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ein Stationsweg hinaufschlängelte und oben eine kleine Kirche malerisch vom blauen Hintergrunde abhob ...

Die Kapelle der "besten Maria!" erklärte Paula der den landschaftlichen Reizen schon als Künstlerin lauschen den Freundin ...

Diese konnte in einem Augenblick, wo sie schon soviel trübe mit dem Religionszwiespalt zusammenhängende Verhältnisse teurer Angehöriger besprochen hatten, in dieser Hindeutung auf die "beste Maria" nur einen Anlass finden, an das unsichtbare und ohne Bild verehrte Princip der schmerzverklärten weiblichen Liebe überhaupt zu denken ... Sie faltete die hände und sagte:

Das also der Altar, wo die Cocons gesegnet wurden, die dein Brautkleid werden sollten! ...

Paula errötete ...

Armgart hielt eine Lobrede auf den Grafen, rühmte den Eindruck, den er mache, seine Natürlichkeit, seine Trauer um die Mutter ...

Er ist gut! bezeugte Paula ...

Das der beste Schmuck eines Mannes! entgegnete Armgart mit Andeutung ihrer eigenen trüben Lebenserfahrung ...

Nun schwiegen die Freundinnen ... Was sie fühlten, verstanden sie ja ... Ihr Briefwechsel hatte nichts von ihren tiefern Lebenslagen verschleiert, wenn sie auch nicht in Allem gleicher Meinung waren ...

Die Zahl der Wegwanderer, der Fahrenden, Reiter mehrte sich inzwischen ... Obgleich die Embleme des katolischen Cultus nicht fehlten, bemerkte doch Armgart Landleute, die einen eigenen Ausdruck der Mienen hatten und der ihr aus Lausanne und Genf bekannt war ... Sie forschte für sich nach Waldensernnach der ganzen sehnsucht Hedemann's und ihrer älteren ...

Ein Städtchen kam mit einer mächtigen, dem Ort kaum angemessenen Katedrale ... Eine hochgewölbte Kuppel ragte weit über das ganze Städtchen hinweg ...

Das ist Robillante! sagte Paula ...

Armgart's Augen fanden schon von selbst vor dem Tor der Stadt das bischöfliche Kapitel ... Ein mächtiges Gebäude im Jesuitenstyl, die Kirche daneben mit Kuppel und schnörkelhafter Façade ... Die Kirche hatte ein Glockenspiel und intonirte soeben mit kurzem Ansatz den Schlag der zehnten Stunde, dem dann ein Musikstück, wie eine Galopade, folgte ...

Das war nun in Italien nicht anders ... Bonaventura hatte hier als Bischof, erzählte Paula, die Melodie geändert ... Sein Nachfolger hatte wieder die Tänze zurückgeführt ...

Mit dieser kurzen Erwähnung waren denn auch jene Kämpfe angedeutet, die der fremde Eindringling auf diesem Boden zu bestehen hatte ... Im letzten Revolutionssturm hatten sie nachgelassen ... Jetzt, nach Piemonts Demütigung, begannen sie wieder ... Auch gegen die neue, in Turin im Bau begriffene Waldenserkirche hatte der neue Bischof von Robillante energischen Protest erlassen ...

Armgart's Phantasie hatte inzwischen Spielraum, sich auszumalen, wie dort Bonaventura in dem von ehrerbietig grüssenden Priestern umstandenen, nicht endenden Palaste wohnte und wie auch einst Benno und Tiebold hinter jenen stattlichen Fenstern mit den Balconen und grünen Jalousieen dort von ihm aufgenommen wurden – ...

Die Stadt selbst wurde umfahren ... Wieder glänzte im Sonnenschein Berg und Flur ... Nur die vielen, um der Seidenwürmer willen entlaubten Maulbeerbäume störten den malerischen Eindruck ... Wieder folgten die Grüsse von Landleuten, die auf Armgart einen schweizerischen Eindruck machten ...

Waldenser! bestätigte auch Paula ... Wohlhabende Leute darunter ... Dank der Fürsorge der Mutter ... Unsere Gemeinde hier ist nur klein – ... Die Mehrzahl wohnt dort oben ... In den Tälern um Pignerol sind ihrer Tausende ...

Schon suchte Armgart's Auge nach Castellungo ... Viele Schlösser gab es, die auf den grünen Hügeln, den Vorbergen hinterwärts aufstarrender schrofferer Felswände, leuchteten ... Paula deutete auf einen schimmernden Punkt in weiter Ferneeine unter einem tiefdunkeln Waldkranz hervorragende Flagge ...

So krank die Mutter ist, sagte sie, hat sie zu eurem Empfang das Aufziehen aller Fahnen befohlen ... Auch eure Farben und die der Hardenbergs werdet ihr finden ... Bei hohen Festen sind alle Zinnen damit geschmückt ... Bald wird die schwarze Trauerfahne wehen ...

Das Gespräch kam auf die Waldenser zurück und Paula sprach von ihnen, ohne das mindeste Zeichen der Abneigung ... Alle diese Verhältnisse umschlang hier schon lange das gemeinsame Band der Schonung und Familienrücksicht ... Eine Frage wie die: Wird wohl Graf Hugo nach dem tod seiner Mutter katolisch werden? kam nicht von Armgart's Lippen; edle Bildung scheut nichts mehr, als das Aussprechen des Namenlosen; sie lässt das Misliche an sich kommen, ohne es zu rufen ... Wie Paula, ihr Gatte und der priesterliche Freund in Coni zusammenlebten, wusste ja Armgart seit Jahren aus dem Briefwechsel der Freundin ... Sie kannte, was hier im Herzen edler Menschen möglich, freilich auch nach der Anschauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein sprechender Beweis für die tiefe Verwerflichkeit der katolischen Kirche war ...

Um dieser Schonung ihres Verhältnisses zu Bonaventura willen berührte auch noch Paula nichts, was zum Unaussprechlichen in Armgart's Seele gehörte ... Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit für Olympia geworden, hatte er aufgehört, für diese ohnehin im Politischen nicht mit dem herrschenden Zeitgeist gehenden Kreise anders, als in den Bildern alter Zeit zu existiren ... Der Graf hatte schon in Limone seine alte anhänglichkeit an Oesterreich zu erkennen gegeben ... Die Gegend würde ihn, sagte er, in dieser