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Herz will nun einmal Liebe und Liebe muss fühlen und Gebet ist Erhöhung des Gefühls, Sammlung zum Aufblick. Worauf? Auf das Bessere und die Besseren ... Die grosse Zahl von Besseren, die die Katoliken als Heilige verehren, sind die zu üppige Erweiterung eines Gefühls, das an sich ganz richtig ist ... Die Liebe gestaltet alles persönlich und das ist denn der persönliche Gott, der lebendige, der unmittelbar auf uns wirkende, der Gott der Offenbarung ... Mein Glaube sieht im persönlichen Gott keine irdische Gestalt, sie zieht das Unaussprechliche und Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab; für mich und für die, die fühlen wie ich, ist der persönliche Gott die wirkung seines Vorhandenseins in uns; seine grösste Offenbarung war die in jenem, der den Mut hatte, sich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen ... Nehmen Sie nur einmal wieder die Evangelien in die Hand, mein teurer Freund, und nicht Ihren Horaz und Virgil! Wischen Sie weg, was auf diese ehernen Tafeln der Witz, der menschliche Spott und selbst die gelehrte Kritik geschrieben haben, und sehen Sie dann, was übrig bleibt ... Von dem Tage an, wo ich priesterlich fühlteund jeder Religionsstifter muss priesterlich fühlen, keine Religion macht sich am Teetischvon dem Tage an ist mir die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi aufgegangen wie die meines besten Freundes ... Ich wandle mit ihm am See Tiberias, ich spreche mit ihm bei seinem Freunde Lazarus vor, ich sehe die Fusstapfen, die er hinterlassen hat und die überall gesegnete sind ... Sein Leiden ist ganz persönlich das meine; seinen Todeskampf ring' ich mit; er lehrt mich am Kreuz lieben und vergeben ... Auf Liebe, Glaube, Hoffnung, begründet durch Christus und einen persönlichen Gott, müssen wir unsere Kirche erbauen –" ... Darunter hatte denn der Onkel mit seiner alten zitternden Hand und in seinem friedlichen Sinn geschrieben: "Im grund ganz unverfänglicher Glaube des Petrus Waldus, in Ruhe gestorben um 1200, aber in seinen Anhängern, den Waldensern, gekreuzigt, gerädert, gevierteilt, verbrannt bis auf den heutigen Tag. Fiat lux in perpetuis!" ...

Das Unkatolischste, was sich denken lässt, ist eine in der Kirche sprechende Frau ... Aber Armgart, ohnehin schon in einem geknickten Zustande, fühlte sich durch diesen Brief der Mutter vollends daniedergebeugt ... Weniger empfand sie Rührung um das Bekenntniss der Mutter, als um den tiefinnern, soweit schon gekommenen Schmerz, der ihm offen zu grund lag, um die ungeheure Aufregung, den Bruch der Seele in dieser stolzen Frau zu erkennen zu geben ... Sie sah die erbangende Liebe für den Vater, Liebe für den von seiner Krankheit gebeugten Hedemann ... Ein schlichter, wissenschaftlich ungebildeter Mann hatte durch die immer gleiche Gediegenheit seines Charakters und die unerschütterliche Consequenz seiner Denkweise die Oberherrschaft über seine Umgebungen gewonnen ... Die Mutter wollte nichts mehr wissen von der Herrlichkeit und Einbildung dieser Weltsie wollte fühlen wie der geringsten einer und ihr Gatte folgte dem Beispiel, das sie mit so beredten und feurigen Worten zu erläutern wusste ... Armgart durfte sich bei Alledem wenigstens sagen: Du allein hast die älteren so verbunden! ...

Voll Rührung schrieb sie der Mutter, sie wolle nun zu ihnen kommen ...

Die Mutter, ihr selbst sich nicht im mindesten ebenso weich offenbarend, wie dem Onkel, entgegnete ihr: "Kind, du weisst, dass Paula, dein einziger hiesiger Anhalt, den ich gestatten würde, in Italien ist ... Dass du deine Stelle im Stift einnimmst, wieder mit Benigna, die dich mir einst schon raubte, in Westerhof lebst, ist nicht möglich ... Es wäre ein Bruch mit allem, was unser Stolz, unsere Erhebung geworden ist ... Diese Menschen hier sind ja wahnsinnig ... Gott der Herr wird auch an ihnen gute Gründe finden, warum er sie nicht ganz verwirft; ich verwerfe sie ... Im Stift Heiligenkreuz würdest du nur zu unserer und deiner Kränkung deine Stelle einnehmen ... Glücklicherweise ist dir auch gestattet, deine Pension auswärts zu verzehren ... Wir sehen jedoch ein, dass unsere eigenen Wege für deine Jugend noch zu rauh sind! bleibe also noch getrost bei deiner trefflichen Lady!" ... Dann folgte eine Antwort auf die Frage nach den rätselhaften Andeutungen über Benno's Ursprung in dem letzten Briefe der Mutter, die Versicherung, dass Benno der Bruder des Präsidenten von Wittekind wäre und noch eine Schwester besessen hätte, die einst Graf Hugo entdeckt, erzogen, geliebt und dass er lange ihr trauriges Ende beweint hätte ...

Das war, alle ihre Lebensgeister erschütternd, gerade der empfangene Eindruck, als sie nun von jener Freundin in Paris, die von ihr um die Herzogin von Amarillas befragt wurde, Aufklärungen erhielt, die diese, ohne das nähere Interesse Armgart's zu kennen, in aller Harmlosigkeit gab ... Die Herzogin von Amarillas, hiess es, hat aus erster Ehe einen Sohn, der sich Cäsar von Montalto nennt und sie mit einer wahrhaft schwärmerischen Liebe verehrt ... Herr von Montalto liess sich in Conspirationen ein und geriet in die Engelsburg ... Seine Retterin, sagt man, war die Nichte des Cardinals Ceccone selbst, die ihm hierher nachgereiste Fürstin Olympia