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erwidert: Solche Menschen sollen erst noch geboren werden, die, wenn sie von natur eitel sind, ertragen, dass man ihnen auch nur eine einzige ihrer gewohnten Huldigungen entzieht ... Solche Naturen schmollen ewig, wie die Koketten, die uns ein Wort über ihren Teint nicht vergeben können ... Von Dem erwarten Sie nichts mehr ...

Paula war wegen Benno's aufgestanden ... Armgart erblasste sogleich und sass still in sich versunken ... Graf Hugo nahm die Zeitungen, aus denen Baldasseroni vorgelesen hatte und wiederholte voll Schmerz: AlsoCäsar Montaltoverwundet ...

Der Vater, die Mutter sahen auf Armgart ... Paula wollte sich der Freundin hülfreich erweisen; denn langsam erhob sich jetzt Armgart ...

Man konnte zum Glück hinter der Teilnahme für eine Störung, die dem Grafen wurde, die Betroffenheit verbergen ...

Diesem hatte man eben einen Brief überbracht, mit dem Hinzufügen, auf der Terrasse draussen harre der betreffende Herr, der ihn abgegeben, und wünsche den Grafen selbst zu sprechen ...

Graf Hugo hatte die wenigen Zeilen des Billets wieder und wieder überflogen und stand halb auf dem Sprunge, zu gehen, halb kämpfte er mit sich zu bleibenob aus Teilnahme für Benno, ob aus Interesse für Armgart, ob vor Erstaunen über den Brief, liess sich nicht unterscheiden ... Erst auf Paula's an ihn gerichtete Frage, wer so spät ihn noch zu sprechen käme, fasste er einen Entschluss ...

Der sonst so Aufmerksame erwiderte seiner Gattin kein Wort ... Wie abwesend verliess er den Saal ...

Die übrige Gesellschaft fand in alledem kein Arg und blieb noch beisammen ... Angeregt plauderte man durcheinander, auch nachdem Paula und Armgart sich entfernt hatten ... Stumm, doch innig teilnehmend hatten ihnen die älteren nachgeblickt, blieben aber um so mehr im saal, als jetzt auch der Graf fehlte ...

Nur durch einige Zimmer brauchten die Freundinnen zu schreiten, um auf eine Altane zu treten, von der sich in den Garten blicken liess ... Es war ein milder Juliabend, der nach brennender Hitze des tages die sanfteste Kühlung brachte ... Der Mond, dessen vollen Strahl Paula noch immer vermied, war im abnehmenden Licht ... Nur die Sterne erhellten die stille Nacht und weckten, wie sie so dicht auf der Höhe der Seealpen lagen, sehnsucht in die Ferne, sehnsucht nach dem grossen jenseitigen Meer ... Die Terrasse, auf die Graf Hugo hinausgerufen, lag unter der Altane zur Seite und stiess an ein offenes Gewächshaus, in das man eintreten konnte, um sich, wenn man wollte, dort auf Ruhebänken behaglich niederzulassen ...

Benno verwundet –! sprach jetzt Paula und zog liebevoll die tiefergriffene Freundin an die Brust ...

Alles geht hin –! Was bleibt übrig! ... hauchte Armgart leise und schien gefasst ...

Wird er sterben? ... lehnte Paula ab ...

Ich begrub ihn längsterwiderte Armgart, mit sich kämpfend, um nicht, wie sie sagte, – "töricht" zu erscheinen ...

Eine Träne aber perlte an ihrem Auge ... Die Freundin küsste ihre Stirn ... So lagen sie eine Zeit lang aneinander ...

Vom saal herüber erscholl wieder die lebhafte Unterhaltung der Gesellschaft ...

Wie wird dir's wohl tun, begann Armgart, um mit Gewalt die Gedanken an Benno zu verscheuchen, wenn du wieder in deinem haus in Coni bist! ... Ich glaube nicht, dass dir für immer die hiesige Welt behagen könnte ...

Der Graf und ich, erwiderte Paula im Gegenteil, wären dennoch lieber hier ... Aber müssen auch wir nicht in Coni um den Freund erbangen? ... Oft ist uns, als könnte sein Lebenslicht in Einer Nacht erlöschen ...

Nenne sie nicht beide zusammen! ... fiel Armgart ein ... Dann schwieg sie lange und sagte entschuldigend: Benno liebte fast zu sehr seine Mutter ... In ihr liebte er Italien ... Italien ist ein Gift ... O diese Mutter! ... Sie trägt die Schuld an allem ... Sie hat ihn auch jetzt getödtet ...

Paula hörte, was schon so oft von den Freundinnen besprochen worden ... Sie kannte die Mutter Benno's nur aus den Schilderungen, die Bonaventura und Lucinde von ihr gegeben ... Die aus dem mund der letzteren gekommenen waren wenig vorteilhaft für die Herzogin von Amarillasauch Angiolinens, ihres Kindes Schicksal hinderte den Grafen, mit besonderer Anerkennung von ihr zu sprechen ... Alles das waren schmerzliche Erinnerungen, wehmütige Vorstellungen für beide ...

Armgart bekämpfte sich, schwieg und setzte sich, ihr Haupt aufstützend, auf einen der gusseisernen Sessel, die unter einem zeltartigen Dach von gestreiftem Zeuge standen ...

Nach einer Weile fragte sie:

Wer mag den Grafen so spät noch abgerufen haben? ...

Man entdeckte den Grafen nicht ... Vielleicht war er weiter hinaus in den Garten gegangen, der offen, in nächtlicher Stille und mit seinem berauschenden Dufte vor ihnen lag ...

Paula sagte, sie brauchten wohl über das Verbleiben des Grafen keine Besorgniss zu hegen; sie setzte sich zu Armgart, die es beklagte, dem Erzbischof zu morgen kein würdiges Geschenk bringen