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magnetische Gewalt über Paula ... Unentbehrlich war er ihr geworden in jenen zeiten, wo sich in Paula's Herzen die schmerzlichsten Kämpfe vollzogen, Kämpfe, die ihren Körper zu zerstören drohtenihr Wachschlummer, ihre Visionen, die sonst lindernd auf sie gewirkt hatten, traten nach und nach zurück ...

Der Oberst musste seiner Pensionsansprüche wegen dann auf kurze Zeit eine Reise nach England machen ... Um Paula's Leiden kehrte er zeitiger heim, als er im Interesse Armgart's wünschen konnte ... Diese hatte er mitgenommen, da sie trotz der Aussöhnung ihrer älteren, trotz der Befreiung von Terschka's Werbungen ein tief in sich verschüchtertes Leben darbot und in ihrem Stift Heiligenkreuz um so weniger sich heimisch fühlte, als Armgart, wie Lucinde, zu jenen Naturen gehörte, die selten die Anerkennung der Frauen gewinnen ... Was sie tat, wurde wenigstens in ihrer Heimat abenteuerlich gefunden; was sich an ihren Namen knüpfte, wurde ihr zur Ungunst gedeutet ... Sie hatte, sagte man, Benno von Asselyn, Tiebold de Jonge, vielleicht selbst Terschka "auf dem Gewissen" ... Die Scheu der katolischen Rechtgläubigkeit vor allem, was den Nimbus ihrer Kirche gefährden konnte, verhinderte, dass man um Witoborn offen von Terschka, als von einem "Jesuiten der kurzen Robe" sprach, von einem Proselyten dann, der Glauben und Gelübde in London gewechselt ... Die Aufregung der Gegend um die Vorgänge auf Westerhof, um den Brand, um die Urkunde, den vielleicht erneuerten Process, das mögliche Auftreten und Erstarken luterischer Elemente in dortiger Gegend wurde so gross, dass Armgart den Vater auch ganz gern begleitete ... Er liess sie zurück bei Gräfin Erdmute, die bei Lady Elliot teils in der Stadt, teils auf dem land wohnte ...

Armgart wurde allmählich den Töchtern der Lady unentbehrlich; sie hatte in der Gesellschaft Erfolge, die die älteren nicht stören mochten ... Selbst die Nähe Terschka's beunruhigte sie nicht ... Ihr Vater hatte ihn in London wiedergesehen, hatte seinen Mut, mit den Jesuiten zu brechen, bewundert und vermittelte eine Verständigung des Flüchtlings mit dem Grafen Hugo ... Letztere gelang äusserlich, zumal da der Graf durch Terschka die Aufforderung erhielt, der beim Brand von Westerhof gefundenen Urkunde entschieden zu mistrauen und unerschrocken wieder aufs neue den Process zu beginnen ... Als man Terschka's Einfluss auf diese von Wien verlautenden Drohungen erfuhr, wollten ihn zwar auf Schloss Westerhof Tante Benigna und Onkel Levinus als einen unverbesserlichen Sohn der Hölle darstellen, Monika aber fand sein Benehmen in der Ordnung und erklärte, dass sie an des Grafen und Terschka's Stelle ebenso handeln, vor allem Lucinden in Wien, den Mönch Hubertus in Rom, den Doctor Nück in der Residenz des Kirchenfürsten vernehmen, ja verhaften lassen würde ... Als dann Bonaventura, nach Lucindens beichte zu Maria-Schnee in Wien, dies grosse Aergerniss von einer der ersten Familien Deutschlands abgewandt hatte, als Graf Hugo plötzlich auf Westerhof erschien und Paula nach dem ausdrücklich und wunderbarerweise von Robillante gekommenen zeugnis Bonaventura's: Dieser Mann darf dir gehören und du ihm! jetzt willenlos geworden, ja durch Bonaventura's plötzliche Verpflanzung auf einen Boden, auf den sie ihm gebührenderweiseals Gattin des Grafensogar folgen durfte, überwältigt, ja davon wie berauscht, nachgegeben hatte, gewannen der Oberst und Monika eine mächtige Anlehnung auch an den von ihnen immer empfohlenen Grafen ... Dieser schätzte und verehrte schon lange die ehemalige Bewohnerin des Klosters der Hospitaliterinnen in Wien ... Paula selbst fand er dann unter dem magnetischen Rapport des Obersten ... Sein eigenes beklommenes, tief verdüstertes, erst durch jenen mit Bonaventura auf Schloss Salem hingebrachten "Einen Tag" dem Leben wiedergewonnenes Gemüt schloss sich zuletzt besonders innig dem frischen, lebendigen Sinn der Bewohner Witoborns, den "Papiermüllers" an, wie Oberst Hülleshoven und die Seinen spottend von der ganzen Provinz und den adeligen Genossen genannt wurden ...

Und anfangs machten sich die Verhältnisse ganz nach Wunsch ... Monika's Rat war für die irrend hinund hertastende Schwester Benigna, für den vom erscheinen des Grafen Hugo um alle Fassung gebrachten Levinus unerlasslich ... Paula's Aufregung musste freilich die Freunde und Verwandte mit Schrecken erfüllen ... Sie schlief zwei Wochen lang nicht eine Nacht und sprach und tat dabei doch alles, was man verlangte, ordnete ihre Ausstattung, wobei sie selbst wie eine Magd angriff, der ein höheres Geheiss geworden ... Wenn alles erstaunte: "Der Domkapitular ist Bischof in Italien!" – wenn man lächelte: "Bischof in dem Sprengel, wo die Güter der künftigen jungen Gräfin Salem-Camphausen liegen!", so hörte und sah Paula nichts von Alledem ... Graf Hugo wurde ihr in der Tat noch der liebste von all den Menschen, die es ausser Bonaventura und Armgart in der Welt gabwar er nicht der Bote, der Bevollmächtigte Bonaventura's – war er nicht zart und rücksichtsvoll in seinem Benehmen ...? Paula war scheinbar so lebensmutig geworden, dass sie selbst dem Trostworte Monika's nachdenken konnte: "Un mariage de raison! Le comte renoncera à tout droit de possesion –!" ... Freilich hörte sie nicht, was Monika zur Schwester Benigna hinzusetzte: Muss man französisch sagen, was uns nicht erröten lassen soll! .