1858_Gutzkow_031_830.txt

Augenblick London verliess, als Benno dort ankam ... Eine grosse Geldsumme, die ihm später, als er wieder zurückgekehrt war, von Witoborn aus zugekommen sein sollte, musste, glaubte man im engern Kreise des Obersten, vom Präsidenten auf Neuhof herrühren, der mit ihm über die Entüllungen der zweiten Heirat seines Vaters schon längere Zeit in näherer Verbindung stand ... Dann war er nach Amerika gegangen ...

Monika konnte nie wieder ganz das Bild jener wiener zeiten bannen, wo Graf Hugo und Terschka so heiter und sorglos verkehrten, die alte Gräfin trotz erster Abneigung gegen Terschka für ihn schwärmte, ja sie selbst von ihm mit einer leidenschaft verehrt wurde, die ihr Herz in Unruhe, ihre Entschlüsse in Schwankungen versetzte ... Dass Terschka, der schon immer und immer mit dem Uebertritt umging, wie Monika selbst, die Hoffnungen auf ihre Gegenliebe damals, als er Armgart und deren förmliches Sichihm-anbieten, um die Mutter von ihm abzuziehen, kennen gelernt hatte, aufgab, schien ihr natürlich zu sein; eine alte Teilnahme löscht sich im Frauengemüt nie aus; wo sie einmal Partei genommen, sind ihre Entschuldigungen unerschöpflich ...

Nur Armgart, die nun schon wieder ganz allein in ihrer Abneigung zu stehen fürchtete, sagte: Er hat irgendeine Schuld auf seinem Gewissen! Diese jagt und verfolgt ihn! Diese treibt ihn vom Guten auf, wenn er das Schlechte eben verlassen hatte und das Gute lieben möchte! Diese macht ihn zum Werkzeug jedes energischen Willens, der ihm imponirt! ...

In ängstlicher Spannung sassen sie beim Tee; der Sturm mehrte sich, manche Zweige an den ächzenden Pappeln, die in nächster Nähe des Schlosses standen, brachen ... Jeden Augenblick, glaubte man, müsste die Glocke an der Eingangspforte gezogen und Terschka's Rückkehr gemeldet werden ...

Es wurde neun, zehn Uhr ... Schon wollte man zur Ruhe gehen, da zog es an der Glocke ... Es war eine weibliche stimme, die sich hören liess ... Porzia Hedemann kam noch so spät aus ihrem dem See näher gelegenen Häuschen ... Sie hatte sich nicht überwinden können, ihren teuren Gönnern und Beschützern noch von einem Besuch des baron von Terschka zu erzählen ... Freude strahlte aus ihrem Auge und ergänzte ihre gebrochene deutsche Rede ... Terschka hatte in gewohnter Weise die Spuren seines Erscheinens sogleich angenehm bezeichnet, hatte von Mitteln gesprochen, die unfehlbar die kranke Brust Hedemann's heilen müssten ... Alle Zauber Amerikas breiteten sich schon um ihn, als nun auch der Oberst einräumte, die Indianer besässen Heilmittel, von denen sich die Weisheit unserer ärzte nichts träumen liesse ... So schwebte schon Terschka, noch ehe man ihn wiedersah, in dem gewohnten Nimbus seiner Liebenswürdigkeit ...

Am folgenden Tage erschien er in der Tat ...

Er war in Genf abgestiegen, kam in einem Einspänner dahergeflogen, den er selbst führte, und sah in seinem schnurbesetzten Pelzrock, von Wetter und Sturm gerötet, trotz seiner fünfzig Jahre, noch immer ganz stattlich aus ... Die kleinen Formen des Siebenmonatkindes konnten eher, als plastischer ausgebildete, durch die Jahre zusammengehen ... Sein Auge hatte das alte lebhafte Feuer; sein kurzgeschnittenes Haar war, trotz der Beängstigungen, die sein Gemüt die Reihe von Jahren hindurch schon ausgestanden haben mochte, nur von einem leichten Hauch der Verwandlung in Grau überflogen ... Mit einer Unbefangenheit gab er sich, als setzte die Gegenwart die nur kurze Zeit unterbrochen gewesene und völlig ungestört gebliebene Vergangenheit fort ...

Die befangenen Mienen des Obersten klärten sich auf, als Terschka mit Begeisterung von Amerika sprach ... Monika sah in jeder Freude ihres Gatten ihre eigene und schürte dies Behagen ... Vom frühern Jesuiten, von der Umwandelung in einen Protestanten, vom Freunde der italienischen Emigranten konnte um Armgart's willen nicht lange die Rede sein ... Diese noch unverheiratet zu finden, sagte Terschka, überraschte ihn nicht, denn er hätte sie und ihre Familie auch jenseits des Oceans nicht aus dem Auge verloren ... Sein Wesen blieb harmlos; nicht eine Miene verriet: Du liebtest einst diese Mutter, deren Locken nun immer silberner geworden! Und wie nahe warst du, auch die Tochter, diese immer noch blühende, schöne, reiche Herrin von Schloss Bex die Deine zu nennen! ...

Hedemann wurde gerufen ... Trotz seines "Sterbens in Christo" kam er neubelebt ... Porzia war hoch in der Hoffnung und der Gedanke des Todes, sonst ein ihm so lieber und vertrauter, erfüllte ihn jetzt mit Trauer ... Terschka versprach, ihn seines Mittels wegen zu besuchen ... Im Plaudern hatte er eine noch auffallend genaue Kenntniss aller Verhältnisse und Personen, mit denen er sonst gelebt, verraten und bedurfte darüber keines Unterrichts, den er eher noch selbst erteilen konnte ... Ohne Schärfe liess er zuweilen und wie zufällig eine Anspielung auf den natürlichen Sohn des Kronsyndikus, Cäsar von Montalto, oder auf die Fürstin Rucca fallen ... Er übertrieb, bei gelegenheit des Grafen Hugo, das Princip der Dankbarkeit, sagte aber auch, in Anspielung auf Benno's Dankbarkeit für seine Befreierin, die Fürstin Olympia:

Meine Damen, als ich noch ein Jesuit war, kam im Colleg zu Rom die Frage auf die Dankbarkeit ... Wir trieben Moral nach allen möglichen Unterscheidungen hin; aber von