1858_Gutzkow_031_844.txt

anarchischen Zeit mit dem feindseligsten Mistrauen betrachtet haben, wäre die Mutter nicht so hochverehrt ... Paula verschwieg nun auch nicht, dass sie alle anfangs dem Ruf des Erzbischofs geschadet hätten ... Armgart erkannte an allem, was sie so abgebrochen hörte, dass nach dem tod der Gräfin irgendeine grosse Entschliessung im Werke war ... Der Tod Sarzana's wurde von Paula bestätigt ... Von Lucinde, von Cäsar von Montalto hatte man keine Nachricht ...

Im Austausch der durch alle diese Namen und Verhältnisse hervorgerufenen Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umrisse des sich allmählich als Beherrscher eines dichtbevölkerten Tals und einer kleinen Ortschaft erhebenden, aber mehr den Bergen zugelegenen Schlosses ... Wohl konnte Armgart begreifen, wie sich Graf Hugo's Vater mit diesem Prachtgebäude hatte in Schulden stürzen müssen ... Castellungo gehörte der Gräfin, aber ihr Gatte hatte beigetragen, es weit über ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der reizenden Landschaft zu erhebenes war der einzige Adelssitz, der hier noch an die zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte ... Türme erhoben sich mit gezackten Zinnen, mit Altanen, freischwebenden luftigen Brückenalles hätte, ohne den düstern Flor, der auf dem Ganzen lag, einen um so anziehenderen Aufentalt verheissen können, als die Reize der natur, wie ihm schmeichelnd, sich rings um den mächtigen Bau lehnten ... Eine üppige Fruchtbarkeit, gute, freundliche Menschen, die ihre Wohnungen bis weit hinauf über die Berggelände hatten, alles das machte den wohltuendsten Eindruck ...

Wie schmerzlich, dass die Diener, die den auf dem bequemsten Schlängelpfade bis zum Schloss anfahrenden Wägen entgegeneilten, schon in ihren Mienen die angebrochene letzte Stunde der Gräfin berichteten ...

Hedemann, nach dem die Sterbende ein besonderes Verlangen trug, stand schon an der Eingangspforte unter den mächtigen Wappenschildern von Marmor und sah sich in der weiten schönen Gegend und in den blumengeschmückten Höfen des Schlosses mit einem blick um, als wollte er sagen: Hier wirst auch du dein letztes Lager finden! ...

Eilends stiegen alle aus ... Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen, der Monika den Arm bot ... Paula wurde vom Obersten geführt, der sich noch scheute, sich ihr zu sehr zu nähern ... Aber Paula's gegen Himmel erhobener blick schien den Dank aussprechen zu wollen, dass sich ihr Leben schon lange unter die allgemeinen Bedingungen der natur gestellt hätte ... fest klammerte sie sich an den ihr sympatischen Mannden Vater ihrer geliebten, so langentbehrten Armgart ... Auch der Mutter warf sie nur Blicke der Liebe und Versöhnung zu ...

Der Aufgang, das Treppenhaus, alles gab sich in hohem Grade würdig ... Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit ... Die Diener gingen leise auf und ab in reicher Zahl ... Die alte Gräfin hielt auf den Glanz ihres Hauses; zumal, seitdem die frühere Entbehrung geschwunden ... Ordnung und Sauberkeit waltete auf allen Gängen ... Die steigende Mittagshitze verlor sich in Schatten und Kühle ... Im Schmuck der dann betretenen hohen, luftigen und hellen Zimmer herrschte ein gewählter Geschmack ... Graf Hugo's Liebhaberei waren schon in Salem kunstvolle Möbel und gediegene Einrichtungen ... Schon in Limone deutete er dem Obersten an, dass ihn Langeweile nie beschlichen hättezu tun gäb' es bei grossem Besitz immer und oft fehle ihm die Zeit, alles allein zu besorgenSchloss Salem war unverkauft geblieben und seit diesen zehn Jahren jährlich von ihm auf einige Wochen besucht worden ... Für die Ankömmlinge, die er gern für immer gefesselt hätte, war ein ganzer Flügel des Schlosses eingerichtet ... In einem hellleuchtenden, säulengeschmückten saal stand dann eine von Silber und Krystall glänzende, gedeckte Tafel ... Hier fanden sich alle Schlossbewohner beisammen ... Und wohl sah man, dass der Todesengel waltete ... An einer hohen, schwarzen, reich mit Holzschnittarbeit gezierten Tür standen weinende Frauen ... Einige davon erkannten sogleich von alten zeiten her Porzia und begrüssten sie ... Auch Monika und Armgart fanden Bekannte, jene aus Wien, diese aus London ... Inzwischen öffnete der Graf jene schwarze Tür und bedeutete die Freunde ihm zu folgen ... In einem Vorzimmer sollten alle so lange verweilen, bis er die Mutter auf die endliche Ankunft derselben vorbereitet hätte ...

Von einem würdigen mann in schwarzer Kleidung, der ein Prediger schien, wurden zuerst der Oberst und Monika allein hereingerufen ... Paula schloss sich ihnen an ...

Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein ...

Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Patenkind kommen ...

In einem grünverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollsessel ausgestreckt die Mutter des Grafen, schon einem ausgelebten Körper ähnlich ... Ihre knöchernen hände hatte sie auf der gepolsterten Lehne des Sessels liegen ... Sie fühlte wohl kaum noch die Küsse, die die um sie her Stehenden oder Knieenden auf die kalten Finger drückten ... Porzia schluchzte lautdie andern schwiegen ehrfurchtsvoll, wenn auch ihre Augen voll Tränen standen ...

Gräfin Erdmute winkte, dass niemand wieder hinaus gehen sollte; sie wollte sie alle in ihrer Nähe behalten ... Die Augen lagen tief in ihren Höhlen ... Doch erkannte sie jeden ... Lichtstrahlen der Freude, dass sie Menschen