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Püttmeier's, die doch erst durch das Erringen des Hegel'schen Lehrstuhls hatte möglich werden sollen; sie erwirkten eine Beförderung des von Pfarrer Huber's harmonicaspielender Tochter bedenklich Begeisterten zum bischöflichen Archivar in Witoborn und die Versetzung Huber's ... Wie war Armgart, durch ihren dreijährigen Aufentalt in London, allen diesen kleinen Anschauungen entrückt ... In ihrem Stifte war sie nur einen Tag ... Nach Westerhof durfte sie der Mutter wegen auch nur ein einziges mal – ... Tante Benigna und Onkel Levinus umschlangen sie voll Inbrunst und hätten jetzt alles darum gegeben, das sonst so viel gescholtene Kind bei sich zu behalten und schon fingen wieder die alten Entführungspläne an ... Da entschied der Vater für den Ausweg, dass Armgart, die zwar nicht zu den Deutschkatoliken übertreten, wohl aber mit Freuden in die Gegenden der Elbe mitziehen wollte, wohin die älteren gingen, die Mühseligkeit dieser Irrfahrten nicht teilen, sondern nach Kocher am Fall zum Onkel Dechanten, zur lange schon kränkelnden "Tante Gülpen", ziehen sollte ...

Armgart erfüllte dies Gebot der älteren und zog nach Kocher am Fall ...

Hier war sie denn des mit dem freudigsten Willkommen! sie aufnehmenden Dechanten letzte und würdigste "Nichte" ... Tante Gülpen hatte sie nicht aus dem Wochenblatt verschrieben, hatte sie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei geschmuggelt ... Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer schroffer gewordenen Beurteilung gegen den Dechanten keinen Anstoss ... Franz von Asselyn erklärte, sich auf seine letzten Lebenstage keiner solchen "Eroberung" mehr gewärtig gewesen zu sein ... In dieser holden äussern Anmut besass er alles, was seinem Auge, in Armgart's innerm Wesen, was seinem Herzen wohltat ... Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die verheerenden Folgen derselben; da war die ewig dienende natur Angelika Müller's ohne deren trockene Regelmässigkeit ... Da hatte er eine der Seelen, von denen er sagte: Die gehen in solche kleine Vögel über, wie sie unter meinem Baum am Fenster nisten! ... Von Armgart's Seelenwanderung versprach er sich vorzugsweise den Besuch seines Grabes, von dem er oft und gern sprach ... Er war gerüstet, täglich hinabzusteigen ... Die Aufregungen der letzten Jahre waren für ihn zu mächtige gewesen ... Seine heitere Laune kam schon seltener und währte nicht lange ...

Während nun der Oberst unter den mannichfachsten Bedrängnissen in Deutschland umirrtein Magdeburg lösten sich bald die angeknüpften Verhältnisseund sich zuletzt, ermüdet durch die gänzlich durch den Protestantismus selbst zerstörte Hoffnung auf eine grosse geschichtliche Bewegung der Geister, nach der Schweiz begeben hatte, verlebte Armgart noch einige Jahre in Kocher am Fall ... Die Eindrücke hier waren nicht immer erhebend ... War auch die Verbindung mit allen den ihr werten und teuren Menschen gerade durch die Dechanei die lebhafteste, so erfolgten doch selten Mitteilungen, die eine wahre Freude verbreiten durften ... Die schmerzlichsten von allen betrafen Benno ... Sie waren so trüb, dass selbst Tiebold nur einmal nach Kocher kam ... Einmal hatte sich Tiebold mit der ganzen Liebe und Hingebung seines Gemüts, wenn auch wie immer als "närrischer Kerl" sich einführend, einige Tage zum Gast der Dechanei gemacht, hatte, "über sich, als Mann, fast schamrot", die Reife Armgart's, ihre vorgeschrittene Bildung, die Sammlung ihres Charakters bewundert, hatte italienische Anekdoten, Reiseabenteuer erzählt, von Nück berichtet, dem in Italien, andere sagten im Orient Verschollenen, hatte von Schnuphase, der eine Pilgerfahrt zum heiligen grab mit Stephan Lengenich und mehreren andern Erleuchteten bezweckte, erzähltaber die Art, wie er von Benno's italienischer "Nationalisirung", von den Erlebnissen in Rom, vom gegenwärtigen londoner Wirken und Treiben Benno's als eines "mit Gott und der Welt zerfallenen" Sonderlings und Grillenfängers sprach, überhaupt als von einem Menschen, den man "nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Gebrüder Bandiera" gar nicht mehr wiedererkanntealles das sagte genug, um sein einzigesdas dann "etwas deutlich gegebenes" Wort zu verstehen: "Als wir ja damals für immer Abschied nahmen in der westerhofer Kapelle!" ... Armgart lächelte zustimmend, sie verstand, was Tiebold mit "für immer" sagen wollte ... Tiebold war dann nach dem kocherer Besuch gleich nach London gegangen, wo er oft monatelang verweilte ... Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte sein Bericht nicht genug erzählen ... drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit einem Carissimo nach dem andern nachgeschickt ...

Für Armgart gab es in Kocher Zerstreuungen der in Wehmut erbangenden Seele an sich genug ... Darunter freilich auch die erschütterndsten ... Der Onkel wollte noch einmal vor seinem Ende nach seinem geliebten Wien, wohin ihn die Curatverhältnisse des Doms von sankt-Zeno riefenda starb an einer Erkältung Windhack ... Und als für das alte treue, gelehrte Factotum der Versuch mit einem neuen Diener gemacht werden sollte und der Dechant dabei blieb, reisen zu wollen, kam aus Wien die Nachricht, sein alter würdiger Gastfreund, Chorherr Grödner, wäre dem österreichischen Landesspleen erlegen und hätte sich erhängt ... Die Schrecken mehrten sich dem tieferschütterten Greise; Frau von Gülpen tat des Nachts, wo sie schon sonst um jedes