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die Verzweiflung wegzulügen sucht. Serlo sprach später oft von dieser Verbindung mit Lionel's Worten: "Glück zu dem Frieden, den die Furie stiftet!"

Nach einem halben Jahre, wo beide zusammen Gastrollen gaben, musste Serlo schon für seine Begleiterin sorgen, als wäre sie seine Gattin. War sie dies oder war sie es nicht, sie konnte kein Engagement annehmen. Serlo musste sie und ein erwartetes Kind ernähren.

So nahm er die erste beste Stellung, die nur etwas Brot gab. Er nahm sie in einer Form, die sich später nur zu oft wiederholte ... Es ging zum Herbst. Die Entbehrungen, die von einem Gastspielreisen ohne Ruf und Resultat unzertrennlich sind, hatten ihn aufs Krankenlager geworfen. In einer Mittelstadt Norddeutschlands, wo fräulein Leonhardi noch Verehrer von sonst besass, traf sie, ihren Zustand möglichst verbergend, bei einem derselben mit einem durchreisenden Director einer Bühne zusammen, der einen Liebhaber zu engagiren wünschte. In einem Augenblick, wo der Director nach irgendeinem Gegenstand auf der Strasse zu sehen ans Fenster trat, besass sie die Geistesgegenwart, dem alten Freunde rasch zuzuflüstern: Schicken Sie in unser Hotel! Serlo soll sich ankleiden! ... Wie? fragte der Director und wandte sich. Sie sprachen ja eben von Serlo? Ist Serlo hier? ... Im goldenen Adler! hiess es ... Schade, dass er kränkelt! antwortete der Director ... Kränkelt? erwiderte die Leonhardi. Serlo ist so gesund wie ein fisch! ... Ich möchte ihn wohl sprechen; ich könnte ihn brauchen ... liess überlegend der Director fallen. Der alte Verehrer des Fräuleins, ein wohlhabender Teaterliebhaber, der sich darin gefiel, im Orte die seltensten Weine zu haben, hielt ihn zurück: Nein, nein, nein! Sie bleiben! Ein Glas Tokayer! Der Director schützte Eile vor, blieb jedoch, um wenigstens auf baldiges Wiedersehen anzustossen. Damit fand der Kunstfreund einen Moment, hinauszuspringen und seinem Bedienten zu sagen: Lauf in den goldenen Adler! Herr Serlo soll sich ins Zeug werfen, ein Director kommt ihn zu engagiren! Nachdem bietet er der Künstlerin und dem Director ein improvisirtes Frühstück. Dem Director, der fürchtete, mit fräulein Leonhardi, die er schon einmal sechs Wochen im Engagement gehabt, auf neue Erörterungen zu stossen, ergab sich bald, wie Serlo zu fräulein Leonhardi stand. "Madame Serlo? Ei der Tausend!" – "Ja Madame Serlo! Doch nimmt mein Mann auch Engagement allein an." Eine halbe Stunde verfliesst. Zuletzt begleitet der Director Madame Serlo in den goldenen Adler. Dort, wo noch eben im abgetragenen Schlafrock, mit einem grossen wollenen Tuch um den leidenden Hals, ein armer Kranker, leichenblass, auf dem Bett gelegen hatte; dort, wo alles ringsum in der grössten Unordnung gewesen war, wo Arzneigläser am kühlenden Fenster standen, Wäsche am Ofen hing, um erwärmt zu werden; dort, wo ein hinfälliger Kranker, einem Greise ähnlich, das dunstige Zimmer mit Seufzern und Verwünschungen über sein Geschick erfüllt hatte, hatte nach der Meldung des Dieners im Nu eine Verwandlung stattgefunden. Die Gläser waren entfernt, das Bett durch einen Schirm verdeckt worden, die Wäsche hinweggenommen, die grösste Ordnung herrschte. Der Kranke, der Lebensüberdrüssige, Hinfällige, Hustende stand in dem einzigen Frack, den er besass, mit eng anschliessenden Beinkleidern, gefirnissten Stiefeln, weisser Weste, über welche eine Lorgnette niederhing, buntem, lose umgeschlungenen Halstuche, eben den Hut aufsetzend, eben helle Handschuhe anziehend, eben noch die Cigarre im mund, um sie rasch gleichsam auszurauchen, ein Liedchen trällernd und die Tür öffnend. Wohl hatte er das Gefühl, als wenn ihm die Füsse versagten, die hände flogen noch vor Fieberfrost, die Lippen zuckten, der ganze Körper zitterte ... dann aber hört er kommen, jetzt eine Arie geträllert, laut eine Tirade gesprochen und nun: Was zum Henker, Sie Herr Director? Was führt Sie in dies verdammte Nest, wo ich einen alten Freund besuchen musste? Bravaden folgten auf seine Kraft, Bravaden über den langweiligen Aufentalt, die baldige Abreise ... man plaudert, man scherzt, man bietet Cigarren ... Der Director engagirt den unverwüstlichen, interessanten Serlo für die Wintersaison. Die Contracte waren, wie gewöhnlich, gleich zur Hand in der Rocktasche; noch einige Debatten über die Gage, dann Unterschrift ... Beim Scheiden sagte der Director scherzend, mit einem feinen blick auf Madame Serlo: Serlo! Serlo! Die grauen Härchen an den Schläfen! Schonung! Schonung! ... Diese grauen Härchen hatte der Leidende in der Eile zu färben vergessen. Madame Serlo versprach zu sorgen, dass die Härchen nicht um sich griffen. Das Uebrige ist Ihre Sache! sagte sie mit der Süssigkeit jenes Conversationstons, mit dem sie ihre Eroberungen machte. Als der Director fort ist, sinkt Serlo, der eine Stunde lang mit der äussersten Anstrengung die Rolle eines Gesunden und Frohgemuten durchgeführt, ohnmächtig zusammen. Die Gefährtin seines Lebens sprach den ganzen Tag nurvon dem Glück, solche Freunde zu besitzen wie sie in jenem Kunstfreund! Es war, sagte Serlo, als er diese Scene eines Abends, als seine Gattin spielte, Lucinden erzählte, nicht das erste mal, dass ich gut gespielt hatte undohne Beifall blieb.

In eine Verbindung mit diesen Schauspielern trat Lucinde durch Zufall.

Voller Unmut über die ihr gewordene Kündigung