Armgart erschreckenden Vorgängen ab ... Von Gräfin Sarzana sah man wohl, dass ihr Mut, ja ihre Keckheit, auf Castellungo zu erscheinen, ihr teuer zu stehen gekommen war ... Paula behandelte sie mit Artigkeit, der Graf aber nur als eine Störerin der Ruhe seines Freundes Bonaventura und die alte Gräfin vollends wandte der Apostatin den rücken ... Statt ihrer erschien dann die rechte Hand Fefelotti's selbst, Abbate Sturla aus Genua ... Die Welt erzählte sich, dass Sturla's erster Besuch beim deutschen Erzbischof einige Stunden gedauert und bei diesem eine Aufregung hinterlassen hätte, die ihn mehrere Wochen aufs Krankenlager warf ...
Bald nach Sturla's Abreise gingen dunkle Gerüchte von einer neuen Reise des Erzbischofs nach Rom, ja von baldiger Niederlegung seiner hohen Kirchenwürde, von seinem bevorstehenden Eintritt in den Benedictinerorden und seinem Uebergang in ein deutsches Kloster ... Da brach die neue Aera an ... Abbate Sturla, der inzwischen in Turin und Mailand gewesen (auch hier war der Erzbischof ein Deutscher7) und über Coni nach Genua zurückkehren wollte, predigte in Robillante ... Sturla erlaubte sich am Schluss seiner Rede gegen das in wenig Wochen umgewandelte Rom die Wendung: "Lasst uns beten für das Seelenheil des Heiligen Vaters! Lasst uns beten, dass Gott ihn vor dem Schicksal, ein Ateist zu werden, bewahren möge!"8 Da verlangte Bonaventura, dass der Bischof von Robillante dem Abbate die Kanzel verbot und zeigte den Obern desselben in Genua an, Sturla schiene ihm dem Wahnsinn nahe gekommen und müsste angehalten werden, sich Geistesübungen zu unterwerfen ... Sturla floh mit der wachsenden Bewegung nach Frankreich und Spanien9...
Nach einer wilden, an Hoffnungen und ebenso vielen Täuschungen reichen Zeit, wo namentlich Graf Hugo in der grössten Aufregung lebte und unter dem Druck seines politischen Doppelverhältnisses bis zu sichtlicher Verzweiflung litt, war Sturla der erste, der in Genua wieder die alten Umtriebe begann ... Noch ehe die Franzosen im Kirchenstaat landeten, erhob schon die Reaction ihr Haupt ... Was sich zwei Jahre wie die Schwalben im Sumpf versteckt gehalten, flog wieder auf ... Die Doroteïnerinnen hatten sich in Pisa, in der Nähe von Florenz, niedergelassen ... Die Leonhardiner suchten wieder die Priester für das Gelübde der "Ignoranz" zu gewinnen ... Die Raffaëliner waren jene füssliche Bruderschaft, die dem Rosenbunde Schnuphase's entsprach, sich und andere als B l u m e pflegte und begoss und die kleinen Insekten der Fehler und Sünden, die etwa dem Wuchs der Nachbarblüte gefährlich werden konnten, in Form von Angebereien, letztere in kleine beschriebene Zettel gewickelt, in eine monatlich am Altar aufgestellte Büchse warf ... Diesen Bündnissen gehörte der mächtigste Einfluss auf die politischen Wahlen für staates- und Gemeindeleben ... Nach Toscana kehrte eine Dynastie zurück, die sich gelobte, ganz nur die Jesuiten walten zu lassen ... Jede Bibel, die in eines Katoliken Hand gefunden wurde, wurde verbrannt ... Pater Speziano wagte aus der Schweiz nach Coni zu schreiben, er würde mit acht Priestern, fünf Scholaren und sieben Laienbrüdern zu San-Ignazio wieder einziehen und getrost das Martyrium des Kerkers erdulden ... Beichtstuhl, Schule, Pensionat, Universität, Oberaufsicht der Nonnenklöster, Missionspredigt, die ganze Richtung vorzugsweise d i e s e s freisinnigen Staates sollte aufs neue zu einem äussersten Kampf den Fehdehandschuh hingeworfen erhalten ... Nun war Rom gefallen und die Einnahme der ewigen Stadt das Signal für die Rückkehr aller alten Positionen Fefelotti's ...
Das Interesse an Ruhe und Ordnung blieb allerdings bei den Possidenti das überwiegende; selbst bei den Waldensern, grösstenteils fleissigen und wohlhabenden Bauern ... Verwünschungen genug wurden gegen Garibaldi ausgestossen, der den nur unnützen Widerstand durch das Sprengen der Tiberbrücken um einige Tage hatte verlängern wollen ... Abendlich las man die Schilderungen aus dem "Monitore Romano", wie die einrückenden Soldaten zwar mit Zischen und den Rufen: "Nieder mit den pfaffen! Nieder mit den Fremden!" empfangen wurden; aber das Drama der Befreiung Italiens von äussern und inneren Feinden hatte ausgespielt ... Die Verteidiger Roms hatten den Versuch gemacht, sich nordwärts durchzuschlagen ... Dort kamen ihnen die Colonnen der Oesterreicher entgegen ... Man erstaunte, wie Garibaldi die Trümmer seines kleinen Heeres noch bis nach San-Marino führen konnte, wo dann alles sich auflöste und wohin irgend möglich zu entkommen suchte ...
Die ersten Acte der wiederhergestellten Priesterherrschaft wurden oft besprochen ... Die flüchtigen Jesuiten, hörte man, waren im Al-Gesú wieder eingezogen ... Statt des Monitore kam wieder das alte censurirte "Diario" ... Auch Gräfin Sarzana, las man, kam nach Rom ... In den Todtenlisten, die allmählich bekannt wurden, befand sich ihr Gatte als Gefallener ... Eines Abends wurde unter den Verwundeten auch Cäsar von Montalto genannt ...
Die Gesellschaft befand sich gerade am Vorabend des Bonaventuratages, an dem in erster Morgenfrühe der Graf, Armgart und Paula nach Coni reisen wollten, im grossen Speisesaal, als aus den Zeitungen diese Nachricht vorgelesen wurde ... Das Gespräch war bunt durcheinandergegangen ... Einigen Gutsbesitzern der Umgegend, die von Monika's Stellung zur Kirche keine rechte Vorstellung hatten und von Hoffnungen sprachen, die man noch auf Se. Heiligkeit und dessen persönlichen guten Willen setzen dürfte, hatte diese geradezu