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verlor er jene Krankheit ... Vollends verlor er sie durch eine Seereise, eine Reise nach Amerika ... Zurückgekehrt erklomm er eine Würde nach der andern und um Rom hatte er sich als Erzbischof von Spoleto das besondere Verdienst erworben, dass er einen Revolutionshaufen unter Anführung Louis Napoleon's durch Zahlung von 6000 Scudi an den Freund desselben, Sebregondi, von ihrem Marsch auf Rom zurückgehalten haben soll1...

Der Erwählte fiel in Ohnmacht, als auf begeisterte Empfehlung Ambrosi's und der beiden Generale aus dem Scrutinium mit der vollen Stimmenzahl sein Name hervorging ... Beinahe hätte sich gezeigt, dass das Gebet der Fürstin Colonna und die Seereise noch nicht die volle wirkung erlangt hatten ... Alle musste es rühren, dass, nachdem man sich zugeflüstert hatte, in der ewigen Stadt wäre einst ein Jüngling verzweifelnd am Strande der Tiber auf- und niedergegangen in der Absicht sich in die Wogen zu stürzenMilitär und Klerus hatten ihn um sein bemitleidenswertes Körperleiden abgewiesennun das Schicksal in dieser selben Stadt die dreifache Krone auf sein Haupt hob! ... Der Erwählte erholte sich in den Armen Ambrosi's und der Ordensgenerale; man legte ihm die Kleider seiner neuen Würde an und nannte ihn der Welt und zeigte ihn den Völkern ...

Dem Stuhl Petri, sagt man, naht sein Verhängniss ... Diesmal erst hatte ihn ein Anhänger jener Partei bestiegen, die damals in Bertinazzi's Loge vom Kohlenbrenneres war Pater Venturadie der Phantasten genannt wurde ... Durch den Patriarchen von Rom sollte vorerst nur Italien erlöst und die katolische Christenheit über das allen Völkern ihre Freiheit raubende Wirken der Jesuiten beruhigt werden ... liebenswürdig ist der Eindruck jedes guten und gläubigen Willens ... Wie im rosigen Lichte schwimmt noch jede auf ihn gesetzte Hoffnung ... Will sie scheitern, so müht sich die edle Absicht, ihr den Sieg zu erleichtern, wirft aus dem zu schweren Fahrzeug Ballast über Ballast, will nur das Glück, nur den Erfolg, nur den Sieg, den ewigen Sonnenschein ... Umrauscht vom jauchzenden Zuruf der Völker hebt sich dann die Brust und wagt und wagt und wofür sonst jeder Wille gefehlt haben würde, doch wird es vollzogen; Vertrauen heisst die Hand, die den Zagenden weiter und weiter führt; schon kann er das Läuten der Glocken, die Freudenfeuer, die donnernden Salven der Geschütze, das tausendstimmige Hoch der Liebe nicht mehr entbehren ... Der neue Zauberer vollzog das Verhängniss eines Wundertäters von grösserer Macht, der über die Geschicke der Menschen tront ... In der Tat brachte nach Italien die erste Botschaft vom Evangelium der Freiheitein Papst ...

Doch es war und bliebeine phantastische Wahl! ... Ein junger Student, ein Graf, ein neugekleideter Priester hatte einst auf dem Marktplatz zu Sinigaglia nachts seine Predigten gehalten, unter freiem Sternenhimmel umgeben von erleuchteten, mit Tausenden von Menschen geschmückten Fenstern, an einem improvisirten Altar, auf dem im Augenblick, wo in poetischen Bildern von seinem beredten mund das Fegefeuer geschildert wurde, eine grosse Schale von Spiritus angezündet wurde, sodass hoch die blaue Flamme aufschlug und den Platz, die Fenster, das Antlitz aller Hörer geisterhaft beleuchtete2... Nun aber schlugen freilich andere Flammen auf ... Erst wurden die Kerker geöffnet, die Verbannten zurückgerufen ... Bertinazzi hatte bis dahin auf der Engelsburg geschmachtet; er wurde im Triumph durch die Strassen gezogen ... Die wenigen, die sich damals, als Benno gefangen genommen wurde, durch eine Versenkung rettetenGraf Sarzana hatte zu ihnen gehört, Benno hatte sich in dem Leichenbruder nicht geirrtwaren grösstenteils nach England geflüchtet und kehrten nun zurück ... Auch Sarzana, der, wie man sagte, "aus Misverständniss" der Mörder Ceccone's geworden, kehrte heimBenno dachte oft an sein stilles Tibergespräch mit dem Unheimlichen "über die misverständlichen Morde zur Cholerazeit" – ... Die Herzogin von Amarillas, die Fürstin Rucca, auch Cäsar Montalto kamen von London ... Rom war überfüllt mit Fremden, mit Flüchtlingen, Entusiasten ... Die Freudenbezeugungen, die Feste, die Ovationen nahmen kein Ende ... Waren es doch – – die Teaterflammen vom Markte zu Sinigaglia –? ...

Anfangs machten sich die Ereignisse von selbst ... Es gibt zeiten, die ohne Hinzutun von Menschenwitz nur die Additionen der Vergangenheit sind ... Das Anatem, das über so vieles bisher geschleudert worden, wurde ihm jetzt von selbst zum Segen ... Nicht bloss die Eisenbahnen wurden von dem Bann der Gottlosigkeit, der auf ihnen ruhen sollte, befreit, nicht bloss die von Rom als Teufelswerk verworfene Gasbeleuchtung; nicht bloss die "materiellen Fortschritte des neunzehnten Jahrhunderts", wie Tiebold mit Satisfaction sagte, wurden anerkannt ... Pater VenturaGeneral der Teatinerpredigte und entflammte das Volk auf offener Strasse mit noch viel weiter greifenden Aufklärungen über die neue Zeit ... Im Coliseum, wie Klingsohr einst verlangt hatte, sprach Ventura's flammende Beredsamkeit und erläuterte den Römern, was ihrer geringen Bildung zu begreifen fast noch versagt war ... Ein Fuhrmann aus Trastevere, Brunetti, der jene Schenke liebte, wo Benno damals den Orvieto getrunken, ein Freund des Wirts, dessen Weinkeller mit dem Bertinazzi's in Verbindung stand und damals die Flucht eines Teils der Verschworenen ermöglichte, Retter des "Kohlenbrenners