zu können ... Wohl mochte sie inzwischen an den Aschenbecher gedacht haben, den sie einst Benno gegeben ...
Paula sagte:
Dich selbst wieder zu sehen, wird ihm die liebste Gabe sein ...
Wie fürcht' ich seine Begegnung mit meinen älteren! ... fuhr Armgart fort ...
Paula bestätigte diese Furcht, wenn sie sagte:
Oft spricht der Freund: Auch wenn zwei dasselbe sagen, ist es darum noch nicht dasselbe! ...
Sie deutete damit den verschiedenen Grund an, auf welchem von beiden Parteien das Leben der Kirche gebessert werden sollte, setzte aber begütigend hinzu:
Aber auch mein Glaube ist schon längst, dass alles, was wir zu sehen und zu begreifen wähnen, eine Täuschung ist ... Ist das ein Haus? Sind das Berge? Wir nennen es so ...
Das mein' ich nicht! widersprach Armgart ... Die Verstandeskräfte, die uns nun einmal gegeben sind, sind unsere sichern Wegweiser ... Wir haben gar kein Recht, ihnen zu mistrauen ... Für uns ist wahr, was sie sagen ... Gibt es eine andere Wahrheit, so kommt sie uns gar nicht zu ...
Waren es die gewöhnlichen Sinne, die mich einst bei wachem Auge schlafen und wachen liessen bei geschossenem? entgegnete Paula ... Damals als dem heiligen Stuhl meine Angelegenheit vorgelegt und mein Zustand verurteilt wurde, glücklicherweise ohne Nachteil für Bonaventura, hab' ich ein Heft in die Hand bekommen, wo vieles verzeichnet stand, was ich gesprochen haben soll ... Als ich alles das las, war mir's doch wie einem Menschen, der sich an den Glauben gewöhnen soll, schon einmal vor seiner Geburt gelebt zu haben ... Das glauben freilich auch viele und trauen dem Schöpfer die Armut zu, den Stoff, aus dem er Menschen bildete, so sparsam aufbewahren, so vorsichtig verwerten zu müssen ...
Armgart gedachte lächelnd des Dechanten, dem sie Gleiches gesagt, als er sie in einen Vogel verwandelt prophezeite ...
Ich las damals, fuhr Paula fort, dass aus mir heraus eine Macht gesprochen hätte, die Frau von Sicking die des Teufels nannte ... Meine angebliche Wunderkraft, die Kraft des Gebets verlor sich in der Tat; schlimme Sagen wurden über mich verbreitet; als ich gar den luterischen Grafen ins Land zog, erlosch an mich der Glaube ganz ... Nun sah ich, was mein Traumreden war; es war die stille Ansammlung von tausend unausgesprochen in mir lebenden Urteilen und die für sich selbst fortarbeitende Unruhe des Geistes, der seine Eindrücke wider Willen aussprach ... Ich sah einen neue Himmel und eine neue Erde; warum? Weil ich eine Welt haben wollte für mich und Bonaventura ... Ich sah die Kirchenväter; sie schlugen andere Bücher auf, als die wir kennen, lesen und befolgen sollen ... Ich sprach, zumal aus der Seele deines Vaters, Dinge, die ich glaube jetzt auch ohne Hellschlaf verkünden zu können – freilich fehlt mir der Trieb dazu ... Die Sprache, die deine Mutter redet, ist die nicht, die ich dann wählen möchte ... Doch glaube mir, Armgart, auch der Erzbischof denkt wie deine älteren; oft verheisst er zeiten der grössten Umgestaltung – nur müsse die Kraft, die sich dann bewähre, eine gesammelte und vorbereitete sein ... Rüste dich, manches an ihm zu entdecken, was dich überraschen wird – ...
Dem Gedanken, meine älteren zu versöhnen, sagte Armgart, hab' ich meine Jugend geopfert und es scheint, mein ganzes Leben wird diesem Opfer folgen ... Trennen kann ich mich nicht mehr von dem milden und gütigen Sinn des Vaters und dieser wieder hat alles in der Mutter, was ihm sein Leben noch zur Freude macht ... Was ihn sonst an ihr verletzte, gerade das ist jetzt seine Erhebung geworden ... Beide sehe' ich treuverbunden und darum trag' ich alles und murre nicht und durch Schweigen helf' ich mir oft mehr, als durch Worte ... So hoff' ich, komm' ich auch mit dem Erzbischof aus, der mir ohnehin zu allen zeiten mehr streng als nachsichtig war ...
Paula suchte der Freundin liebevoll diese Voraussetzung zu nehmen und umarmte sie ... Beide standen schön und schlank im Abendlicht ... Paula schien jetzt kleiner – doch war die Höhe der Freundinnen gleich ... Paula küsste Armgart's Stirn ...
Wie vieles von dem, was ich in meiner Krankheit sah, ist eingetroffen, sagte sie, und nur das eine – eine Bild, wo ich dich und Benno immer nur verbunden erblickte, traf nicht zu ...
Du sahst mich mit ihm auf Felsen, entgegnete Armgart, sahst mich mit ihm am Ufer des Meeres ... In jeder Gefahr war ich ihm zur Seite ... Ist das nicht alles eingetroffen? Jetzt – bin ich auch bei ihm und bald – – bald – ...
Armgart –! unterbrach Paula die düstere Erwartung und zog die Freundin an sich, der ein Strom von Tränen entquoll ...
Dann entwand sich Armgart mit stürmischer Geberde und trat an den Rand der Altane, ihr Haupt auf die hohen Vasen der Blumen legend ...
Eine Weile dauerte Paula's beruhigendes Streicheln der Stirn, der Wangen und der hände