, nach seinem Wissen, unaufgelöst und zu verklingen übrig blieb ... Auch die Losung: Fiat lux in perpetuis! wiederholte sein entschwebender Geist still vor sich hinmurmelnd ... Armgart schrieb mit Erstaunen und schon an Irrereden glaubend: Nun würde er diese Worte nicht mehr unter den Eichen von Castellungo, sondern im Vorhof der Seligen hören; sein Huss- und SavonarolaScheiterhaufen würde die läuternde Flamme des gelösten Weltenrätsels sein! Sollte Bonaventura noch einst, dictirte er, den Eremiten im Silaswalde sehen, so mög' er ihm sagen: Im Leichenhause des grossen sankt-Bernhard hätte auch er eine neue Offenbarung über Gott und die Welt gefunden – – Da besann sich der Greis und stockte ... Er liess sich die Feder in die Hand geben und versuchte selbst weiter zu schreiben ... Die Hand versagte den Dienst ... Armgart musste noch den Brief vor seinen Augen verschliessen und dann sorgsam siegeln ...
Man senkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges, pflanzte aber um die Oeffnung des Bogens, der in den Friedhof führte, Rosen und Vergissmeinnicht ...
Beda Hunnius, auf dem nun ganz von den Jesuiten eroberten Terrain, auch jenseits der Elbe, wieder zu Ehren gekommen, wurde sein Nachfolger ... Zu seinem Kaplan machte sich dieser neue Dechant den in Lüttich erzogenen Schifferknaben von Lindenwert, den Turiferar von Drusenheim, Antonius Hilgers ... Der arme hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten, wie sie Rom für seine Priester beansprucht ... Er war noch ärgerer Zelot als Müllenhoff ...
In dem schweren Amt der Bestattung und der Uebernahme der Hinterlassenschaft fand Armgart Beistand und überwand alles voll mutiger Entschlossenheit, noch ehe ihr Vater zu ihrer hülfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam ... Armgart hatte ganz Kocher zu Freunden ... Ihre Maxime war, bei jedem, der "ihr etwas zu haben schien", still zu stehen und zu fragen: Ist etwas zwischen uns? ... Das konnte sie selbst dem hämischen Hunnius gegenüber, der mit ihr wie mit jeder "Nichte" der Dechanei gegen deren Bewohner zu conspiriren suchte ... Sie erfreute ihn durch ihre Empfänglichkeit für seine geistliche Poesie ... Die "Dichterapoteke" von Weihrauch, Myrrhen, Narben, Aloë und ähnlichen Spezereien, die so stark aus seinen Versen "stank", wie der Onkel sagte, erinnerte sie doch noch immer an die Zeit ihrer ersten Jugend, wo sie den Rosenkranz mit seinen fünf schmerzhaften, fünf freuden- und fünf glorreichen Geheimnissen in alle Himmel ausgebreitet sah, die Sonne als Monstranz und die Seelen als beflügelte Kreuze dem grossen Herzen Gottes mit der lodernd über ihm tronenden Flamme zufliegend ... Die zeiten dieser Anschauungen waren freilich auch bei ihr vorüber ... Nur hielt sie an ihrer allgemeinen Stimmung fest und die blieb eine gebundene – schon um Paula's willen, die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie, ein Ziel der sehnsucht und heissesten Wünsche verblieb ...
Unter den Beileidbezeugenden erschien auch Löb Seligmann ... Er war ja so engverbunden der Dechanei, so engverbunden auch den Geheimnissen von Westerhof, von Kloster Himmelpfort und Schloss Neuhof ... Seitdem man allgemein wusste, dass Benno von Asselyn der Spross einer ruchlos geschlossenen Ehe des Kronsyndikus war, hatte endlich auch Löb seine Miene vertraulicher Protection gegen den Dechanten gemildert ... Diesem hatte er sich wirklich eines Tages ganz offenbart, als er gerade von Reisen zurückkehrte und auch voll Wehmut Veilchen Igelsheimer auf den Friedhof hatte tragen helfen ... Sein Auge weinte ... Die sanfte Zimmerblume war an ihrer stillen Hektik dahin gegangen und hatte den rauhen Natan von ihrem Husten befreit, den ihre zarte Schonung, sagte Löb, sich nur des Nachts gestattete! Am Tag, da hielt sie jeder unter den lachenden Masken und bunten Schellenkappen für wohlauf und gesund ... Bis zum letzten Augenblick hatte Veilchen zum "Carneval des Lebens" gescherzt – und selbst noch im tod waren ihre langen Locken so schwarz wie in ihrer Jugend geblieben, wo sie in eben diesem Park der Dechanei Spinoza kennen gelernt ... Der Dechant, nicht wenig erschreckend über Seligmann's befremdliche beichte, sagte damals zu ihm: Auch daran trag' ich schuld, dass Leo_Perl diese bescheidenen Mädchenträume nicht erfüllte! ... Löb, durch und durch "Trauermarsch" aus "Montecchi und Capuletti", erzählte dem Dechanten mehreremale, in mannichfachen Variationen, was ihn das Schicksal in Schloss Neuhof belauschen liess ... Er gab aber die Bürgschaft seiner Discretion fürs ganze Leben und hatte gleich alles doppelt erzählt, gleich auch für die, vor denen er zu schweigen gelobte ... Armgart wurde die besondere Flamme Löb's ... Wie oft auch besuchte sie die noch lebende "Hasen-Jette" und hörte dort die Neuigkeiten – über ein seidenes Kleid, das Frau Treudchen Piter Kattendyk schickte, über die in Rom eine Gräfin gewordene "damalige Lucinde Schwarz", von der auch Veilchen noch oft gesprochen hätte, über die Barone von Fuld, die den Seligmann zuweilen noch in Drusenheim sahen, aber nicht mehr zum "speisen" einluden, ohnehin, seitdem sie die Rotschilds stürzen wollten; vor allem aber die Entzükkungen der glücklichen Mutter über David, ihren Sohn ... David Lippschütz war auf die Beine gekommen, hatte schulen, hatte schon einige Jahre die Universität besucht und war bereits ein berühmter Dichter ...