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schen Familie. Sie gab dabei uneigennützig, was sie besass. Madame Serlo war eine Meisterin in der Kunst des Schmeichelns. Sie hatte jetzt das sehnsüchtigste Ziel wieder eines Engagements an solchen Plätzen, wo sie den reichen Schmuck und die kostbaren Kleiderstoffe, die ihr Lucinde gern zu Gebote stellte, verwerten konnte.

Die eigentliche Fessel aber, die diese Eroberung festielt, war in der Tat der von Lucinden gepflegte und gegen die Kälte der Frau geschützte Mann. Serlo hatte etwas Vergeistigtes. Er besass ganz jene verklärte Schönheit, die bei Brustleidenden bis an das Ende ihrer Tage sich noch zu steigern pflegt. Sein Auge blickte voll sanfter Glut, wenn er am wenigsten beobachtet wurde. Die Formen seines Antlitzes waren so edel, dass sie den Meissel des Bildhauers herausfordern konnten. Das Haar hing in den Nacken mit seinem grauen Schimmer, wenn es nicht gefärbt wurde der "Komödie" wegen. Alles, was Serlo sprach, war der Brust wie mit Anstrengung abgerungen, darum aber auch gewichtvoll und fest und nie unnütz. Einen Ueberfluss an Worten, wie ihn seine Gattin sich wohlbekommen liess, kannte er nicht. Die Bitterkeit seiner Aeusserungen zog Lucinden tief an; sie war in ähnlicher Stimmung. Dazu die Furcht, sich von Klingsohrn entdeckt zu sehen oder dem Kronsyndikus sich verantworten zu müssen. Da Madame Serlo sie darum drängte, hatte sie an letzteren geschrieben und um neue Geldmittel gebeten. Dieser Brief war aber entweder nicht an seine Adresse gekommen oder wurde absichtlich unbeantwortet gelassen.

In der unendlich elegischen Stimmung, die Serlo täglich beherrschte, ironisirte er sich und sogar die anhänglichkeit der Familie an Lucinden. Wenn sie ihm dankte für alles, was er in stillen Stunden von seiner Jugend ihr erzählen musste, von Menschen, Gegenden, die er gesehen, sagte er bitter lächelnd: Kind, wir ziehen uns gegenseitig aus! Darüber hatte sie die ganz klare Vorstellung, dass Madame Serlo die Klugheit alternder Teaterdamen befolgte, sich an ein frisches, aufblühendes Talent anzuklammern, stets es zu bewundern und solange als nur irgendmöglich die Erträgnisse desselben für sich zu behalten. Aber es irrte sie darum nicht. Sie durchschaute alles, nur zu wenig die Schmeichelei über ihr Talent. Sie wollte wirklich noch die Bühne betreten. Madame Serlo begann eine Art Unterricht; sie glaubte vielleicht aufrichtig, der Geistesschärfe ihres Zöglings, dem Wagemut, dem noch zuweilen aufsprudelnden Humor desselben entspräche das gleiche Vermögen auch auf der Bühne. Selbst Serlo glaubte dies und ergänzte in geistvoller Rede die Anleitungen, die seine routinirte Gattin gab.

Von Klingsohrn unbehelligt, ging dies plötzlich veränderte Leben einige Monate hin. Von ihrer Höhe war Lucinde völlig herabgestiegen. Wo war die Amazone hin, die auf den Rossen des Universitätsstallmeisters geprangt hatte! Serlo fühlte dies und sagte zu ihr:

Bestes fräulein, wie beklage ich Sie! Wie hat das alles möglich werden können! Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas!

Napoleon sagte das! erwiderte sie, stolz den gesenkten Kopf erhebend.

Das ist wahr, entgegnete Serlo erglühend. Die grossen Geister wandeln regellos!

Bitter lächelnd setzte er hinzu:

Nur die Hofräte fallen nie aus der Rolle! Die sind ewig erhaben!

Die Familie reiste mit ihrer Eroberung hierhin und dortin. Die Seebadsaison war des schlechten Wetters wegen nicht eingeschlagen. Der Kronsyndikus antwortete nicht. Madame Serlo schrieb zuletzt selbst. Sie tat sich auf ihr Talent, mit den Grossen zu verkehren, etwas zugute. Es erfolgte aber auch für sie keine Antwort. Man wollte in Neuhof entweder ganz abbrechen oder strafen ... durch Schweigen vielleicht auf Besserung hoffend.

Eines Tages erschien aber Klingsohr. Es war in Lüneburg auf der Heide. Man hatte gehofft, für den Winter dort eine Unterkunft zu finden.

Von dem Versiegen ihrer Hülfsmittel, den Anstrengungen der Reise und den Erlebnissen innerhalb der Familie Serlo war Lucinde schon so mutlos geworden, dass sie Klingsohrn in das kleine Gastofzimmer, das sie bewohnte, mit einem leisen und furchtsamen Aufschrei eintreten sah. In früherer Zeit wäre sie ruhiger gewesen und hätte ihn entweder mit Verstellung oder mit einer offenen Kündigung begrüsst.

Klingsohr trat auf sie zu, gleichsam um sich zu überzeugen, ob sie es denn wirklich wäre ...

Dann fragte er, während sie langsam aus der Sophaecke sich erhob:

Warum hast du mir das getan?

Sie begann keine Erörterungen, sondern erwiderte kleinlaut und durch die Schule des Lebens gedemütigt:

Wann bist du angekommen?

Auf einem feld gleichgültiger gespräche fand man sich zuletzt so leidlich wieder zurecht. Ja auch aus der Teatersphäre und Verstellungskunst heraus war dieser scheinbare und so schnell geschlossene Friede zu erklären. Wenn Madame Serlo eben noch jemand im geist vergiftet hatte, konnte sie, wenn er zufällig selbst erschien, ihm den Stuhl hinrücken, diesen abstäuben und das ganze Arsenal ihrer Liebenswürdigkeiten spielen lassen ... Und das Beste, sagte Serlo oft, ist dann die wirkliche Freundschaft für diese vergiftete person, wenn sie zuletzt geht! Die Judasküsse wurden echte, wenigstens auf so lange, als der Nachgeschmack des dabei genossenen Kaffees und das gemeinschaftliche Interesse einer bei dieser gelegenheit geschlossenen gemütlichen Intrigue dauert!

Für solche von dem Kranken, der dabei lang auf dem Sopha ausgestreckt lag und das schöne bleiche Antlitz aufstützte, immer mit schneidender Bitterkeit hingeworfene Aeusserungen erntete er von seiner Lebensgefährtin Schmähungen, von Lucinden ein vertrauliches Zunicken der Uebereinstimmung.

Klingsohr kam ohne Geld.

Die kluge Madame Serlo bekam bald heraus, dass er in einem Briefe, in welchen der Kronsyndikus endlich