Christentum, zu grund, bestimmt sie, sich dem Einfluss unterzuordnen, den Hedemann um so mehr auf sie ausübt, als die freudige Geduld und werktätige Liebe, mit der dieser Treueste sich seinem Beruf widmet, allerdings jeden, der sein Leiden, den schmerzlichen Hinblick auf die junge Frau sieht, die sich so innig ihm anschloss, ergreifen und rühren muss ... Aber eine Monika verirrt sich in die trübe Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben! ... Ich musste deiner Mutter schreiben: 'Durch den Grundverderb unserer Kirche, den auch ich in unsern Ehegesetzen finde, sind Sie aus dem Denken und Fühlen Ihrer Jugend hinausgedrängt worden – aber dass Sie, Sie einen Teufel durch den andern austreiben, das ist beklagenswert! ... Sie herrliche, klare, geistesfrische Frau, wie kommen Sie zu Hedemann's Bibelgefangenschaft? ... So oft ich dem von Amerika angesteckten Quäker hier beim Obersten begegnete, erkannte ich die unwürdigste Abhängigkeit des Menschen, die vom Buchstaben ... Unsere Zeit ist nicht zu neuen Religionsschöpfungen gemacht, die einzige Religion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen, und was wir von Verbesserung unserer kirchlichen Zustände gewinnen können, wird immer nur die Folge gelegentlicher Veranlassungen sein ... Selbst zu Luter's zeiten war es nicht anders ... Deutschland hatte sich damals in seiner Reichsverfassung überlebt, die Fürsten waren zu mächtig geworden und suchten sich zu kräftigen durch alles, was schwach und leicht zu erobern war; sie rissen die geistlichen Güter an sich und so zerfiel der Zusammenhang mit Rom von selbst ... Aehnliche Umwälzungen werden auch wir wieder erleben und aus Benno's traurigen Verirrungen erseh' ich wenigstens eine schöne und grosse Hoffnung ... Was er von Italien schreibt, der arme Verlorene, ist herrlich ... In der geschichte straucheln die Bewegungen der massen und Interessen über einen Strohhalm und ich juble im geist dem neuen Tag entgegen, wenn Italien dem Papsttum selbst den Schemel unter den Füssen wegzieht ...'"
Wie erschrak Armgart! ... "Traurige Verirrungen?" ... "Der arme Verlorene?" ... Schon flossen ihre Tränen ... Sie schrieb an Bekannte in Paris, ihr von einer gewissen Herzogin von Amarillas zu berichten ...
Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall ... Der Dechant, wie aus Reue, die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben, schickte ihr auch eine eben erhaltene Antwort der Mutter auf seinen Brief ...
Die Mutter hatte dem Dechanten geschrieben, dass sie sonst immer so gedacht hätte, wie er, und mit Hedemann und Erdmute hätte sie in gleicher Weise gestritten ... Indessen wäre der Vorwurf, dass die Gegner Roms ohne ein religiöses Bedürfniss überhaupt wären, zu empfindlich für die Sache der geistigen Freiheit geworden und deshalb hätten ihre Angehörigen den Beweis liefern müssen, dass sie dem gemeinschaftlichen Urquell des Lichtes näher stünden, als ihre Feinde ... "Ich erkannte", las Armgart, "dass die Verneinung nur auf der Schärfe eines Messers geht und dabei keinen Schritt vor dem Ausgleiten sicher ist ... Das erkannt' ich, als ich in unsrer kleinen Gemeinde, die eines Tages ohne Lehrer war, reden wollte ... Man kann nicht reden, wenn nicht aus der reichsten Fülle des Stoffs ... Jede andre Belebung zum Sprechen ist tot und hülflos ... Hier einen Satz zugeben, dort einen wegnehmen, da halb, da b e i n a h e halb dies oder jenes wollen oder sagen, das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen und ironischen Kopfes, aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft ... Nun sah ich, warum unser herrlicher Hedemann immer und immer sprechen kann ... Einfach ist seine Rede, aber sie hat die Fülle der Beredsamkeit und erwärmt ... Warum? Ich musste mir sagen: Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und sich auch im Aussprechen lebendig bewähren! ... Glaube ist nicht die blinde Annahme des Übernatürlichen, sondern Versenkung in die g a n z e Erscheinung einer Sache ... Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund, auf den man schwört, weil man ihn in einer grossen probe einmal erkannt hat ... Die überzeugung, dass die Bewährung im Einen da ist, erleichtert das Vertrauen dann auch auf die Bewährung im Andern ... So versenkt' ich mich in die Schrift und die beiden Hauptgegenstände ihrer Verherrlichung, in Gott und seinen Sohn ... Mehr braucht die Religion der Menschheit nicht ... Diese beiden grossen Bilder haben so tausendfache zarte Pinselstriche, dass sie jede andere Weisheit überflüssig machen ... Nicht dass ich Wissenschaft und Kunst zurückwiese und wie Omar alle Bücher verbrennen wollte, wenn nur die Bibel bleibt; aber ein ganzes volles Leben und ein Leben der Gemeinsamkeit zwischen vornehm und gering, zwischen gelehrt und arm an Geist ist nur durch die Schrift möglich ... Und dieses gemeinsame Feld ist nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermüdend; im Gegenteil, ich entdeckte einen Schatz nach dem andern, als ich die Bücher noch einmal zu lesen begann, die ich früher als eine Quelle der Verdunkelung des Verstandes geflohen war ... Ich finde die höchste Weisheit in dem, was uns belohnt für das Gebot des Apostels: Forschet in der Schrift! ... Das menschliche