Dankbarkeit war wenig die Rede ...
"Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch!" sagte Hedemann und freute sich der vorgeführten Bilder aus der alten Zeit Witoborns ...
Das ist aber die Dankbarkeit nicht, nahm die streitsüchtige, schon ausserordentlich angeregte und ein gewähltes Mittagsmahl anordnende Monika auf, die Terschka meint ... Sie wollte hören, wie es mit Terschka's religiösem inneren stand ... Terschka hatte vom tod Ceccone's gesprochen, der wohl auch die Ursache gewesen sein mochte, sagte er harmlos, dass seine Nichte seit Jahren nicht nach Rom zurückkehrte ... E b e n s o lange war Ceccone tot – er war unter seltsamen Umständen gestorben ...
Auch der Oberst achtete nicht darauf, dass sich Armgart dem Fenster zuwandte; er sah nur und freute sich dessen, wie geheimnissvoll seine Frau für den Mittagstisch sorgte ...
"Und seid gewurzelt und erbaut in ihm und seid fest im Glauben, wie ihr gelehrt seid, und seid in demselben reichlich dankbar!" wiederholte Hedemann zum festen zeugnis, dass die Bibel die Jesuitenlehrer beschäme ...
Die Mutter, während Armgart schwieg und am Fenster auf den See und die im Violett strahlenden Schneeberge Savoyens blickte, wollte heute gar nicht Hedemann's Partie nehmen und meinte, manches verhältnis des modernen Lebens, manche Verpflichtung unserer künstlichen und unnatürlichen Verhältnisse liesse sich kaum aus der Bibel herleiten ... In diesen Gegenden, wo der Bibelglaube und die religiöse Phrase fast an jedem Bissen Brot, den man in den Mund nimmt, haftete, war Monika allerdings etwas weltlicher geworden; aber auch die Erinnerung an die schönen Stunden, die sie in Wien verlebt, erregte sie ...
Hedemann liess die Meinung nicht aufkommen, dass die Schrift nicht die umfassendstverpflichtende Dankbarkeit anempföhle ... David war dankbar gegen Abjatar, den Sohn Abimelech's, der für David gestorben ... David war dankbar gegen Barsillai, den achtzigjährigen, den er mit nach Jerusalem in seine Burg nehmen wollte, weil er ihm früher in Not gedient ... David war dankbar dem Gedächtniss Jonatan's, des Sohnes Saul's, der ihm angehangen, und rief in alle land: Wo ist jemand übriggeblieben von dem haus Saul's, dass ich Barmherzigkeit an ihm übe um Jonatan's willen?! ...
Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne fest und sagte:
Die Dankbarkeit, die Terschka meint, heisst nicht das Erweisen von Wohltaten an den, der auch uns Wohltaten erwies, sondern die Unterordnung des eigenen Willens und Interesses unter den Willen und das Interesse eines andern für ein ganzes Leben lang – ...
Eine Stille trat darauf ein ... Terschka genoss ihre wirkung und sagte, so hätte er sich allerdings dem Grafen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren lassen ... Unsre Professoren auf dem Collegium, fuhr er fort, liessen wenigstens nicht mit offnen Worten, aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten, die eine eigene Benachteiligung voraussetzte ... Den Vorteil, den sie auf alle Fälle gewahrt wissen wollten, nannten sie die eigene Vollkommenheit ... Hatten wir nicht einen ganzen Tag Disputation über die Frage: Ist man verpflichtet, hundert Zechinen einem Mörder auszuzahlen, der sich dafür erbot, einen Mord zu begehen? ... Der erste Satz war natürlich: Solange der Mord nicht vollzogen ist, kann auch von Zahlung gar keine Rede sein ...
Man lachte ... Selbst Armgart musste es ...
War aber halt der Mord vollzogen, fuhr Terschka fort – wie dann, wenn der Anstifter in den Beichtstuhl kommt und, nachdem nun sein Vorteil bereits gewahrt ist, jetzt keine rechte Lust mehr bezeugt, die hundert Zechinen zu bezahlen? ... Darüber waren die Meinungen der Teologen geteilt ... Einige glaubten, dass das Geld, ob vor oder nach der Tat, wenn auch versprochen, unter keinerlei Umständen bezahlt zu werden brauchte ...
Schändlich! rief Monika aufwallend ... Selbst dem Mörder muss man die Treue halten ...
Sie urteilen, meine Gnädigste, fiel Terschka ein, grad' wie der heilige Liguori, der Stifter der Liguorianer, unser Schutzpatron, auch urteilte ... Rund und fest hat der Liguori erklärt: Die hundert Zechinen müssen dem Mörder unter allen Umständen bezahlt werden! ...
Das beste Wort, das ich je von einem Jesuiten gehört habe! fiel die Mutter ein und setzte die entwicklung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des Edelmutes fort, bis der Oberst von der Dankbarkeit hinzugefügt hatte, dass er Beispiele aus seinem eigenen Leben kenne, wo sie manche Charaktere vollständig aus ihrer Bahn gelenkt hätte, wo Menschen, einmal verpflichtet, nie wieder ihren freien Willen bekommen hätten, Offiziere, die das Opfer eines einmal unbedacht geschlossenen Verhältnisses sogar mit ältern Damen geworden und elend untergegangen wären ... Da erst verstanden denn Monika und Hedemann die wechselnde Gesichtsfarbe Armgart's und setzten das Gespräch, dessen Bezüglichkeiten sie sich jetzt auf Benno deuten konnten, nicht fort ...
Aber von Lucinden und einem seltsamen Zusammenhang des überraschenden Todes ihres Gönners, des Cardinals Ceccone, wusste nun Terschka Dinge zu erzählen, die, wenn sie auch fragmentarisch bleiben mussten, weil sie für Armgart's Ohr nicht gemacht waren, doch die ganze Behaglichkeit verbreiteten, durch Terschka