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den alten Bibeln, Luter- und Zinzendorf-Ringen gesagt:

Ihr habt doch auch eure Reliquien! ...

Zu einer Erwiderung kam es nicht, da Paula allerlei Geschäfte mitbrachte, die sich auf die sittlichen Zustände der Gegend bezogen ... Seit dieser langen Reihe von Jahren hatte Graf Hugo für sich und Paula den Weg der Zerstreuung eingeschlagen ... Nicht nur beschäftigte er sich und Paula mit einer umsichtigen Pflege der hier so reizenden und reichen natur, sondern auch mit den Vorkommnissen seiner gesellschaftlichen Beziehungen, mit Aufgaben der Wohltätigkeit ... Der gute Wille, nützlich sein zu wollen, ist bei gebildeten und gutgearteten Vornehmen immer rege und hier kam ein fast ängstliches Verlangen hinzu, durch solche äussere Werktätigkeit aus dem Versenken in zu grosse Innerlichkeit entfliehen zu können ... Monika musste freilich schon wieder lächeln, wenn sie sah, mit welcher emsigen Umständlichkeit und mit welchem offenbaren Nichtberuf für praktische Bewährungen die junge Schlossherrin, nun die souveräne Gebieterin von Castellungo, die an Glücksgütern gesegnete Herrin von Westerhof, von Schloss Salem, Besitzerin eines Palastes in Coni, ihre unerschöpfliche Wohltätigkeitsliebe zu einer segensreichen und mit Vorsicht gespendeten zu machen sich mühte, wie sie in die Hütten der Armen trat, momentane hülfe, aber selten, nach Monika's Meinung, den rechten Rat und die rechte Warnung brachte ... Sie weiss nicht, sagte sie, wie sie sich schon mit ihrer Krone am Giebel der Eingangstür in solche Hütten den Kopf stösst, vollends, wie sie zuletzt bei solchen Leuten mehr aufsehen und Schrecken, als Freude, wenn nicht gar Schlimmeres, zuweilen Spott, hinterlässt ... Sie spricht mit diesen Menschen wie ein Buch ... Sie werden sie alle zu Gevatter bittenDas pflegt noch die nützlichste Folge solcher vornehmen Herablassungen zu sein ...

Da nach dem Wunsch des Grafen, dem gleichfalls solche Herbigkeiten nicht erspart wurden und der dann oft träumerisch von Wien als einem Ausweg aus allen Labyrinten sprach, der Oberst fürs erste hier als Verwalter wohnen bleiben sollteauch gegen die winterlichen Verheerungen der Berggewässer sollten Brücken und Wehre gebaut werdenso sammelte auf dem schloss schon allabendlich Monika die hervorragenderen Persönlichkeiten der Umgegend zu einem behaglichen Kreise und hatte für diese sichere und feste Einwohnung ganz den Beifall sowohl des Grafen wie der gütigen Paula, deren weicher Sinn keiner ihrer Schroffheiten aufbieten konnte ... Die italienische Sitte kennt nicht die deutsche Unterscheidung zwischen den Ständen ... Der grösste teil des umwohnenden Adels war nach deutschem Gesichtspunkt eine wohlhabende Bauernschaftdie Contes und Markeses ritten mit hohen Lederkamaschen über ihre Felder und sprangen nicht selten ab, um bei den arbeiten mit anzugreifen ... Aeltere Diener gehörten mit zur Familie ... Gemeindevorsteher, Forstwarte, Recheneibeamte sammelten sich allabendlich in den unteren Räumen des Schlosses und selbst der Graf und der Oberst setzten sich manchmal zu ihnen und verschmähten nicht den Trunk aus gemeinschaftlichem Krug ... Einige reiche Seidenweber, die zu den Waldensern gehörten, hatten sich sonst allabendlich auf dem schloss im engern Kreise der verstorbenen Gräfin eingefunden; sie blieben auch jetzt nicht aus; um so weniger, als in der Tat das Benehmen des Grafen die Besorgniss erwecken durfte, die Mutter hätte in seiner Seele recht gelesen. Man sah ihm eine grosse Unruhe an; man fürchtete allgemein den Verkauf Castellungos, ja sogar seinen Religionsübertritt ... Wenigstens schiene ihm, sagte man, daran zu liegen, nicht allein nach Oesterreich zurückzukehren, sondern nur mit Paula, für die es dann, so offen lag allen das bekannte verhältnis mit Coni, eine letzte grosse Entscheidung geben müsste ...

Des österreichischen Grafen vertrauliche Stellung zum Erzbischof hätte dem letzteren in den Augen der Italiener schaden müssen, wenn nicht die alte Gräfin so beliebt gewesen wäre und seinerseits auch Bonaventura ein Anhalt aller Freigesinnten ... Schon mit dem Hirtenstab des Bistums Robillante hatte er gewagt, den Neuerungen Fefelotti's die Spitze zu bieten ... Als er dann zur Verantwortung für die Vorwürfe, die er den Dominicanern wegen Frâ Federigo zu machen gewagt hatte, nach Rom gefordert wurde und statt dort verurteilt zu werden als Nachfolger Fefelotti's heimkehrte, hatte er den mutigsten Kampf begonnen, den ein Fremder auf diesem gefahrvollen Boden nur wagen konnte ... Dem Colleg San-Ignazio zu Coni entzog er sogleich eine Kirche, auf die die Patres Jesuiten, damals noch nicht verbannt, Ansprüche machtener setzte bei den Stadtbehörden durch, dass diese ihn in seiner Weigerung unterstützten ... Ein gewöhnliches Hülfsmittel der Jesuiten, das sie bei neuen Niederlassungen, um sich die Herzen der Umwohner zu gewinnen, anwenden, besteht in dem Schein bitterster Armut, den sie sich geben. Plötzlich erschallt dann durch die Stadt die ängstliche Kunde, die unglücklichen Väter verhungerten hinter ihren Mauern. Nun rennen fanatische Sammler durch die Häuser und rufen um hülfe. Man bricht fast gewaltsam mit dem gesammelten Gelde, den speisen, den Kleidungsstücken in das Colleg ein und findet auch in der Tat die armen Väter beim Gebetverschmachtet, abgezehrt, vom gezwungenen Fasten fast leblos4... Bonaventura bewies jedoch dem Rector Pater Speziano, der dieselbe Komödie aufführte, und dem Magistrat der Stadt, dass das Colleg aus dem Professhause in Genua eine regelmässige Einnahme bezog, die weit über die Einkünfte der sämmtlichen andern Klöster der Stadt zusammengenommen ging ... Den Bischof von Pignerol zwang er, ein höchst gehässiges Institut zu schliessen. Man entzog unter allerlei Vorwänden den Waldensern ihre Armenkinder,