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, mit denen sie sich festklammern müssen, um den Stürmen zu trotzen ... Die Stiele sind immer kurz ... Keine wagt sich zu sehr über den schützenden Boden hinaus ... Und siehe da! Die kleinen Sternblümchen schon verwelkt! ... Alles wie in Schottland ... Ein kurzer schöner Frühlingkein Sommergleich der Winter ...

Die Mutter, die wir an ihren grauen Locken als Monika von Hülleshoven erkennen, war schon an sich bewegt vor Erwartung des Ziels dieser Wanderung ... Noch heute konnte sie hoffen, endlich nach langer, langer Trennung die greise, dem Tod nahe Gräfin Erdmute von Salem-Camphausen auf Castellungo zu sehen, die Pate da der kleinen Erdmute Hedemann ... Mehr als zehn Jahre nach den Tagen damals in der Residenz des nun auch schon zu seinen Vätern versammelten Kirchenfürsten, als die Gräfin so fest darauf gerechnet hatte, ihre geliebte Monika würde schon den nächsten Frühling in Castellungo zubringen ... Was war nicht alles dazwischengekommen, bis sie die edle Greisin endlich auf ihrem schönen italienischen schloss wiedersah ... Nun ergriff sie noch Armgart's Wort: "Ein kurzer Frühlingohne Sommergleich der Winter!" ... Auf wen wohl passte die Vergleichung mit dem Leben der Alpenblumen mehr, als auf sie, die jetztachtundzwanzigjährigeunvermählte Armgart! ... Sie hatte sich mit den Jahren dem Vater da, der, um sich etwas zu verschnaufen, mit einem Ziegenhirten plaudert, nachgebildet, war in Wuchs gekommen und ein hochaufgeschossenes, schlankes fräulein geworden, wofür sie nie Aussicht gegeben ... Um so zarter und behender waren ihre Glieder geblieben ... Der Kopf unter dem Strohhut war wohl jetzt vom Steigen rosig erglüht; sonst aber sah ihr Antlitz bei weitem blasser aus, als in ihrer Jugend und als noch jetzt die Mutter aussieht, die an ihrer apfelgleichen Frische und Rüstigkeit nichts eingebüsst hat ... Jenes ihr eigene halbe Lächeln mit den beiden schimmernd weissen Vorderzähnen hatte Armgart behalten, aber es gab ihr jetzt eher etwas Strenges; ihre schönen Augen waren ernst und fast ein wenig starr geworden ... Eine Jungfrau, die mit ihren Hoffnungen abschliesst, macht schmerzhafte Krisen der Seele durch ...

Im übrigen würde Monika, die immer die Gegenwart und die nächste Pflicht im Auge behielt, kaum so in Rührung gekommen sein über diese Vergleichung ... Noch in Sospello, wo sie den Berg taxirte und dem Postalter, der drei Pferde Vorspann begehrte, eines als einen Misbrauch abgehandelt hatte, war sie wie immer laut und entschlossen gesprächsam gewesen ...

Jetzt lag das Jenseits des hohen Kulms geheimnissvoll vorm Auge ... Nun konnte sie nur mit Wehmut auf die da und dort sich sorglos bückende Armgart sehenkonnte sich nur sagen: arme Alpenblume auch du! Auch du hattest einen schönen Mai- und Wonnemond, dann sogleich den Herbst und vielleichtden ewigen Winter! ...

Armgart aber rief jetzt lachend:

Fühlt ihr nun, dass der Col de Tende sich sehen lassen kann? ... Ich sagt' es ja gleich nach allem, was ich in Nizza erzählen hörte ... Den Gipfel erreichen wir noch vor drei Stunden nicht ... Seht ihr auch da oben noch das Haus? ... Da füttert der Postillon noch eine Stunde und auch wir werden ohne Collation nicht fortkommen ...

Armgart schien die Ruhe und Ergebung selbst geworden zu sein ... Sie war selbst um Paula und ihre liebe alte Gräfin, ihr ketzerisches "Grossmütterchen", nicht aufgeregt, die auch sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte und dortjenseits der kahlen Höhe morgen, eine Sterbende, finden sollte! ... Paula! Sogar von ihrer geliebtesten Freundin hatte das Leben und die bewegte Zeit sie fast im Geist verdrängen können ... Zu den bitteren Kämpfen, die sie alle und zumal ihre Familie seit zehn Jahren durchgemacht, gehörte ein wehmütiger, wenn auch unausgesprochener Zwiespalt Armgart's mit Paula, hervorgerufen durch die so mannichfache Verschiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen ... Nächster Anlass dieser Reise war keinesweges allein das dringende Bedürfniss, sich endlich wiederzusehen, sondern mehr noch der zufällige Umstand, dass Hedemann, der sich in einer bewegten Zeit dem Wohl des Obersten von Hülleshoven geopfert hatte, heftig an der Brust erkrankt war, Genf, wo der Oberst mit den Seinigen seit den letzten Jahren gewohnt hatte, erst mit Nizza vertauschte und dann in der Heimat seiner Porzia für immer zurückbleibenvielleicht dort sterben wollte ... Die ärzte hatten ihn aufgegeben ... Doch die Auflösung eines so kraftvoll gebauten Körpers liess einen langen Kampf erwarten ...

Ulrich von Hülleshoven, dessen Locken nun auch schon ergraut sind, schreitet schon wieder wacker voraus ... Seit Jahren begleitete ihn auf solchen und ähnlichen Wanderungen immer derselbe mächtige Alpenstab ... Er kehrte diesen jetzt um, hielt das Ende mit der eisernen Spitze oben und streckte den Griff seiner Frau und Tochter zu mit der scherzenden Aufforderung, sich festzuklammern, er wollte sie hinaufziehen ... Aber Armgart stemmte im Gegenteil beide hände an seinen rücken, um ihm hinaufzuhelfen ... Vorwärts! Vorwärts! rief sie und ihre Kraft gab ihr das zeugnis noch der Jugend ...

Porzia unterhielt sich indessen mit dem Postillon über ihre endlich wieder begrüsste Heimat, in der sie die älteren nicht, die in