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der Freundin ...

Ein leichter Abendwind erhob sich und brachte noch würziger die Düfte der Rosen und Orangen ... Nun wandte sich Armgart und erinnerte, dass sie schon in aller Frühe aufbrechen müssten ... Sie wollten zur Ruhe gehen ...

Da ist der Graf ... unterbrach sich Paula im Gehen und deutete auf den Garten ...

Armgart entdeckte unter den dunklen Schatten des Schlosses, heraustretend aus einem Boskett von Lorberbüschen, die mit hochstämmigen Camellien durchzogen waren, den Grafen mit einem Begleiter ...

Kaum hatte sie hingeblickt, so stiess sie einen unterdrückten Schreckensruf aus und sagte:

Das ist jaTerschka! ...

Paula hatte Terschka's Bild im Gedächtniss fast verloren und lehnte die Richtigkeit der Erkennung ab ...

Armgart versicherte aber:

Er ist es ... Verlass dich ... Das ist sein gang ... Das seine Art, so mit den Händen zu fechten ...

Der Dämon seines Lebens –! sprach Paula dumpf und mit einer Teilnahme für den Grafen, die die Macht der Gewöhnung über ihr Herz verriet ... Sie konnte nicht liebevoller von einer Gefahr für Bonaventura sprechen, als jetzt von einer für den Gatten ...

Der nächste Gedanke an eine für den Grafen zu befürchtende persönliche Gefahr konnte nicht lange anhalten ... Der Graf ging ruhig ... Nur der dunkle kleine Schatten neben ihm schwankte – ... Jetzt standen die Wandelnden still ...

Armgart fuhr von einigen hohen Cactustöpfen der Balustrade zurück, die sie verbargenerbebend vor dem blick, den Terschka durch das Dunkel der Nacht auf sie herüberwarf ...

Was kann er wollen? ... fragte Paula ängstlicherregt ... Die Freundschaft, die sie für ihren Gatten empfand, liess sie mit einem einzigen blick die Gefahren übersehen, die im Gefolg einer solchen Wiederbegegnung eintreten konnten ... Dass Terschka zu den Jesuiten zurückgekehrt war und vielleicht in Freiburg, wo noch vor kurzem Hunderte der vornehmsten Adligen erzogen wurden, streng, doch mit offenen Armen, vorläufigals Lehrer der Reitkunst aufgenommen wurde, hatte oft Graf Hugo selbst gesagt ... Unmittelbar nach Terschka's vorausgesetzter Rückkehr zum Orden brachen die Ereignisse an, die die Jesuiten von Freiburg verjagten ... Paula kannte jetzt alles, was Pater Stanislaus einst bei ihrem Gatten im Auftrag des Al-Gesú hatte sein sollen; gerade diese Gedankengänge hatten so oft Veranlassung gegeben, im kirchlichen Glauben das Aechte vom Falschen zu unterscheiden und Bonaventura's Entrüstung über die seelenmörderische Tätigkeit der Jesuiten zu teilen ... Paula wusste, dass die verführerischen Plane des Paters an ihres Gatten gesundkräftiger natur und Terschka's Mangel an Selbständigkeit scheiterten ... Was er wäre, hatte oft der Graf zu Paula gesagt, verdankte er dem Leben unddem tod Angiolinens, dann freilich vorzugsweise dem einen Tage, den Bonaventura mit ihm auf Schloss Salem zugebracht ... Verliess sich auch Paula auf die Wahrheit dieser Worte, so war doch schon lange ein trüber Stillstand in des Grafen Leben eingetreten ... Die unerwiderte Zärtlichkeit für seine Gattin, sein mannichfach geteiltes Herz, die jetzige Erfüllung aller seiner äussern Wünsche hatten einen Zustand der Mutlosigkeit hervorgerufen, aus dem sich emporraffen zu wollen sein fester Wille schien ... Der Tod der Mutter, die Ankunft des Obersten schien Pläne zu erleichtern, deren Ausführung nun vielleicht in die HandTerschka's geriet? ... Paula geriet in die heftigste Erregung ...

Armgart, aus natürlichen Ursachen selbst erbebend, konnte nicht alles übersehen, was sich so in Paula's Seele an Angstgedanken jagen konnte ... Aber sie fühlte die Hand der Freundin erkalten, fühlte, dass in Paula's Brust eine Teilnahme für den Gatten zitterte, die ihr schon lange viel mehr, als nur die Folge der Gewöhnung an ihn schien ... Staunend und ihres eigenen Schreckens nicht achtend sagte sie:

Beruhige dich! Sieh, wie friedlich beide nebeneinander gehen ...

Ausgesöhnt! ... Unddem wald zu! ... sprach Paula voll Bangen ...

Eben gingen der Barbe Baldasseroni und der Aelteste der Waldenser denselben Weg dem wald zu ... Im untern schloss wurde es lebendig; die Gesellschaft trennte sich, Diener waren in Bewegung ... Armgart glaubte, dass man Paula's Befürchtungen nicht zu teilen brauchte ... Sie stockte eine Weile, ob sie den älteren von Terschka's Nähe sprechen sollte, unterliess es aber, aus Besorgniss, dass ihnen mit dieser Nachricht die Nachtruhe geraubt würde ... Zu Paula's Beruhigung zog sie zwei Diener ins Vertrauen, die sie beauftragte, in einiger Entfernung dem Herrn und seinem Gast zu folgen ... Der Abendwind wurde frischer; sie sollten dem Grafen und seinem Besuche Mäntel nachtragen ... Armgart zog die Freundin in ihr Schlafgemach, dessen Türen auf die Altane hinausgingen ... So lange wollte sie bei ihr bleiben, bis der Graf zurück wäre ... Schon allein das Bedürfniss, sich über die gebundenen Stimmungen ihrer Seelen auszusprechen, hielt sie inzwischen beide wach ...

In der Tat hatte sich Armgart nicht geirrt ...

Terschka war esund in leichtem, unpriesterlichem Reisekleide ... Er hatte den Grafen um einen unbemerkten Empfang gebeten und demzufolge ihn draussen auf der Terrasse begrüsst ... Die Ruhe,