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Von ihrem Leben? entgegnete aufwallend die Mutter ... Dieser Johannes von Fidanza ist ja das Prototyp aller katolischen Schwärmer! Dieser heilige Bonaventura hat mit seinem sogenannten Gemüt alles verklären und verschönern wollen, woran wir noch heute leiden ... Was nur immer Gregor und Innocenz aus weltlichen Rücksichten für die Kirche erfunden haben, umgab dieser Italiener mit dem Schein beinahe der Philosophie ... Mariendienst, Cölibat, Entziehung des Kelches – alles, alles, was das Tridentinische Concil später in die todesstarren Formeln gezwängt hat, brachte dieser heilige Bonaventura als Gemütssehnsucht in Curs, gerade wie auch jetzt wieder mit dem Dogma der ohne Sünde geboren sein sollenden Mutter Gottes geschieht ... Mir ein Rätsel, wie euer Erzbischof zu den Freisinnigen zählen kann, schon in Deutschland unter den Anfechtungen der Fanatiker leiden musste und immer noch seine Krone, immer noch seinen Krummstab trägt ... Wären s o l c h e Männer vor einigen Jahren w a h r gewesen und in den zeiten der Bedrängniss zu uns übergetreten, wie anders stünde es mit der Sache des Lichts und des Evangeliums! ...
Hedemann und der Vater dachten ebenso und sagten das Nämliche ...
Armgart aber stritt schon lange nicht mehr gegen dies stete Verurteilen, seitdem sie für ihre frühere Behauptung, dass Bonaventura seine Erhöhung weder Lucinden noch Olympien verdankte, kürzlich Recht erhalten hatte. Ihr richtet und richtet, wie ihr's eben versteht! sprach sie damals und verwies auf bessere erkenntnis der wahren Sachlagen, wenn sie auch leider meist im Leben zu spät käme ... Hier in Castellungo wurde für bestimmt eine schon früher von Paula brieflich ausgesprochene Versicherung wiederholt, dass der aus Robillante gebürtige Cardinal Vincente Ambrosi vor zehn Jahren in Rom der eigentliche Freund und Fürsprecher Bonaventura's gewesen ... Armgart verwies auch jetzt die Ankläger auf die Siege, deren sie sich ja täglich rühmten ... War nicht vor kurzem der vom greisen General der Kapuziner als Dekan der Studien über die römischen Teologen als Examinator gesetzte de Sanctis, Professor der Teologie, Parochus an Maddalena, Beichtvater in den Gefängnissen der römischen Inquisition, von den Jesuiten in seinen wahren Gesinnungen erkannt, gefangen gesetzt worden, entflohen und in Malta zum Protestantismus übergetreten –?3... Wisset ihr, sagte sie mit Ironie, was in Bonaventura's inneren vorgeht und was euch alles vielleicht noch von ihm werden kann? ...
Die hinterlassene Bibliotek der Gräfin war eine Fundgrube der interessantesten Anregungen für Monika, den Obersten und Hedemann ... Auch Baldasseroni und Giorgio waren Männer, die auf Kosten der Gräfin in Genf, Tübingen und Berlin studirt hatten ... Ihr Ton gab sich milde und rücksichtsvoll – sie wussten, was bei ihrer jetzigen Schlossherrschaft zu schonen und zu achten war ... Auch sie gaben dem Erzbischof das zeugnis, dass allein schon sein persönliches erscheinen in Rom alle Intriguen hätte entwaffnen müssen und dass er noch täglich diese Macht der Beschämung über seine Gegner übe ...
Ein Glück, dass Armgart's Vater die Schroffheiten der Mutter milderte ... Eine Rechtfertigung der amerikanischen Weise, sich zur Religion zu verhalten, sagte er beim Durchmustern eines Schranks voll Altertümer und beim Anblick einer kleinen Schaale, die wie eine Tasse aussah, aus der einst Huss den Wein beim Abendmahl dargereicht haben sollte, find' ich in dem Schicksal des Kelches ... Das Trinken aus einem und demselben Gefäss ist vielleicht in der Tat nur einer Gemeinde möglich, wo sich alles so persönlich nahe steht, wie zur Zeit der Apostel und der ersten Bekenner ... Wo noch der Liebeskuss als Gruss der Verbundenen möglich war, war auch die Erteilung des Kelches möglich ... Als jedoch die christliche Lehre Staatskirche wurde, als ganze Völker im nächsten besten Flusse getauft werden mussten, musste vieles von den ersten Satzungen des Glaubens verloren gehen ... Welcher Reiche gab da noch seine Reichtümer hin und warf sie, statt in die Kasse einer ihm befreundeten Gemeinde, in das weite, wüste Meer, des Proletariats! ... Wer setzte noch gern die Lippe an ein Gefäss, aus dem Hunderte und noch dazu zur Zeit der einst so allgemeinen Pest und des Aussatzes tranken! ... Man hat das Christentum eine Weltreligion genannt; sie ist es auch dem geist nach, nicht nach dem Buchstaben ... Wer den apostolischen Anfängen nachgehen will, muss die Freiheit Amerikas wünschen, wo sich jede Form, Gott zu dienen, auf eigene Art befestigen kann ... Geschieht es dort würdelos, so ist nur der Mangel an Bildung schuld ... Unsere Gotteshäuser und die Priester, die in ihnen lehren und Ceremonien abhalten, sollten, wie ich von Ihnen höre – er wandte sich an Baldasseroni – nach dem Ausdruck des Bruders Federigo nur noch H ü t e r und W ä c h t e r des christentum sein, gleichsam die Sänger, die Dichter, die Historiker der Kirche – ohne sich den mindesten Eingriff in die Lebens- und Gesellschaftsformen gestatten zu dürfen ...
Solcher Streitigkeiten gab es viele ... Sie konnten zu tagelangen Verstimmungen führen – namentlich wenn Armgart sagte: Ein Einzelner gewonnen ist nichts – Könige, die ohne ihre Krone kommen, sind vollends nichts; die müssen gleich ihre Reiche mitbringen ...
Wieder den heutigen Streit unterbrach Paula's Eintreten ... Schon hatte Armgart musternd unter den waldensischen Schwertern, hussitischen Kelchen,