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kleine Geräusch aufstehen konnte und nun nicht mehr den Lolo als Führer hatte und überall ihre Schwester, die Hauptmännin, und ihren Mörder, den Hammaker, sah, und dennoch das nächtliche Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Türen, ob sie auch gut verschlossen wären, nicht lassen konnte, einen unglücklichen Fallworan sie starb ... Und wenige Monate darauf legte sich auch der Dechant und hauchte seine edle Seele in Armgart's Armen aus ...

Sein Testament hatte Franz von Asselyn schon lange geändert und sein ansehnliches Vermögen in drei Teile zerlegt, für Bonaventura, Benno und Armgart ... Benno, in einem Briefe Tiebold's, und Bonaventura, in directer Zuschrift an Armgart, verzichteten zu ihren Gunsten ... Armgart war nun ein vierundzwanzigjähriges wohlhabendes und mit einer auch von Heiligenkreuz sich mehrenden Rente ausgestattetes Stiftsfräulein ...

Alle diese erschütternden Vorgänge erlitten diejenigen Unterbrechungen, die das Traurige habenandere sagen das Gute –, das Leben selbst beim grössten Schmerz immer noch erträglich und anziehend zu machen ... Die Sonne leuchtete auch so und die Blumen blühten auch so ... Für Armgart gesellte sich zu den Zerstreuungen der Dechanei, zu kleinen Reiseausflügen, zu Briefen von nah und fern und zu jenen Fortschritten der inneren Bildung, die uns sogar selbst überraschen und erfreuen dürfen, die Steigerung des Interesses, das an ihrer person genommen wurde ... Mancher Offizier mit dem flatternden Husarendolman ritt im Park der Dechanei täglich die Schule, um nur von ihren Fenstern aus beobachtet werden zu können; mancher junge Beamte interessirte sich für die alten Möpse und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren, um nur auch bei ihren Kaffees zuweilen der interessanten jungen Stiftsdame zu begegnen ... Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter, wenn sie "im Geist auch schon eisgraue Haare" hatte und über die Rosenzeit des ersten Mädchenfrühlings hinweg war ... Sie gehörte dem Leben an, wo es sich nur regte, nicht um seine Freuden zu geniessen, sondern um seine Rätsel zu belauschen und seine Aufgaben zu lösen ... Am liebsten wandelte sie mit dem Onkel, wie er in seinen letzten Tagen liebte, über den Friedhof ... Schon lange und seit dem tod Windhack's und der Mutter Gülpen sagte der Onkel nicht mehr: "Der allein richtige Gattungstrieb des Menschen ist der, leben zu wollen; kommt der Tod, so ist er da und es kann ja auch einmal eintreffen, dass gerade unsereins den Beweis führt, dass das Sterbenmüssen seit Jahrtausenden nur ein blosses versehen der ärzte gewesen! Die Wissenschaften machen so ausserordentliche Fortschritte!" ... Diese Lebensfreudigkeit, sonst auch zu Benno und Bonaventura ausgesprochen, hielt im letzten Jahre nicht mehr Stand ... Er liebte die Gräber und las ihre Inschriften ... Aus jeder ihrer goldenen Lettern hörte er seine eigene Grabschrift heraus, bestellte sich, wie er die seine haben wollte, und sah im Geist die Leute an einer solchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem sankt-Zeno stehen und lesen: "Hier ruht in Gott" – Nun setzte er wohl hinzu: "Der alte Narr, der –" ... Eine Selbstkritik folgte ... Alles das plauderte er im langsamen Gehen und bestellte sich in der Nähe des einst ihn im Kreuzgang deckenden Steines Rosen und Vergissmeinnicht ... Armgart erfreute ihn dabei durch Einesdurch jenes gründliche Eingehen auf seinen Tod und sein Begräbnisseine Tugend, die viel besser wirkt, als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens ... "Darin kann ich Karl V. ganz verstehen, dass er sich probe begraben liess!" sagte sie ...

Des Dechanten Hauptbeschäftigungen im letzten Lebensjahr waren seine Briefe mit Cäsar von Montalto und Bonaventura ... Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhaltaus den von Italien kommenden nur das, was Paula und Gräfin Erdmute betraf ... Oft fuhren Onkel und Nichte zusammen nach sankt-Wolfgang, besuchten das Pfarrhaus, auch das erbrochene, jetzt wohlerhaltene Grab des alten Mevissen ... Ja noch ein Studium nahm der Dechant in seinem letzten Lebensjahre vor, die italienische Sprache ... Oft sprach er von Bonaventura's Vater und versenkte sich in dessen Entwickelungsgang. Als Paula einmal schrieb, sie lerne provençalisch, die Sprache der Troubadours, rühmte der Dechant seinen "verstorbenen", im Schnee des sankt-Bernhard "so elend verkommenen" Bruder, der in seinem immer romantisch gewesenen Jugendsinn auch diese Sprache sich angeeignet hätte vom dritten Bruder Max, dem Offizier, dem Adoptivvater Benno's, der die Kenntniss derselben aus dem südlichen Frankreich und den Pyrenäen mitbrachte ... Er las die Minnesänger und vergass seine Acten! sagte der Dechant träumerisch von seinem Bruder Friedrich ... Es war ein Tema, über das er in ein langes, seltsames Schweigen verfallen konnte ... über Benno's Ursprung wurde wenig gesprochen ... Die Erinnerung an die falsche Trauung im Park von Altenkirchen war dem Greise zu unheimlich ...

Kurz vor seinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Rest seiner Kraft zusammen und liess sich über mancherlei in einem langen Briefe an den Erzbischof von Coni aus, den er schon teilweise Armgart dictiren musste ... An gewissen Stellen nahm er selbst die Feder und liess Armgart nicht lesen, was seine zitternde Hand geschrieben ... Er verbreitete sich über alles, was noch in Bonaventura's Leben