1858_Gutzkow_031_841.txt

Erquickung des Schattens, der kreidige Boden setzt einen dem Atem beschwerlichen beizenden Staub abdie kleine Colonie suchte sich durch Ausflüge in die Berge zu helfen, suchte die kühleren, von einer üppigen Vegetation geschmückten Schluchten der Cimiés aufaber das Steigen ermüdete Hedemann ... blieb er auch meist daheim und atmete die Blumendüfte zahlloser Gärten, wo allabendlich Tausende von Orangeblüten frisch gebrochen in die Fabriken künstlicher Duftgewässer getragen werdenalles das, was man von Schönheit und Wohlbehagen als Grund zum Bleiben sich einredete, half zuletzt nichts, um die grosse Vereinsamung der Gemüter zu verbergen ... Nun schrieben Paula und ihr Gatte von Gräfin Erdmutens zunehmender Schwäche, von einer bedenklichen Erkrankung, bevorstehender Auflösung, vom dringendsten Verlangen der Gräfin, sie alle noch einmal zu sehennun beschloss man, die bisher aufrechterhaltenen Ueberzeugungen über die Schwierigkeit dieser Begegnungen, alle Gründe dieses gegenseitigen langen Vermeidens zu durchbrechen und die Reise anzutreten ... Paula war von ihrem magnetischen Leben befreit ... Was die Nähe des Erzbischofs nicht mehr hervorrief, konnte doch wohl nicht mehr der Oberst wecken ...

Zu den Beweggründen der Reise gesellte sich ein nicht zu unterdrückendes Interesse für Benno von Asselyn ... Bellona's Sichel war in mächtiger Arbeit ... Graf Sarzana befand sich bereits, hiess es, unter den Gefallenen ... Benno's Schicksal wurde selbst in Paula's Briefen für eine gemeinsame sorge erklärt ... Armgart irrte oft einsam wie die Möve am Meeresstrand ... Entsagt ein Frauenherz, so bildet sich mit den Jahren ein Cultus des Gemüts, der unbewusst die Rechte auf sein Verlorenes übertreibt, ja sich das, was nie besessen und genossen, wie ein wirkliches, ein volles Glück ausmalt ...

Und so erklomm denn jetzt die kleine, aus so eigentümlichen Elementen bestehende Colonie den Col de Tende ...

Sie alle trugen über die Felsen hinweg eine Welt voll Trauer ... Ihr Innerstes war schwerbeladen und doch schienen sie am nächsten interessirt ... An Steinen, an Blumen, am Plaudern des Kindes ... Weiss man denn, was von den Fähigkeiten unserer natur mehr zu hassen ist, die schnelle Gewöhnung an Glück oder die schnelle Gewöhnung an Unglück! ...

Nun ist die Höhe erreicht ... Aber der niederwärtsgehende Weg blieb noch unabsehbar bis zu den grünen prangenden Tälern, die erwartet werden durften ...

Kahle und öde Gesteine ringsum ... Einsame Sennerhütten wechseln mit Holzschuppen, Zufluchtstätten des Wanderers im Wintersturm ... Mächtige Steine müssen an ihnen die Schindelbedachung gegen die Stürme festalten ... Zwischen Felsen und Wasserstürzen, oft wunderbaren Lichtungen, wo überrascht der blick bis in die Cottischen Alpen hinüberschweift, zwischen Resten alter Römerbauten und zerbrochenen Schlössern der rauhesten Zeit des Mittelalters hindurch, war dann endlich gegen Mitternacht das Städtchen Limone erreicht ...

Hier überraschte die Reisenden Graf Hugo, der die Aufmerksamkeit gehabt hatte, ihnen entgegenzukommen ... Er kam ohne Paula ... Der alte freundliche, herzliche Ton der Bewillkommnung half sogleich über die lange Reihe von Jahren hinweg, wo man sich nicht gesehen hatte ... Armgart und der Graf sahen sich sogar zum ersten malSie staunten einander an ... Das ist das Grosse im Menschenzwei erdgeborene hülflose Wesen können sich betrachten, wie ein nur einmal in der Welt vorhandenes Schauspiel der natur und wie eine Begebenheit, die so, wie in dieser Erscheinung, nirgend und niemals wiederkehrt ...

Nach einer Versicherung des Grafen, dass die Mutter noch einige Tage leben würde, überliessen sich die Ermüdeten dem aufgetürmten Maisstroh in einem wirtshaus, dasin Limone! – den Namen führte "Grand Hôtel de l'Europe" ...

Fussnoten

1 1831. 2 Préliminaires de la Question Romaine. London 1860. 3 Note an Lesseps vom 16. Mai 1849.

4.

Im Widerspruch mit dem im goldensten Sonnenglanz strahlenden Limone lag am frühen Morgen auf den Mienen der nach so langer Trennung sich Begrüssenden der Ausdruck der Trauer ... Die Ankömmlinge sahen wohl, dass den Grafen gestern nur die Besorgniss, die von seiner Mutter so heissersehnten Freunde möchten nicht mehr rechtzeitig eintreffen, bis nach Limone getrieben hatte, von wo er über den Col Stafetten aussenden wollte, als sie dann endlich ankamen ... In erster Morgendämmerung hatte ein reitender Bote den Wink des Arztes gebracht, dass seine eigene Rückkehr zu beschleunigen war ...

Graf Hugo hatte gealtert ... Sein braunes Lockenhaar war lichter geworden und an vielen Stellen ergraut ... Die stattliche Haltung war der zurückgebliebenen Gewohnheit seines militärischen Standes zuzuschreiben; seiner Stimmung entsprach sie nicht ... An seinen Antworten auf Monika's Bewunderung der entzückenden Gegend sah man, dass Schloss Castellungo ein Ort der Trauer war ... Auch Paula war, erfuhren sie, von Coni, wo sie wohnte, heraufgekommen und harrte ihrer in Castellungo ...

Der italienischen Sitte gemäss, wo Rang und Reichtum ihren äussern Ausdruck finden müssen, fuhr mit dem Reisewagen des Obersten auch ein Staatswagen, ein Viergespann prächtiger Rosse vor und erlaubte die Teilung der Gesellschaft ... Obgleich sich Armgart zum Grafen hingezogen fühlte, blieb sie doch bei den Hedemanns ... Monika, der Oberst, Graf Hugo nahmen die Plätze der offenen grossen Equipage ein, die von einem buntgekleideten Kutscher vom Sattel aus geführt wurde ... Zwei Bediente leuchteten in neuen Livreen mit den Dorste'