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den Nimbus seiner Geburt Zerstörenden ... An seiner Fabrik beteiligte er sich wie ein Arbeiter, liess sich wie ein Schreiber in seinem kleinen Wohnhause mit der Feder hinterm Ohr erblicken, unterschrieb die kleinsten geschäftlichen Veröffentlichungen mit seinem vollen Namen und löste auf diese Art jeden Zusammenhang mit seinen Standesgenossen ... Und doch rührte es Armgart, dass die Mutter bei allen diesen Dingen gleichsam nachholte, was sie in zwölfjähriger Trennung ihrem mann zu sein unterlassen hatte ...

Zur selben Zeit, als es dann plötzlich hiess, Paula ist wirklich nach Italien gereistes musste in schnellem Entschluss geschehen sein, da Armgart nicht einmal von Paula selbst die Nachricht erhielterlebte Armgart den Schrecken, dass Tiebold in London war und sie nicht besuchte ... Terschka war seit einiger Zeit ihren Blicken ganz entschwunden, sie konnte von ihm über diese betrübende Erfahrung keine Aufklärung erhalten ... allmählich hörte sie, dass Tiebold in jener trüben Gensdarmenzeit seinerseits in der Heimat sich auch nur mit Mühe von politischem Verdacht über seinen Aufentalt in Rom hätte reinigen können ... über Benno hörte sie, dass der Präsident für ihn die freie Rückkehr zu erwirken gesucht hätte, aber auch damit nicht durchdrang ... Die Mutter schrieb ihr nach allerlei seltsamen Andeutungen über Benno's jetzt immer mehr sich lüftende Herkunft, dass ihr alter Freund undankbar genug gegen diese Verwendungen protestire; Benno wollte, hätte er aus Paris geschrieben, jetzt ganz nur noch Italiener sein ... "Man weiss ja", schrieb die Mutter, "wer alles seine Flucht ermöglicht hat! ... Die dir wohl noch bekannte Lucinde Schwarz hat das römische Staatsruder in Händen! ... Ist die Abenteurerin vielleicht einer Regung von Dankbarkeit für die Familie gefolgt, die ihr und dem Doctor Abaddon, Herrn Oberprocurator Nück, das Zuchtaus ersparte? ... Wie solche und ähnliche Menschen Rom nach Gutdünken regieren, ersieht man ja aus Bonaventura's Laufbahn ... Trotz des Staatsverbrechens seines Anverwandten Benno, trotz der gegen ihn erhobenen Anklage über seine Antecedentien als 'Magnetiseur', trotz seiner an und für sich höchst achtbaren Unterstützung der waldensischen Bewegungen Italiens ist er nach einem kurzen Aufentalt in der 'ewigen Stadt' als Erzbischof in die Täler seiner neuen Heimat zurückgekehrt, nachdem er vorher Lucinden in der Kirche der Heiligen Apostel in Rom mit einem päpstlichen Gardisten getraut hat ... Freilich soll die in Paris verweilende Fürstin Olympia Rucca, die Beherrscherin des Kirchenstaats, alles möglich machen – –"

Hier brach der Brief mit rätselhaften Gedankenstrichen ab ... Centnerschwer wälzten sie sich auf Armgart's vereinsamtes Herz ... Es folgten dann in dem verbitterten, im Ton höchster Reizbarkeit geschriebenen Briefe noch Scherze über den Onkel Levinus, der in allen Biblioteken nachschlüge, um eine klare Vorstellung über das alte Cuneum, jetzt Cuneo oder Coni, zu gewinnenTante Benigna vergliche die Ehrfurcht, die hier zu land vor dem enttronten Kirchenfürsten geherrscht hätte, die Trauer über seinen nach seiner Freisprechung bald erfolgten Tod, die Festlichkeiten der Intronisation seines Nachfolgers mit dem Bilde der Festlichkeiten in Coni, zu denen wohl Paula nun persönlich erscheinen würdePaula's Gatte hätte vor seiner Abreise seine Besitzantretung vollständig geordnet, hätte die Verträge mit den Agnaten abgeschlossen, hätte das voraussichtliche Erlöschen seines Stammes mit dem Präsidenten von Wittekind, dem nächsten Erben, zum Gegenstand gerichtlicher Punktationen gemachtund da dann auch der Präsident ohne Kinder wäre, so wäre manche geheimnissvolle Seite aus dem Lebensbuch des verstorbenen Kronsyndikus, des Tyrannen, jetzt zur offenen Kunde gelangtNoch läge ihr zwar nicht offen, warum in letzter Instanz das ausschliessliche Erbrecht Bonaventura's durch eine anderweitige Beziehung gemodelt werden könnteaber man spräche jetzt allgemein, durch hülfe des kanonischen Rechts könnte selbst Benno noch vor Bonaventura die Vorhand gewinnenNicht unmöglich, schrieb die Mutter, dass eine in Rom, jetzt in Paris lebende Herzogin von Amarillas, eine ehemalige Sängerin aus Kassels westfälischer Zeit, mit dem Kronsyndikus eine geheime Ehe geschlossen hat und Benno ihren Sohn nennen darf –! ... Benno Sohn des Kronsyndikus! ... über alle diese so rätselhaften und ganz nur abgerissen mitgeteilten und mit religiösen Betrachtungen schliessenden Dunkelheiten durfte Armgart wohl in eine Aufregung geraten, die sie der Mutter kaum schildern konnte ...

Sie sah Benno in Romin Parisin den Armen einer Mutter, die eine Herzogin wareine Fürstin hatte ihn gerettetLucinde war eine Gräfin Sarzana geworden –! ... Noch flossen ihre Tränen nicht; noch glaubte sie an den Sieg des Guten und edlen; noch standen nur lichtverklärte Bilder vor ihren Augen ... War nicht das Höchste möglich –: Graf Hugo führte Paula nach Coni zum Freund ihrer Seele! ... Sie sah noch ihre magisch seraphische Welt, ihre in den Wolken schwebenden Rosenkränze, ihre grossen Taten der Entsagung und der opfernden Liebe ... Aber schon die Vorstellung: Benno ein Sohn des Kronsyndikus! – das war ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels, an die jetzt auch die Mutter nach ihren religiösen Ausdrücken zu glauben schien ...

Der Onkel Dechant, den Armgart's reife und inhaltreiche Briefe besonders zu erfreuen schienen, schrieb ihr: "Nun hat deine sonst so treffliche Mutter gar den Standpunkt einer blossen Vernunftopposition gegen den Katolicismus verlassen! ... Der der deutschkatolischen Bewegung gemachte Vorwurf, es läge ihr ja kein Bedürfniss nach Religion, am wenigsten nach dem