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die in Scheunen Vorstellungen gaben; selbst bei Gauklern und Taschenspielern leistete er auf Tage und Wochen Beihülfe, nur um nicht zu verhungern. Von haus mit dem väterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt, musste er schon deshalb bald in dieses, bald in jenes verhältnis treten, nur um den Verfolgern seine Fährte abzuschneiden. Mit der Zeit milderte sich dann der Hass der Seinigen, die Vexation der Behörden. Er fand einige Gesellschaften, die in etwas anständigern Formen auf Rechnung der "dramatischen Kunst" das Leben ihrer Mitglieder fristeten.

Serlo's schöne Mittel gewannen ihm allmählich ein Vertrauen, das er freilich durch sein Talent noch nicht rechtfertigte. Er war schlank gebaut, hatte dunkle, feurige Augen, schwarzes Haar, eine frische Farbe, die sich nur leider bald, auch infolge der Entbehrungen und Anstrengungen, als trügerisch erwies und der lachende Widerschein einer kranken Brust war. Schon in diesen ersten Anfängen seiner Laufbahn geschah es ihm zweimal, dass er auf der hessischen Bergstrasse, ein andermal in der Gegend zwischen dem badischen Freiburg und Baselwo wandern nicht diese armen Heloten der dramatischen Muse! – von einem Blutsturz befallen wurde und hülflos und verlassen in kleinen Städtchen liegen bleiben musste. Die vornehmste Bühne, auf der er, leidlich genesen, im Fache der Liebhaber zum ersten mal wieder auftreten konnte, war St.-Gallen gewesen.

Serlo spielte in St.-Gallen den Mortimer. Er erlebte dabei, dass selbst eine so kleine Stadt wie diese schweizerische ihn auslachte. In Lindau am Bodensee ging es ihm nicht besser. In den kleinsten Städten werden jetzt schon Recensionen und nach auswärts Correspondenzen geschrieben. Um diese seine beiden Niederlagen zu decken, wählte er statt seines eigentlichen Namens Firmian Neumeister den Namen Serlo und gerade Serlo mit Bewusstsein aus Göte's Wilhelm Meister. Gebildet durch Schulunterricht und die Vorbereitungen zum Priesterstande, hatte er vorzugsweise die beiden male, wo nach seinen Blutstürzen Schonung ihm anempfohlen wurde und die Pflege guter Menschen ihm eine Zeit lang Musse gewährte, sein Wissen zu erweitern und zu vervollkommnen gesucht. Er ragte durch seine geistige Bedeutung unter seinen Standesgenossen bei weitem hervor und konnte sich endlich mit dem Namen Serlo in Passau, Regensburg, ja selbst mit der Zeit in Nürnberg behaupten.

Hatte Serlo einen Erfolg errungen, so warf ihn leider immer wieder sein körperliches Befinden zurück, nahm ihm feste Stellungen, zwang ihn, monatelang zu pausiren und in den Bädern wieder Erholung und Stärkung zu suchen. Seine Gemütsstimmung erfüllte sich dabei mit grosser Bitterkeit. Er konnte dieser Bitterkeit einen geistigen Ausdruck geben. Er sah überall die Erfolge der Talentlosigkeit, der Intrigue, des schlechten Geschmacks. Er, mit ungleich grösseren Ansprüchen auf die Gunst der Musen, musste zurückstehen. Schon war ihm geschehen, dass er an irgendeinem glücklichen Abend irgendeinem durchreisenden Kunstkenner in kleinen Städten aufgefallen war und einen Ruf nach einem grossen Hofteater bekommen hatte; kaum dort angelangt, überfiel ihn eine Heiserkeit, die ihm entweder das Auftreten ganz untersagte oder ihn, wenn er spielen konnte, ausser Benutzung seiner Mittel setzte. Und doch hatte sich darauf etwa fünf Jahre lang seine Lage ziemlich günstig gestaltet. Er bekleidete erste Fächer an grossen Stadtteatern und hatte Erfolge, Erfolge sowohl auf der Bühne wie in der Gesellschaft. Es umgab ihn ein eigener Reiz des Geheimnissvollen, den seine liebenswürdige und angenehme Persönlichkeit unterstützte. Serlo gehörte keineswegs zu denen, die sich der bösen Welt gegenüber unbewaffnet betreffen liessen. Das Unglück hatte ihn längst mehr scharf als schartig gemacht und im Glück gab er seine Weise keineswegs auf und verwundete wohl auch zuerst, da ihm Urteil und Ueberzeugungseifer nicht fehlten. Die Macht, die er überall durch Intrigue erstrebt und wirklich auch durch sie erobert sah, reizte ihn sogar, auch seinerseits nicht die hände in den Schoos zu legen oder unter Gaunern, wie er zu sagen pflegte, der einzige ehrliche Mann zu bleiben. Serlo schien sogar vielen gefährlich; er rührte sich nach Kräften, zerriss hier eine Fessel, um dort eine andere zu vorteilhafterm Dienst sich anzulegen, stiess fort, was ihm im Wege stand, und unterdrückte mit Gewalt Gemüt und Reue, zwei Begriffe, die für diese "elende und erbärmliche Welt" nicht passten und "die Krähen da einliessen, wo die Adler wohnen sollten", wie er oft mit Shakspeare sprach. Geist, Bildung, Intrigue, Talent und ein bei alledem nicht zu verwindender gemütlicher Zug gaben in Serlo eine Erscheinung, die zum Höchsten berufen schien, wenn nur die natur und das Glück gewollt hätten.

Die natur hatte Firmian Neumeister, genannt Serlo, zu einem frühen tod bestimmt. Er war glücklich zu einem der ersten Hofteater emporgeklommen, hatte sich drei Jahre behauptet, begehrte einen Contract, der ihn nach fernern fünf Jahren hätte pensionsfähig machen müssen; man wollte ihm nur einen kürzern geben, der diese Pensionsfähigkeit ausschloss. Bei dem Streite, der darüber entstand, vergass sich Serlo in den Formen, in denen sein Chef sich behandelt zu sehen berechtigt war. Serlo erhielt seine augenblickliche Entlassung. Damals traf er in gleicher Stimmung jenes fräulein Leonhardi. Man hatte an demselben Hofteater geglaubt, nach einer von ihr gespielten Donna Diana in ihr eine der ersten Künstlerinnen zu gewinnen, und fand bald, dass sie eine Rolle wie die andere gab, die Lady Macbet von demselben zuckersüssen Lächeln begleitet, wie sie Bauernfeld'sche junge Witwen spielte. So verliessen beide zu gleicher Zeit dieselbe Stadt mit denselben Empfindungen, den Empfindungen der Bitterkeit, und auch mit demselben Uebermut, der