1858_Gutzkow_031_859.txt

Graf, wenn ich es offen würdeundsagen könnte –...

Der Graf horchte auf ...

Treten Sie über! ... Lassen Sie mein jahrelanges Werk endlich mit Erfolg gekrönt sein! ... Tun Sie es öffentlich, so soll es mir nicht zu schwer werden, es meinen Obern so darzustellen, als wenn alles, was ich mir seiter habe zu Schulden kommen lassen, nur ein Mittel war zu höherm Zweck ... Tun Sie es geheim, wohlan dann desto besser ... In diesem Fall würde' ich Ihr Gewissensfreund bleiben, würde Ihr Wächter scheinen dürfen und könnte so fortleben, wie bisherselbst unterm Schein, Priesterstand und was nicht alles verwirkt zu haben ... Oesterreich erhält die Weisung, meine Lage zu ignorirenPiemont schützt uns ohnehin ... Werden Sie katolisch, Graf! ...

Graf Hugo brauste nicht auf und entsetzte sich nicht ... Es gab eine Stelle in seinem inneren, die von Terschka's Vorschlägen elektrisch berührt wurde ... Die Jesuiten waren ihm nicht der Katolicismus ... Religion nannte er übliche Sitte und Landesart ... Der geselligen Spaltungen, die in seiner frühern militärischen Stellung für ihn als Akatoliken lagen, erinnerte er sich ungern ... Den stolzen Mut seiner Mutter, gerade im Widerspruch mit weltlichen Rücksichten zu leben, besass er nicht ... Mehr noch, wirkliche Liebe zu Paula fing ihn zu bestimmen an ... Um sich, um die Mutter aus bedrängten Verhältnissen zu reissen, hatte er eine Standesehe geschlossen, ohne Paula die Zumutungen einer Gattin zu machen – ... Und die ersten Jahre war es ein verhältnis gewesen, wie auch nur je eine Vernunftehe unter hochgestellten Personen geschlossen wurde ... Als aber Paula in Italien, in Bonaventura's unmittelbarer Nähe lebte, als sich die hochgespannte Leidenschaftlichkeit dieser Beziehung milderte, als die bescheidene Unterordnung des Grafen unter den Erzbischof diesen nicht minder, wie Paula rührtedie Jahre und die Reife des Geistes bringen allem Menschlichen sein Mass und lehren uns die wahren Güter des Lebens in Höherem suchen, als im persönlichen Glückda hegte Graf Hugo Hoffnungen auf sein Weib ganz mit der Werbung eines Liebenden ... Das Aussterben seines Stamms, die der Möglichkeit, noch einen Erben zu gewinnen, immer mehr gezählten Stundenschon allein diese Rücksicht verlangte ein Entweder-Oder ... Und da glaubte denn Graf Hugo schon lange, dass er sich und Paula diese Entschlüsse durch seinen Uebertritt erleichtern würde ... Den kirchlichen Beziehungen seiner Mutter war er entrückt; die fortzusetzende Verbindung mit den Waldensern setzte eine grössere geistliche Neigung voraus, als er sie besass ... Aus solchem Indifferentismus, verbunden mit Resignation des Gemütes, erfolgte schon oft ein Uebertritt zur römischen Confession ... Und so konnte er Terschka's Vorschläge hören, ohne sie sofort von sich zu weisen ... Hatte er nicht auch eine Reihe der glücklichsten Jahre mit diesem Menschen verlebt, oft über seine Ratschläge den Stab gebrochen, oft sie dennoch befolgt –? ... Zwischen ihm und Terschka hatte von jeher die mitleidige Toleranz eines Herrn für einen erwiesenermassen nicht immer ehrlichen, aber bei alledem in seiner Art unersetzlichen Diener geherrscht ...

Der Abendwind erhob sich mehr und mehr ... Wolken legten sich über die Sterne ...

Graf Hugo liess Terschka redenliess sich ihm bald raten, bald schmeichelnliess sich von ihm den Rock zuknöpfen, aus Besorgniss, der Graf möchte sich "verkühlen" – Bald an dieser bald an jener Stelle seines Gemütes wurde er berührt ... Auch das Glück schilderte Terschka, das er sonst hier gefunden haben wollte bei des Grafen Mutter ...

Die herrliche, Gütige! sprach Terschka ... In Londonda lag ich zerknirscht zu ihren Füssen ... Sie schickte mir einen Geistlichen, dem ich meinen Glauben abschwören sollte ... Oeffentlich in einer Kirche hab' ich es nicht getanich ging zum Abendmahl und nahm es in beiderlei Gestalt ... Graf, darin sind wireinig; was mich einst zum Priester machtewas war es? ... Für mich waren die Weihen nichts, als eine Erlösung vom Gewöhnlichen ... Die klugen Väter erkannten es zu spät und gaben mir einen Auftrag, der mich dem Weltleben zurückgab ... Kann man den Jesuiten, den Soldaten der Kirche, verdenken, dass sie Wert auf den Besitz eines Namens legen, wie des Ihrigen? ...

Graf Hugo verabscheute, was er hörte, aberer dachte an Paula und die Zukunft seines Namens ... Der Zauber des gebundenen Willens lag schon lange auf ihm ... Was jeder verworfen hätte, was Monika Unmoralität nannte, vertrug sich bei ihm mit manchen geheimnissvollen Stimmungen der Seele ... Es gab keinen andern Ausdruck für sein Gefühl, als den, dass die reinere natur des Katolicismus, die natur, die selbst ein Terschka nicht entweihen konnte, geheime und mystische edle Dinge verklärte ... "Der erste Beichtstuhl wurde aus dem Baum der erkenntnis gezimmert" hatte die Gräfin Sarzana vor einigen Jahren hier gesagt ... Graf Hugo versank immer mehr in ein brütendes Nachdenken ...

Terschka erging sich in Lobpreisungen des katolischen Glaubens vom Standpunkt der Weltlichkeit, die beide früher so eng verbunden hatte ... Und hätte ihn ein