt er! Er ist im siebenten Paradiese!
Lucinde beobachtete den Unglücklichen, der mit offenen Augen lag, aber völlig abwesend war. Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, der linke hing schlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife, aus der er leicht ein Opiat geraucht haben konnte. Auf dem Fussboden lagen die Gedichte Coleridge's, jenes englischen Dichters, der am Opium zu grund gegangen ist.
Lucinde war vollkommen berechtigt, an diese Deutung zu glauben. Diese offenen Augen, diese blassen und krampfhaften Gesichtszüge, verbunden mit einem zuckenden Hüpfen der Nerven, bestätigten, was sie von beiden Serlos über die Wirkungen dieser Betäubung schon vernommen hatte. Sie wurde darüber von einem Grade von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen, dass sie bat, den Ort, der ohnehin keine Hoffnungen für die Bühne bot, sofort, aber auch augenblicklich, ohne sein Erwachen abzuwarten, zu verlassen.
Madame Serlo hatte erreicht, was sie wollte.
Serlo, den man hinzurief, sprach mitleidiger und riet zur Versöhnung, zur Heilung des Unglücklichen. Er hatte dem Klosterleben, dem Leben der Entsagung nahe gestanden, er kannte die Verirrungen der Phantasie ...
Lucinde nahm keine Beruhigungen an. Sie forderte die Rechnungen ein, gab einen wertvollen Ring von den Geschenken, die ihr der Kronsyndikus noch beim letzten Abschied in Kiel gegeben, zur Ausgleichung der Zeche und wollte schon fort in einer Stunde.
Von Madame Serlo wurde sie aufmerksam gemacht, dass man Klingsohrn einschliessen sollte ... er könnte bestohlen werden. Damit zeigte sie auf ein Portefeuille, das ihm aus der Brusttasche entglitten war und neben ihm auf dem Bette lag.
Es war ein Geschenk, das Lucinde ihm selbst gefertigt; eine Stickerei von ihrer Hand zierte die beiden Deckel. Nichts vom Inhalt, nur das Portefeuille selbst wollte sie an sich nehmen. Sie öffnete, warf einiges Geld, einige kleine Schlüssel, Bleistifte, sogar zerknitterte Briefe, alles, was darinnen lag, hinaus, warf es ungeprüft und ungelesen auf die Bettdecke, behielt ihr Geschenk, das Portefeuille, schloss die Tür zu und liess, wie sie bitter wiederholte, Klingsohrn im siebenten Paradiese. Es wird schöner sein als das Dante'sche! setzte sie zu Serlo hinzu. Sie wussten beide, dass Klingsohr über Dante gelesen und des Florentiners Hölle fesselnder und anziehender genannt hatte als dessen Himmel.
Serlo hatte seiner Gattin gegenüber aus physischer Schwäche keinen Willen. Er sorgte nur immer, auch beim Reisen, Ankommen und Abgehen, für die Kinder. Der Handel mit dem Wirte wurde abgeschlossen. Man hatte noch einen guten Ueberschuss und accordirte einen Wagen. Er sollte sie der obern Elbe zuführen.
Schon war man im Packen begriffen, als sich in Klingsohr's Zimmer ein entsetzliches Pochen vernehmen liess.
Man gab dem Kellner den Schlüssel, mit dem geöffnet werden konnte.
Zugleich sprang Lucinde in ihr Zimmer, Madame Serlo folgte, beide verriegelten sich.
Auf dem Corridor hörte man Klingsohrn jetzt nach seinem Portefeuille rufen. Da er den Inhalt gefunden hatte, konnte er von keinem Diebstahl sprechen. Er rief Serlo; dieser wies ihn von seinem Zimmer aus an die Frauen.
Am Schlüsselloch des Nebenzimmers lauschte Madame Serlo.
Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Portefeuille. Es war Winter; sie sah sich nach dem Ofen um, um das Portefeuille zu verbrennen.
Madame Serlo hinderte sie und öffnete wenigstens noch einmal das schöne Geschenk.
Alles das geschah, während Klingsohr an der Tür rüttelte,