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entziehend, verschwand auf einige Zeit, nahm auch zuletzt seinen Abschied, liess aber auch die kleine Henriette Montag von der Bühne zurücktreten, kaufte ihr in entlegener Gegend des Landes eine Besitzung, verschaffte ihr einen adeligen Namen und heiratete sie zuletzt in der legitimsten Form.

Der Eindruck, den Lucinden diese unerwartete und schnell aufeinander folgende Wendung machte, war ausserordentlich genug. Er steigerte sich bis zum offenbaren Verdruss. Der Neid, der sie erfüllte, legte sich mit der Zeit. Sie verweilte weit länger bei der überlegung, worin das Fesselnde hier hatte liegen können, in welchem weiblichen Reize, in welcher Kunst des Gefallens, in welcher Macht, die Frauen auf Männer, allerdings hier von nur wenig Geist, auszuüben im stand sind? Dann aber wurde denn doch das allgemeine aufsehen, das dieser Vorfall nach sich zog, und das ungünstige Licht, in dem sie dabei schon durch die gespielte Intrigue selbst erschien, Veranlassung zu Mismut jeder Art. Sie erhielt den längern Aufentalt in der achtbaren Familie, die sie aufgenommen hatte, gekündigt. Sie konnte froh sein, dass wenigstens Klingsohr über den Scherz mit dem Prinzen lachte. Ihm tat der Vorfall als Beweis ihrer "Treue" wohl.

Klingsohr's Haft, die in der Tat auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekürzt wurde, nahete sich ihrem Endeaber auch in Lucindens Leben trat eine entscheidende Krisis ein.

Gefahrvoll ist es einer geradezu auf die Wollin zugehenden Lebensbahn, wenn sie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechselt. Wer immer mit dem verstand vorauswühlt, wohin er mit Hand und Fuss zur Tat nachschreiten soll, der verschüttet sich den Weg, wenn er plötzlich den Einfall bekommt, nicht dem verstand, sondern dem Herzen folgen zu wollen. Eins darf man nur festalten, entweder den Ruhm oder die überzeugung. Alles zugleich erstreben, verdirbt eins das andere. Wer den Ruhm will, solldie Weltphilosophie lehrt esdas Gewissen nicht hören; wer das Glück will, muss auf die überzeugung verzichten. So ist das Dasein. Die Menschen, die wie auf den Rennbahnen des Altertums mit vier Rossen zu gleicher Zeit dahinsprengen können, von denen eins die Begeisterung, das andere die Mässigung, das dritte die Tapferkeit, das vierte die Tugend ist, und die, so verschiedenartig auch die Rosse anziehen, doch zu einem grossen Ziele kommen, gibt es nicht, ausser sie wurden auf Tronen geboren. Geborene Herrscher können alle Kränze des edelsten Strebens zu gleicher Zeit gewinnen. Wie beklagenswert, wenn sie den grossen Vorsprung, den ihnen die Ordnung der Dinge für das Grosse, Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelassen, nicht zu benutzen wissen und sie entweder nur beim Beschränkten stehen bleiben oder beim Gewalttätigen! ... Die Vorteile aber einer Lebensstellung, die Lucinden schon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte, verlor sie, als sie einmal statt aus dem verstandaus dem Herzen handelte.

In jener Schauspielertruppe, der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene "Zwergin" angehörte, zeichnete sich eine nicht mehr junge Schauspielerin aus, die sich Madame Serlo nannte, obgleich sie, wie man sagte, mit dem Helden und Liebhaber der truppe dieses Namens nicht verheiratet war.

Madame Serlo war gross, von majestätischer, fast zu imposanter Haltung; denn nicht jede Rolle stand ihr und für die majestätischen fehlte ihr doch wieder die Grösse der Empfindung, der Phantasie, des Schwunges. So blieben ihr nur die kalten Salondamen, in denen sie teilweise wirklich bewundert wurde ... Und in der Tat hatte das ehemalige fräulein Leonhardi oder Madame Serlo eine Art, im Lustspiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen, die ihr das Ansehen einer Künstlerin gaben. Mit zwei oder drei Rollen des Conversationsstücks blendete sie alles und manches grosse Hofteater war schon in die Falle gegangen und hatte diese unübertreffliche Frau von Waldhüll im "Letzten Mittel", diese Baronin von Wiburg in "Stille wasser sind tief" engagirt, bis sich nach der vierten oder fünften Rolle die gänzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne leidenschaft herausstellte. Zu ihrer Figur passte schon ein zu kleiner Kopf nicht. Die etwas stumpfe Nase, das gespaltene Kinn, die blauen Augen, alles war ausdruckslos. Bei alledem machte das Ensemble ihrer Erscheinung sich noch immer im Salonstück interessant und war für jeden eine Weile in dieser Sphäre einnehmend. Man rühmte überall ihre Formen, man verglich sie mit den Gestalten, die Tizian als Venus malte. Ihr Haar war blond, ihre Haut hatte eine Incarnation, auf die der Ausdruck Mischung von Milch und Blut im vollkommenen Sinne passte.

Gezwungen, niederzusteigen in die Sphäre, wo man sich kalt und empfindungslos dargestellt auch eine Jungfrau von Orleans, eine Julia, eine Luise Millerin gefallen lassen muss, wenn nur die Gestalt genügt und Costüme sowohl wie eine gewisse Tournure die andern Mängel vergessen lassen, hatte Madame Serlo einen jungen Mann mit sich in ihre Sphäre hinuntergezogen, der einen kurzen Augenblick zu glänzenden Hoffnungen berechtigt schien.

Serlo war aus einer der ehemaligen geistlichen Residenzstädte Deutschlands gebürtig und zum Priester bestimmt gewesen. Aus dem Seminar war er kurz vor der letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen entflohen und hatte teils aus Abneigung gegen den Stand überhaupt, für welchen ihn seine armen älteren bestimmt hatten, teils aus Unvermögen, irgendwie einen andern Beruf zu wählen, der ihn erhielt, teils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Bühne eingeschlagen.

Serlo's Wege waren anfangs die allerdornenvollsten. Nur um ein Mittagbrot zu gewinnen, schloss er sich reisenden Gesellschaften an,