Cabinete Neapels und Modenas begehrten, ebenso wenig das Feld räumen, wie einer kleinen Anzahl, die überzeugt war, es müsste ein Freund der neuen politischen Ideen, der Hoffnungen Italiens gewählt werden ... Die Verwirrung wurde die grösste ... Darin aber waren alle, jetzt wie immer, einig, dass der Stellvertreter Christi ein Mittelwesen zwischen Hart und Weich, zwischen Strenge und Milde sein müsste – Nicht zu heilig und nicht zu weltlich –! Nil humani a me alienum! die Losung ... Fefelotti täuschte sich indessen gründlich ... Bei jedem Scrutinium schmolz seine Stimmenzahl ... Auf die besten Freunde war kein Verlass mehr ... Fefelotti legte sich ins Bett, um durch Abwesenheit zu schrecken; dann, als dies Mittel fehl schlug, erklärte er sich für in Wahrheit krank, so krank, dass man ihn nach haus tragen sollte – nach der Praxis früherer Wahlen war das eine erwägenswerte Empfehlung – denn um so schneller machte er einem Nachfolger Platz ... Vergebens – Die Cardinäle lachten – Fefelotti regierte draussen die katolische Christenheit, aber nicht mehr fünf Stimmen im Conclave und er bedurfte zwei Drittel aller Stimmen! ...
Seit sieben Jahren war Cardinal Vincente Ambrosi aus seiner früher im Mönchsgewand so passiven Rolle mit überraschender Energie herausgetreten ... Er hatte die Hoffnungen aller seiner Protectoren getäuscht ... Schon vor sieben Jahren hatte der junge Cardinal mit Entschiedenheit Bonaventura's Partei genommen und diesem kurz vor Lucindens Einsegnung in der Apostelkirche mit unverhohlener Freude die Botschaft einer Genugtuung gebracht, die ihm der Heilige Vater mit Einsetzung auf Fefelotti's verlassenen Hirtensitz schenkte ... Ambrosi, nun schon graulockig, aber immer noch der "Ganymed unter den Cardinälen" genannt, trat bei allen Gelegenheiten hervor, wo irgendein Misbrauch abgestellt oder wenigstens öffentlich gerügt wurde ... Er sowohl wie der Erzbischof von Coni, dann ein neuer General der Dominicaner, auch der General der Teatiner und mehre erste Pfarrer Roms, galten für mutige Kämpfer gegen die herrschaft der Jesuiten ... Nachdem noch selbst Cardinal Ceccone gegen sie gestritten hatte, war mit Fefelotti Schule, Haus, Kirche, diesseitiges und jenseitiges Leben dem Al-Gesù gebunden in die hände gegeben worden ... Man trug zwar ruhig, man beugte sich dem Joch Fefelotti's, das schwerer noch drückte, als das Ceccone's; im Conclave aber hörte plötzlich alle Verstellung auf ... Da zitterten die Mächtigen, da erhoben sich die Schwachen ... Nehmt Ambrosi oder – mich! donnerte der lange weissbärtige, kahlköpfige General der Kapuziner, ein mit kaustischem Witz begabter Greis ... Sich selbst zu empfehlen, seine eigenen Tugenden zu preisen ist im Conclave durchaus erlaubt ... Das wispert dann nachts auf den langen Corridoren ... Da schleichen die schlaflosen Greise von Tür zu Tür; da wird geflüstert und hoch und teuer geschworen und Vorteile werden versprochen und die Stimmen schon für künftige Aemter und Einnahmen ver- und erkauft ... Ambrosi hatte bereits zwanzig Stimmen und bot sie dem General der Kapuziner ... Darüber geriet das Conclave in Entsetzen ... Der? hiess es. Ein neuer Sixtus V., der Rädern und Köpfen zur Tagesordnung macht! Nimmermehr! scholl es durch die Bretterwände und verdriesslich legte sich nun auch dieser Alte ins Bett und brummte: Wählt wen ihr wollt! ... Als er sich bald in sein Schicksal gefunden hatte, pochte der General der Dominicaner, der die Jesuiten über alles hasste, an seine Tür und bat: Bruder, wollt Ihr denn das Feld verlassen? Wählen wir doch wenigstens einen, der uns vom Al-Gesù befreit! ... Der alte Kapuziner erwiderte: Ihr seht ja, wie sie ihm alle verkauft sind! Aber ihr habt Recht! Wollen wir nicht ganz erliegen, schlagt eine Tabula rasa vor, einen Menschen, von dem bisher nichts gesprochen wurde! Einen Menschen, der unter uns ist und den Niemand kennt! Geht alle Namen durch und von wem ihr nicht wisst, ob er Jesuit oder Carbonaro oder Teologe oder Heide ist, den ruft durch Inspiration aus! ... Das Ausrufen durch Inspiration ist eine eigentümliche Wahlmetode; mitten im Debattiren, Beten, Singen springt plötzlich ein Inspirirter auf und ruft: N.N. soll es sein! ... Diese an Luft, Bewegung, ihre häusliche Ordnung gewöhnten Greise sind durch ihr gefangenes Beisammenleben und die stete Spannung dann so nervenerregt, dass solche Rufe zuweilen Erfolg hatten und unter Scenen krankhafter Verzückung Wahlen durch Acclamation zu stand kamen ...
Der Kapuziner kannte selbst keine solche Tabula rasa ... Aber General Lanfranco kannte eine ... Es gab einen der jüngern Cardinäle, der während aller dieser nun schon mehrtägigen Kämpfe der eingesperrten Priester wenig gesprochen hatte und als Erzbischof aus der Provinz den meisten unbekannt geblieben war ... Jeder dieser Gepurpurten hatte schon eine lange Chronik seines Lebens, der heilige Cardinal der Katakomben die allbekannteste – ... Von diesem aber wusste man nur, dass er einem Grafengeschlecht in einer kleinen Stadt an der nördlichen Meeresküste, dem Schauplatz der Taten Grizzifalcone's, angehörte, in seiner Jugend an dem Uebel der fallenden Sucht gelitten hatte, darum sowohl vom Eintritt bei der päpstlichen Nobelgarde, wie anfangs vom Priesterstande abgewiesen wurde, dann in die besondere Pflege vornehmer Frauen geriet und durch deren Betrieb endlich auch zum Priesteramte zugelassen wurde. Durch das Gebet der Fürstin Colonna