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Rucca ... Herr von Montalto soll anfangs nur an die hülfe seiner Mutter, der Herzogin von Amarillas, geglaubt haben ... natürlich ergriff er die Hand, die ihm die Mittel bot, aus einer so verzweifelten Lage zu entfliehen ... Schon die Untersuchung, schon die bis zur Tortur gehenden fragen nach den übrigen Mitgliedern der nicht ganz gesprengten Loge, die fragen nach dem Zusammenhang seiner Verhältnisse mit denen jener in eine Falle gelockten Gebrüder Bandiera, erzählte man uns, hätten jahrelang dauern können ... Herr von Montalto erkannte erst durch die Bequemlichkeit der ihm gebotenen Hülfsmittel, durch den Fund eines geregelten Passes, durch die sichere Einschiffung in Civita-Vecchia auf einem nach Marseille bestimmten Handelsschiff die mächtige Hand, die über ihm waltete ... Wenige Wochen und die pariser apostolische Nuntiatur erhielt einen neuen Attaché im Fürsten Ercolano Rucca ... Seine Gattin, eine allerliebste kleine Hexe, wenn ihr Teint auch fast grünlich ist und ihr Wuchs einem Däumling gleicht, doch mit Augen wie funkelnde Diamanten und einem wahrhaft märchenhaft blauschwarzen langen Haar, das sie in reizenden Flechten trägt, und die Herzogin von Amarillas wohnen gemeinschaftlich in einem und demselben Palais der Rue Saint-Honoré ... Beide stehen im Vordergrund der pariser Gesellschaft ... Cäsar von Montalto wird täglich mit der wilden Italienerin gesehen, die Furore macht ... Ich höre, die französische Regierung hat von Metternich Befehl erhalten, alle italienischen Flüchtlinge auszuweisen ... Herr von Montalto wird dann wahrscheinlich mit seiner Mutter und der Fürstin Rucca nach London kommen ...

Düstere Nacht legte sich nach dieser Mitteilung auf Armgart's Auge ... Nun wusste sie alles ... Und doch sollte sie ihre Geisteskraft zusammennehmen, um aus London zu entfliehen ... Denn bleiben konnte sie nicht ... Sie lebte in der grossen Welt, sie konnte, sie musste den Ankömmlingen begegnen ... Sie musste, vor dem Verlorenen entweichend, in die Heimat zurück ... Nun erst verstand sie gewisse Aeusserungen in den Briefen des Onkel Dechanten, verstand, warum er ihr überhaupt so oft und so eingehend schriebEr wollte sie zerstreuen, vorbereiten auf die Entdekkung ... O mein Gott! Beteten ihre zitternden Lippen, als sie nach diesen Briefen suchte ... "Wir Menschen", hiess es noch vor kurzem in einem derselben, "sind das Product unserer Verhältnisse ... Die Freiheit des Willens ist eine Illusion ... Die Tugend, auf die Spitze getrieben, wird Laster ... Dem Mann gehört die Welt und gewisse Dinge müssen ihm kaum bis an die Knöchel reichen ..." – – Das waren halbe Scherze, schienen nur Aeusserungen zu sein, um Frau von Gülpen zu necken oder den alten Windhack mit seinen auf dem mond entdeckten vorurteilslosen Sitten und Einrichtungen zu verteidigen; abernun sah sie, ein wie bitterer Ernst ihnen zu grund lag –! Der Ernst, dass Benno durch den Einfluss seiner Mutter, durch die Rührung und Liebe für sie, endlich durch die Dankbarkeit für seine Retterin aus ihrem Lebensbuche gestrichen war ...

Es bestätigte sich, dass Fürst Ercolano Rucca Attaché in London wurde ... Sie schrieb nichts darüber nach Witoborn ... Ein klares Gefühl wurde ihr überhaupt nicht mehr zu teil ... Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Hasses gerade gegen Benno's Mutter, die von andern Bekanntschaften, die in Paris waren, als eine hochmütige Frau geschildert wurde ... Dem Hass auf den Vater konnte sie ihre Kinder opfern! sagte Armgart, nun den Verhältnissen immer vertrauter und den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklärungen folgend. Gott hat sie schon in Angiolinens Tod bestraft; sie wird auch noch Benno's Verderben sein! ... Cäsar von Montalto! ...

In Fieberhast flog Armgart nach Deutschland zurück ...

Sie überraschte die älteren, die ihr Kommen nicht ahnten ... Sie fand die ganze Verwirrung, die sie erwarten durfteden Vater mit Pistolen bewaffnet ... Das Besitztum verkauft; ein Anerbieten, sich an einer grossen Fabrik im Magdeburgischen zu beteiligen, war vom Vater für sich und Hedemann angenommen worden ... Sie wollten reisen ... Hedemann, ein Schatten gegen sonst, doch in der Tat von einer wunderbaren Durchgeistigung ... Auch die Mutter gab sich seltsam feierlich ... Nur der Vater blieb, wie immer, ruhig, natürlich und entschieden ...

Die Gründe, warum Armgart so rasch und unvorbereitet aus London kam, lagen insofern auf der Hand, als über die Ausweisung der Flüchtlinge aus Frankreich genug in den Zeitungen gesprochen wurde und Marco Biancchi, Porzia's in London lebender Onkel, von einem Besuch bei Cäsar von Montalto schrieb, dem er vor einigen Jahren den Rat zur schnellen Abreise aus Deutschland verdankte ... Doch wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend gesprochen ... Wie fühlte sie aber diese Schonung! ... Wie durchbohrte sie die harmlose Frage der in Eschede der Welt entrückten Angelika Müller nach Benno, als sie der seltsamsten Hochzeit beiwohnte, die je geschlossen wurde, der zwischen Püttmeier und seiner alten Verehrerin! ... Zwei in sich vertrocknete Menschen, die noch alle Stadien der Aufregung, sogar der Eifersucht durchmachten! ... Frau von Sicking, Gräfin Münnich, Präsidentin von Wittekind, Benigna von Ubbelohde, alle drangen auf die Ehe