plaudernde Kind nun ganz entfernt hatten, gingen hin und wieder ...
Immer stiller wurde es – still wie schon im grab ... Jeder hielt den Atem zurück ... Da noch einmal streckte die Sterbende die hände aus und flüsterte mit dem Hohenliede, sicher in Anregung ihres Gedächtnisses durch Armgart's Abbildung der im Herzen Gottes als befiederte Kreuze aufsteigenden Seelen:
"Hätt' – ich – Taubenflügel!" ...
Mit diesen Worten sank sie, von Schmerzen überwältigt und nach Erlösung ringend, zurück ... Lange noch wehrte sie Bilder ab, die sie beängstigten ... Ihre stimme blieb erstickt ... Ihre hände sanken erstarrt ... An ihrem geöffnet stehenbleibenden mund traten kleine Schaumbläschen hervor ... Sie war noch nicht ganz tot, aber schon zeigte ihr Antlitz jene herbe Strenge, die unsern Gesichtszügen der Tod verleiht ...
Der Arzt, der Geistliche traten eilends näher ... Leise begab sich alles aus dem Zimmer und trat in den Saal zurück, während die Sterbende auf ihrem Lehnsessel von Dienern unter Hugo's Leitung sanft zurückgerollt wurde in die dunkleren Nebenzimmer ...
"Ach, hätt' ich Taubenflügel!" ... wiederholte Hedemann ...
Auch ihm erklang dies letzte Scheidewort der edlen Frau wie der Ruf nach Erlösung von den Schmerzen, die auf seiner kranken Brust lasteten ...
Im saal, in welchen alle zurückkehrten, brach die Teilnahme in ihrer ganzen bisher zurückgehaltenen Macht aus ... Die Frauen schluchzten ... Auch die Männer traten bei Seite ... Monika trat bald zum Gatten, bald zu Hedemann, der am Fenster sass und Weib und Kind liebevoll an sich gezogen hatte ...
Es war dann ein Trauermahl, das in dem schönen raum genommen wurde ... Unsere menschliche natur erscheint uns nie geringer, wird nie von uns unlieber befriedigt, als wenn unsere himmelentstammte Seele aufjammern möchte vor Schmerz und doch unser Leben und Sein unter dem Druck des physischen Erdenverhängnisses steht ...
Noch ehe das Mahl, dessen stärkende wirkung alle bedurften, zu Ende war, wurde dem Grafen heimlich eine Botschaft überbracht, die ihn bestimmte, sofort aufzuspringen und sich zu entfernen ...
Alle folgten ihm erschreckt ...
Der Bote sagte, die Gräfin hätte vollendet ...
Bebend folgte man dem Grafen ... Paula vor allen, deren Brust von so vielen Schmerzen durchwühlt wurde, deren Gründe sich von den Andern wohl ahnen liessen ... In ernsten Krisen erkannte sie, wie sehr der Graf zu lieben war ...
Der Arzt und der Geistliche lüfteten die Vorhänge des Schlafzimmers ... Der schöne sonnenhelle Tag schien herein und beleuchtete die Züge der Entschlafenen ... Sie hatte, hörte man, noch versucht, die Worte nachzusprechen, die über ihrem Bett unter ein Bild des ihr verwandten Dichters Novalis-Hardenberg geschrieben waren:
"Und wenn Du Ihm dein Herz gegeben,
So ist auch Seines ewig dein!" ...
Da stockte die Zunge wie gelähmt ... Sie hatte ausgehaucht ...
Nun läuteten in der Tat fernher die Glocken ... Die ehernen Zungen eines andern Bekenntnisses waren es ... Auch Gesänge mischten sich ein, dicht in der Nähe ... Diese galten der Entschlafenen ... Ein Chor von Kindern stimmte ein geistliches Lied unter ihren Fenstern an ... Regelmässig an jedem Nachmittag hatte sich die Gräfin von den Kindern der Waldensergemeinde, die vom Gebirg herunterkamen, diese Erquikkung erbeten – der Pfarrer erklärte dies den Hörern ...
Jetzt kam auch ein Herr Giorgio, der sogenannte Moderatore oder Kirchenvorstand der kleinen Colonie und brachte zu aller Erstaunen eine Schrift, die die Gräfin in seine Hand gelegt hatte mit dem Bedeuten, sie erst ihrem Sohne zu zeigen, unmittelbar wenn sie die Augen geschlossen hätte ...
Der Graf erbrach das unversehrte Siegel, las und teilte die Wünsche der Mutter den Umstehenden mit ...
Sie hatte befohlen, erst in der kleinen Kirche des Schlosses ausgestellt, dann aber in der Kirche der Waldenser und nicht in der Schlosskirche begraben zu werden ...
Der Graf erkannte, dass dieser Bitte die Voraussetzung zum grund lag, er würde Castellungo nicht behalten ... Aufregungen, wie sie mit dem Aussprechen und Erörtern dieser Voraussetzung verbunden sein konnten, hatten sie jedenfalls bestimmt, ihm ihr Verlangen nur schriftlich auszusprechen ...
Porzia liess sich nicht nehmen, die Leiche zu entkleiden, Hedemann nicht, den Katafalk zu ordnen, dem noch für denselben Abend im Betsaal des Schlosses jeder nahen durfte, der der Abgeschiedenen seine letzte Ehrfurcht bezeugen wollte ...
Es kamen ihrer von nah und fern ... Der Betsaal drückte die ganze geschichte und Richtung der Gräfin aus – schon an den Bildern, die rings an den Wänden hingen ... Der tapfere Heinrich Arnaud in kriegerischer Tracht ... Bischof Scipione Ricci, der die Souveränetät der Concilien gelehrt hat und vom römischen Stuhl als Luteraner verdammt wurde ... Graf Guicciardini, der kürzlich in Florenz Protestant geworden ... Der Engländer Oberst Beckwit, der sein ganzes Vermögen den Waldensern schenkte ... Der mächtigste Beistand der Gräfin, Friedrich Wilhelm III. von Preussen, hatte unter den Porträts den ersten Platz ...
Die Reisenden richteten sich inzwischen in den für sie vorbereiteten Zimmern ein ... Mit einer eigentümlich bedingten Teilnahme beobachteten sie, wie eifrig Graf Hugo