bemüht war, den Erzbischof in Coni noch vor Anbruch des Abends über das Ableben seiner Mutter mit Angabe aller Einzelheiten in Kenntniss zu setzen ... Ja er zeigte erst Paula den Brief und diese fügte noch die mehrmalige Aeusserung um die Glocke jenes Eremiten hinzu, um den sich Bonaventura so verdient gemacht ... über Paula's Lesen aus der Nobla Leiçon hatte schon Graf Hugo geschrieben ...
Paula schien in der Tat erkräftigt und gesund ... Sie ertrug den lange und voll Rührung auf ihr ruhenden blick und die unmittelbare Nähe des Obersten, ohne die Befürchtungen zu bestätigen, die man so lange Jahre über diese Wiederbegegnung gehegt hatte ... Monika sagte: Fast scheint es, als wäre eine Kraft über sie gekommen, die sie früher nicht gekannt hat – die Kraft des Willens ...
Armgart trauerte ...
Ob darüber, dass unter denen, auf deren Leben ein letzter Segen und eine letzte versöhnte Erinnerung hier zurückgeblieben war, ein einziger ausgestossen und unberücksichtigt blieb – Benno von Asselyn? ...
Oder über ein unausgesprochenes, ersichtlich vorhandenes Leid der Freundin, ihres Gatten und des hohen Geistlichen in Coni – ein Leid, das schon mit gesteigerter Offenheit von ihrer Mutter als ein unerlaubt unnatürliches verworfen wurde? ...
Oder endlich über den Heimgang ihres "Grossmütterchens" nur allein? ...
Der Aufentalt in Castellungo hatte jedenfalls erschütternd und bedeutungsvoll begonnen ...
5.
Nach Beisetzung der Gräfin in der von ihr selbst erbauten, oberhalb Castellungo's in den Bergen liegenden Kirche der Waldenser, einer Feierlichkeit, zu der aus den Bergen und aus der Tiefe des Tals auch die Rechtgläubigen, Jung und Alt, herbeiströmten, aus den Tälern von Saluzzo und Pignerol, wo die Waldenser in Masse wohnen, von allen Gemeinden die "Barben", "Evangelisten", "Moderatoren" – nach diesem Tage hätten nun ruhigere Stunden eintreten können, wenn nicht die politische Welt die Aufregung wach erhalten und nun auch Hedemann's Abschied vom Leben sich genähert hätte ... Die Freude am Tod war bei diesem wieder bereits eine solche, dass er sich in seinen Gebeten Vorwürfe machte, ihn zu eifrig zu wünschen ...
Rom war inzwischen gefallen ...
Die letzten Spuren der Revolution wurden in ganz Italien getilgt ... Die ersten Vorzeichen jener Zeit brachen an, die in drei Jahren wieder die Kerker nur des Kirchenstaats allein mit sechstausend Menschen füllen sollte1... Fefelotti ergriff jetzt auch noch das weltliche Ruder ausser dem geistlichen ... Staat und Kirche gehörten ganz den zurückkehrenden Jesuiten ...
Auch in der kirchlichen Sphäre der Umgegend zeigte sich manche Wiederkehr des Alten ... Die Jesuiten hatten in Coni ein von Fefelotti begünstigtes Collegium besessen, das sie freilich nicht wieder beziehen durften, da Sardiniens Verfassung sie verbannte ... Aber schon war in Schule, Staat und Kirche ihr dennoch geheimwirkender Einfluss bald wieder ersichtlich ... Robillante und Pignerol waren zwei Bischofssitze, die ausdrücklich schon lange durch Männer besetzt wurden, die dem deutschen Eindringling, dem Erzbischof von Coni, wo sie nur konnten, wehren sollten2...
Der Oberst und Monika konnten inzwischen dem Grafen im Ordnen des Nachlasses seiner Mutter, in Auszahlung einer Menge von Legaten an die Gemeinden der Täler hier und drüben am Fuss des Monte Viso behülflich sein ... Der Graf war es, der am meisten darauf drängte, dass Paula nach ihrem Wohnhause in Coni zurück sollte ... Armgart wollte sie begleiten ... Wohl, sprach sie ihr dringendstes Bedürfniss aus, den Erzbischof zu begrüssen, der sich, seiner Stellung gemäss, vom Leichenbegängniss der Gräfin hatte entfernt halten müssen ...
Monika, die zwar zu Paula's Heirat dringend geraten hatte, empfand und tadelte doch, was sie das Anstössige dieser Beziehung nannte, im höchsten Grade ... Hatte sie schon sonst die Partie des Grafen genommen und ihn über das Meiste entschuldigt, was sich seinen jungen Jahren vorwerfen liess, so erklärte sie vollends mit ihm Mitleid zu fühlen, seitdem sich jenes mystische Dreiblatt gebildet hatte, dem womöglich fern bleiben zu wollen sie sich auf Schloss Bex gelobt hatte ... Nun sah sie dies verhältnis einer "Standesehe" in nächster Nähe ... Und das sei denn die rechte Höhe, sprach sie schon eines Tages in Paula's Gegenwart, Opfer über Opfer anzunehmen, nur deshalb, weil man wisse, sie würden von schwachen Menschen ohne Murren gebracht ... Ja sie sagte schon zu ihrem Gatten: Der Graf leidet, weil er Paula liebt – und zu Armgart: Auch Paula, scheint es, ringt mit ihrem Herzen, weil sie den Grafen mehr als achten muss ...
Dass Paula und Armgart zum nächstbevorstehenden Bonaventura-Tage in Coni sein und der Celebration der Messe durch den Erzbischof an diesem Tage beiwohnen wollten, konnte Monika nicht hindern ... Doch bekam es Armgart bitter zu hören, warum sie gerade diesen Tag wählen wollten ... Die Mutter sagte, dass sie den Doctor Seraphicus, wie sankt-Bonaventura in der Vätergeschichte heisst, nicht im mindesten zu jenen Bekennern und Märtyrern zählen könne, die allenfalls auch die Freude evangelischen Sinnes sein dürften ...
Ich schätze den heiligen Bonaventura noch höher, entgegnete Armgart, als die andern Märtyrer, die nur zufällig in den T o d gingen und der Nachwelt nichts von ihrem L e b e n hinterlassen haben .