1858_Gutzkow_031_834.txt

reich waren, der Rat des Obersten wurde in mancher technologischen und Ingenieurfrage begehrt, Terschka war die Seele der auch in Genf vorhandenen aristokratischen Gesellschaft ... Von den Flüchtlingen, den Polen, Italienern, Deutschen, hielten sich alle in Entfernung ...

Aber gerade von dieser Seite aus gab es scharfe Augen und der geschmeidige, lebensschlaue Böhme, der überall nach Macht, Einfluss, Stellung trachtete, musste erleben, dass ihm schon manches fehl schlug ... Bald hiess es sogar auch hier: Er spielt eine falsche Rolle! Er hat sie schon in London gespielt! Sein Gewerbe kann nur das eines Spions sein! Er correspondirt mit Wien und Rom! ... War dem nun so oder nicht, Terschka blieb jener Jesuitenzögling, der zwar mit scheuer Vorsicht seinen Weg Schritt für Schritt macht, nie aus sich selbst heraus, sondern immer nur aus den andern die Situationen seines Lebens entwikkelt, niemals kann er recht ein Herr werden, immer nur Diener ... Durch sein Dienen verpflichtet man sich die Menschen und zuweilen sind die Menschen edel und heben dafür den andern, der uns dient, wie einst mit ihm Graf Hugo getan; jetzt aber hatte er zuletzt doch nur noch den Obersten und Monika für sich, hundert Zerwürfnisse und Streitigkeiten schon gegen sich ... Bereits hiess es beim Obersten und Monika: Man müsste doch aus dieser Gegend fort! Man müsste doch Bex verkaufen, so schön es auch wäre! Schon wegenHedemann's sollte man in eine mildere Gegend ziehen! ...

Die Herrin von Schloss Bex hatte auch hier, trotz ihrer Schroffheit, Verehrer und Bewerber ... Angesehene Namen aus Genfs Patricierfamilien, umwohnende Grundbesitzer, Reisende, wiederum auch mancher Engländer, huldigten Armgart mit oft masslosem Eifer ... Die Mutter wünschte die endliche Verheiratung; auch der Vater; schon deshalb, um den Schein aufzuheben, als bestimmten sie die Tochter ihres Vermögens halber unvermählt zu bleiben ... Alledem geberdete sich Terschka trotz seiner fünfzig Jahre eifersüchtig, als scheute er mit der Jugend keinen Wettkampf ... Nicht dass er seine eigene Liebe zur Schau trugwenigstens warf er ein: Ich werde so lächerlich nicht sein! – immer aber hatte er Gründe, die Bewerber zu verdächtigen und suchte Scenen herbeizuführen, die zuweilen so ausarteten, dass die Frauen, vor allem Armgart, wahrhaft darunter litten ... Conflicte gab es, wo man erstaunen musste, wie ein einziger Mensch, dem der wahre innere Halt des Charakters fehlt, dennoch einen ganzen Lebenskreis verwirren und beschäftigen kann ... Zuletzt standen auch endlich die Hülleshovens mit Terschka so allein, dass ein Entweder-Oder sich ihnen als unabweisbar aufdrängen musste ... Terschka, fünfzig Jahre alt, in Fällen, wo sein Benehmen Zeugen hatte, mutig und entschlossen, wo er allein war, hinterlistig, feige sogar oder doch nur schlau, konnte schon wieder die hände vor die Augen legen, weinen wie ein Kind und sein Lebensloos beklagen, sodass die Frauen entweder mit einstimmen oder entfliehen mussten, um sich nur dem magischen Einfluss eines Gauklers zu entziehen, der die besonnensten Menschen betörte, seine geschworensten Feinde irre machte und, das sah man nun wohl, Armgart noch erobern wollte ...

Terschka hatte Schulden; der Oberst konnte ihm nicht mehr helfen ... Monika schmollte mit ihm tieferbittert, seitdem er, ganz nur wie zum Scherz, die Aeusserung hatte fallen lassen, er würde, wenn Armgart es beföhle, in den Schoos der römischen Kirche zurückkehren ... Armgart besuchte zuweilen die Messe in einem zwei Meilen höher hinauf gelegenen katolischen dorf ... Terschka fing an, sie dortin zu begleiten ... An der Kirchtür wartete er dann, bis sie zurückkam ... Wieder wurde ihr der Mann wie die Schlange, deren Atem den Vogel besinnungslos macht ... Sie stand ohnehin mit ihrem katolischen Gefühl hier allein und nun gesellte sich diesem, wie sympatisch ergriffen, Terschka zu ... Monika sagte ihm seitdem, so oft er sich auf dem schloss sehen liess, mit dem Ton des gebietendsten Ernstes: Terschka, verlassen Sie uns endlich! ... Der Oberst erklärte in Güte: Terschka, Ihre Rolle ist hier ausgespielt! Reisen Sie mit Gott! ... In leisem, gemütlichem Ton konnte er dann seufzen: Ich gehe! ... Er ging und kam wieder ... Nur einen Augenblick blieb er dann, schwieg und warf einen blick des tiefsten Schmerzes auf Armgart ... Nicht lange währte es, so kniete er hinter ihr in der Messe des kleinen Kirchleins im Gebirge ... Armgart erhob sich dann, sprach nicht mit ihm beim Verlassen des Gottesdienstes und wich ihm für den Heimweg aus, aber sie sammelte nur mühsam die Kraft dazu, wankte, wenn er sich ihr näherte, suchte zu entfliehen und konnte nicht von der Stelle ... Alles, alles, als wär' er durch sie und um ihretwillen im Begriff, wieder Katolik zu werden und als wär' er's schon längst geworden, wenn er nur sicher wüsste, ob er in diesem Fall seines Priestergelübdes entbunden würde ... Er behauptete, deshalb in Genf alle Biblioteken nachzuschlagen ...

So überraschte er Armgart einst auf ihrem Zimmer ... Seine Jahre verwünschend, nannte er die Empfindungen, die ihn beherrschten, wahnsinnig, dennoch erklärend, gewisse Namen, die gerade damals als