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schen Farben ... Man konnte sich nach Westerhof versetzt glauben, wenn die schöne natur und der blaue Himmel nicht zu sehr an die Glückseligkeit Italiens erinnert hätte ...

Die gespräche ringsum, schon im Gastof und im Städtchen, berührten auch die Weltbegebenheiten ... Armgart hatte gehört, dass die Kämpfe in Rom zwar noch fortdauerten, aber schon für die Republik hoffnungslos waren ... An einem geheimen blick der älteren sah sie, dass auch von Benno gesprochen wurde ... Zitternd stand sie, mochte hören und auch nichtjetzt sass sie abwesend, fast fiebernd, auch in Folge der gestrigen Anstrengung und einer nur kurzen Nachtruhe .... Neben ihr suchte sich Porzia, in den Wonneschauern des Wiedersehens ihrer Heimat, durch ein Durcheinandersprechen zu helfen; sie erklärte, jedes Haus, jede Mühle und grüsste jeden Vorübergehenden, als müsste sie noch von allen gekannt sein ... Erdmute langte nach den Früchten, die aus den Gärten blinktenArmgart nahm sie auf den Schoos, um sie zurückzuhalten ... Dabei schwankte sie doch selbst vor Freude und Bangen in ihrer hochgespannten Brust ...

Nach zweistündiger Fahrt, die unter Kastanienund Nussbäumen, oft wie unter dem Laubdach eines Parkes dahinging, hielt plötzlich der vorausfahrende Wagen des Grafen ... Eine Biegung des zuweilen von rauschenden Bergwässern unterbrochenen Weges verhinderte noch, die Ursache des Haltens zu entdekken ... Als Armgart's Wagen näher gekommen war, sah sie unter einer Pflanzung von Eichen, die am Wege auf einer grünen Böschung standen, eine Gruppe sich herzlich Bewillkommnender ... Eine Dame, die, vom blauen Sonnenäter sich abhebend, hingegeben in den Armen des Vaters und der Mutter lag und doch zugleich mit einem weissen Tuch in die Ferne wehte, um die noch Zurückgebliebenen schon zu begrüssen, konnte wohl nur Paula sein ...

Im ersten Augenblick hätte Armgart laut rufen und alle ihre krampfhaft zusammengedrängten Empfindungen in einem Schrei lösen mögen ... Ihr Wagen flog jetzt dahin und hielt ... Der Schlag wurde geöffnet; sie schwebte, sie wusste nicht wie ... Paula lag überwältigt in ihren Armen und senkte ihr Haupt auf die Schultern der atemlosen Freundin ...

Dass beide weinten, trotz der Freudelag es nur allein im Hinblick auf die Sterbende in Castellungo? ... angenommen wurde es ... Ihr krampfhaftes, in kurzen Sätzen erfolgendes Schluchzen, das beiden ihre Empfindungen erleichterte, sagte wohl mehr ...

Ein dritter Wagen, mit dem nun noch Paula gekommen war, nahm diese und Armgart allein auf ... Sie wollten für sich und hinter allen zurückbleiben ... Die andern, dabei eine Italienerin, Begleiterin Paula's, fuhren voraus ... Nun erst begrüssten sich die Freundinnen ganz so, wie sie es für sich allein bedurften; nun erst sahen sie, was sie inzwischen gewordensie spiegelten sich in ihren tränenblinkenden Augen ... Paula trug keine Locken mehr ... Sie bot vollkommen das Bild einer Dreissigjährigen ... Sie war noch nicht verblüht, hatte aber Linien des Grams auf ihrer Stirn und um den Mund jene Einschnitte, die nicht mehr weichen wollen ... Ein leichter, mit blauen Florentinerblumen geschmückter Strohhut umrahmte ihr edles Antlitz ... Die Freundinnen prüften sich fort und fort, Auge in Auge ... Wer beide beobachtete, konnte zweifelnd bleiben: Sind das zwei Jungfrauen oder zwei Witwen? ...

Das also das Land deiner Verheissungen! ... Das das Landdeiner Träume ... begann Armgart sich nun erst findend und in der immer paradiesischeren Gegend umblickend – ...

Der Bediente war auf die andern Wägen geschickt worden ... Der Kutscher hatte mit seinen Rossen zu tun ... Die Freundinnen konnten annehmen, dass sie allein waren ...

Seit ich hier bin, träum' ich schon lange nicht mehr, erwiderte Paula ... Ich sehe irdisch wie alle ... Die Luft dieser Berge ist gesund ... Du und die älteren, alle müsst ihr nun bei uns bleiben ... Mein Gattesagt' er es nicht schon? – sehnt sich freilich in die Welt zurück ... Der Kriegslärm lockt ihn schon lange, um wieder in die Armee zu treten ... Aberihr bleibt ...

Die Beziehung zu dem land hier war im Kriegssturm gewiss die bitterste und schwerste? unterbrach Armgart ...

Die Mutter glich alles auserwiderte Paula ... Sie warso hochverehrt ... War! ... O, dass ihr zu solcher Trauer kommt! ...

Und auch wir bringen Leid ... Der arme Hedemann! ...

Paula war voll herzlichsten Anteils ... Die Freundinnen sprachen wehmutbewegt von Westerhof, Witoborn, vom Stift Heiligenkreuz ... Neuigkeiten gab es genug ... Vom Erzbischof von Coni war noch nicht die Redenur von Coni selbst, wo Paula wohnte ...

Coni ist zwölf Miglien von hier ... sagte sie und bediente sich der italienischen Bezeichnung für eine Entfernung, die Armgart auf drei deutsche Meilen zu deuten wusste ... So weit lag etwa von Heiligenkreuz Schloss Neuhof entfernt ... Jedes Wort, das die Freundinnen wechselten, weckte heilige Erinnerungen ...

Paula deutete auf einen zur Linken sich erhebenden grünen Hügel, auf den sich terrassenförmig