.. Sie hörte das Schmollen nicht über die Unnatur des katolischen Priesterstandes, über die Unnatur des Lebens der höhern Stände überhaupt ... Doch allerdings erklärte Monika, hier keinen andern Weg zu wissen, als den "eurer üblichen Convenienz" – ... Die Familienzweige der Dorstes durften nicht auseinander gehen ...
Niemand unterstützte diese Wendungen mehr, als Bonaventura's Mutter, die Präsidentin von WittekindNeuhof ... Ihr war es fast, als könnten nur so die düstren Schleier gewahrt bleiben, die sich inzwischen schon teilweise von Angiolinen, von Benno und von der Herzogin von Amarillas gelüftet hatten ... Wenn Graf Hugo fand, dass gerade er es "nicht um Benno und Bonaventura von Asselyn verdient" hätte, auf Schloss Neuhof so scheu empfangen zu werden, so gab seine "luterische Religion" einen Entschuldigungsgrund für eine Scheu, eben in ihm den Pflegevater, den Geliebten Angiolinens zu sehen ... Durfte man doch die Besorgniss hegen, ihn wohl gar von dem flüchtigen Terschka über alles unterrichtet zu wissen, was damals in jener von Löb Seligmann belauschten Verhandlung zur Sprache gekommen war ... Die kluge Präsidentin wollte ihren Gatten, den "Büreaukraten", wie er um Witoborn hiess, mit dem Geist der Provinz versöhnen und nahm sogar an den Exercitien der ab- und zugehenden, seltsamerweise dem Schloss Westerhof entschieden feindlichgesinnt bleibenden Frau von Sicking teil ...
Schon war Paula, opferfreudig und nunmehr in ihrem katolischen Sinn heilig überzeugt, dass sie g e r a d e durch ihre Heirat dem Abgott ihrer Seele, einem Priester, noch eine Glorie des himmels mehr gäbe – ihrem Gatten nach Wien gefolgt, als man immer anregendere und überraschendere Mitteilungen aus England erhielt ... Terschka spielte in London eine glänzende Rolle ... Auch dort standen ihm fördernd seine geselligen Talente zur Seite ... Sein Bruch mit dem katolischen Glauben, seine Flucht vor den Jesuiten, zu deren Orden er gehört hatte, sein Anschluss an Giuseppe Mazzini, den italienischen Agitator, und dessen Freunde, alles das gab ihm selbst in den Kreisen der englischen Aristokratie einen Nimbus ... Armgart begegnete ihm in den hohen Kreisen, in denen sie lebte ... Freilich sah sie in ihm ihrerseits nur das Abbild jener düstern Tage, wo sie geglaubt hatte, sie müsste sich dem ungewissesten Schicksal opfern, um nur ihre Mutter vor einer Verirrung zu bewahren, die die Aussöhnung mit dem Vater unmöglich machte ... Aber ihre ganze Verachtung vor dem innerlich hohlen, nur gesellschaftlich verwendbaren Mann durfte sie ihm nicht ausdrücken, da die älteren selbst zu viel auf seine gegenwärtige Gesinnungsänderung hielten, die Gräfin Erdmute ihm verziehen hatte, Lady Elliot ihm eine Stellung über allen Makel gab ...
Die Briefe, die in Witoborn bei dem "Obersten Papiermüller" ankamen, brachten immer überraschendere Mitteilungen ... Um Terschka fingen an sich Gerüchte zu verbreiten, als spielte er eine doppelte Rolle ... Er hätte nicht aufgehört das zu sein, was er war ... Ganz übereinstimmend mit jener vom alten Zickeles in Wien zu Benno getanen Aeusserung: "Die Jesuiten lassen ihn auch sein Protestant!" ... Schon verlautete mancher Zweifel an seiner fanatisch zur Schau getragenen luterischen Kirchlichkeit und italienischen Freiheitssympatie ... Armgart sprach von ihm als von einem "ewig Gezeichneten" ... Sie lehnte seine Begleitungen ab, schlug die Huldigungen aus, die ihr seine immer noch lebhafte Galanterie und unbeugsame Elasticität im geselligen Verkehr brachte ... Manche behaupteten, schrieb sie, Terschka spiele leidenschaftlich und wäre stets in Verlegenheiten ... Letzteres musste wohl der Fall sein; denn man bemerkte, dass ihm der Präsident von Wittekind Geld schickte ...
Armgart selbst befand sich im Punkt der Religion immer noch da, wo sie gleich anfangs mit ihrem, inzwischen nach Westerhof, Wien und Italien gegangenen "ketzerischen Grossmütterchen" Gräfin Erdmute gestanden ... Lady Elliot besass denselben Bekehrungseifer, wie Gräfin Erdmute – hätte sie nicht Gegner gefunden, sie würde sie gesucht haben ... Da kam nun ihrer dogmatischen Streitsucht ein geistesfrisches Mädchen nach Wunsch, das von den Entdekkungen, die Armgart an dem Glauben ihrer älteren machte, in einer steten, oft, nach Empfang von witoborner Briefen und Nachrichten, fieberhaft kampflustigen Beunruhigung lebte ... Die Engländerinnen konnten Armgart um die Geltendmachung ihrer noch ungebrochenen katolischen Gesinnung nicht zürnen; denn einmal war und blieb sie in ihrem Wesen für eine weniger engherzige Beurteilung, als die in Stift Heiligenkreuz, die Anmut selbst und ebenso bestrikkend war die eigentümliche Art ihres Wahrheitssinns, der seinerseits aus freiem Trieb selbst nichts schonte, was ihr am katolischen Leben die flüchtige und entstellte äussere Erscheinung war. Sie behauptete, nur den Kern festzuhalten, und rechnete dann freilich dazu das Martyrium, ihren Umgebungen so beschränkt und lächerlich wie möglich zu erscheinen. Sie ass am Freitag kein Fleisch, sie machte ihre Kreuze, sie ging in die Messen; sie sagte: Das ist bloss meine Religion, euch lächerlich zu erscheinen! ... Wenn man ihrer spottete und sie fragte: Wie viel Jahre Ablass und Milderung für die Läuterung im Fegefeuer sie schon gewonnen hätte? zeigte sie ihr Büchelchen und gab die Addition von einigen Millionen Jahren an mit den Worten: Die Ewigkeit ist lang! ...
Aber im grund der Seele wurde sie über dies und anderes doch ernster und bekümmerter ... Aus ihrer sichern, ja trotzigen Lebens- und Denkweise