..
Ein wie ein Kohlenbrenner und demnach als alter Carbonaro Gekleideter stiess einen Stab auf den Fussboden und sagte, die Maske nur lose mit der Hand haltend:
Und noch gibt es Stimmen, die das Heil Italiens, ja der Welt von Rom erwarten? ... Diese dreifache Tiara soll der Friedens- und Freiheitshut der Völker werden? ... Die Schlüssel Petri sollen die Zukunft der Menschheit erschliessen? ... Ehe nicht der letzte Beichtstuhl der Peterskirche verbrannt ist, kann über die Erde kein Friede kommen ...
Wie immer schüttet Ihr das Kind mit dem Bade aus! hiess es unter einer der mehreren, diese Meinung abwehrenden Kapuzen ...
Und Ihr könnt Euch nicht trennen von dem Blendzauber Euerer Teorieen! fuhr der Kohlenbrenner fort ...
Sagt vielmehr, nicht von den Beweisen der geschichte! ... erwiderte sein Gegner ...
Das Vergangene! sprach der Kohlenbrenner erregter ... Ha, die Abendröte ist schön, sie verklärt zuweilen einen stürmischen Regentag; aber sie geht der Nacht voran ... Wo Ihr hinseht, leidet die Menschheit an der Macht und dem Einfluss, den sie noch dem römischen Zauberwesen gestattet! Von dem Tag an, wo sich ein einziger Bischof über die Rechte der andern erheben konnte, gestützt auf das alte Ansehen Roms und so manche Fälschung, die der Uebermut schon damals wagte, hat das Christentum seine Segnungen für die Menschheit verloren. Was die Christuslehre der Menschheit brachte, ist wie Lesen, Schreiben, Rechnen ein Erforderniss der allgemeinen Bildung geworden; die Institutionen, die uns die Herkunft dieser Bildung, ewig ihre erste Geburt gegenwärtig erhalten wollen, sind das Verderben der Jahrhunderte ... Einen Hirten empfehlt Ihr mit Wölfen statt treuer Hunde? Einen Hohenpriester mit Scheiterhaufen und Schaffotten? Wir Römer, wir gerade müssen die Welt zum drittenmal erobern, erobern durch die Vernichtung der Hierarchie! ... Durch einen einzigen Messerschnitt müssen wir vollbringen, was Europa durch Tausende von Büchern, Katedern, Kanzeln nicht hervorbringen konnte! Wir kennen das Papsttum nur als eine weltliche Behörde; als solche muss sie fallen; mit ihr fallen müssen die Cardinäle, die Generale der Orden, die höchsten und mittelsten und untersten Spitzen dieser Anstalten der Verdunkelung – erst dann ist die christliche Welt erlöst! kommt uns nicht diese Losung von unsern Obern, so ist alle Mühe vergebens! Ihr seht's an der ruchlosen Intrigue von Porto d'Ascoli ...
Benno konnte die leidenschaftliche Rede nicht mit
der ihm auf der Lippe schwebenden Frage unterbrechen, was in Porto d'Ascoli geschehen wäre ...
Mehrere Stimmen riefen durcheinander:
Sie wird kommen! ...
Sie wird kommen und ihr Erfolg wird dennoch ausbleiben! sprach zur Widerlegung des Kohlenbrenners mit einer feinen, eleganten Betonung eine andere Maske, deren äussere Tracht einen Kapuziner vorstellte ... Ist der Sitz des Papsttums nicht schon einmal in Avignon gewesen? War nicht Napoleon der Schöpfer eines weltlichen Königtums von Rom? ... Mit je grösserer Demütigung die dreifache Krone getragen wird, mit desto hellerem Heiligenschein umgibt sich die Teokratie ... Die Menschheit sieht nun einmal im Papsttum einen zum ersten Königsrang Erwählten aus dem volk und kehrt immer wieder darauf zurück ... Sie sieht einen Monarchen, den nur seine Tugenden auf den Tron beriefen ... Sie hat an ihm einen Beistand gegen die Mächtigen der Erde ... Napoleon ras'te gegen Pius und Pius sprach ruhig: Du Komödienspieler! Als Napoleon noch heftiger tobte und mit dem Aeussersten drohte, sagte er noch verächtlicher, wenn auch mit gesteigertem Schmerz: Du Tragödienspieler! ... Wenn den Papst der Despotismus tödtet, so bietet er ruhig die offene Brust; der Begriff lebt wieder auf in seinem Nachfolger ... Aendert di gesetz Roms, bessert die Sitten, lasst den apostolischen Stuhl teilnehmen an allen Fortschritten der Zeit, macht unmöglich, dass die Greuel von Porto d'Ascoli die Kunst des Regiments in Italien heissen und wieder ein Segen kann der Menschheit werden, was man jetzt nur zu voreilig ihren Fluch nennt! ...
Benno staunte der Dinge, die in Porto d'Ascoli vorgefallen sein mussten ... Wenn er nun auch zu fragen gewagt hätte – so war die Aufregung der Streitenden ein Hinderniss ... Sie war zu gross geworden ...
Ich höre die träumerische Weisheit eures gemässigten Fortschritts! sprach der Kohlenbrenner von vorhin ...
Und von den beiden schwarz verhüllten Leichenbrüdern fiel jetzt der eine, ihn unterstützend, ein:
So habt ihr seit dreissig Jahren für die Freiheit Italiens declamirt, geschrieben, gedichtet, gewinselt, gebetet! ... Das sind die frommen Wünsche eurer freisinnigen Barone, eurer aufgeklärten Bischöfe! Da soll das Weihwasser nur von unreinen Bestandteilen gesäubert, der Katolicismus nur wahrhaft zu einem Liebesbund der Menschheit erhoben werden ... Und in dieser Gestalt behaltet ihr alles, was ein Fluch der Menschheit geworden ist! ... Ihr behaltet die Gebundenheit der Gewissen, die Gelübde, die Unfreiheit des menschlichen Willens – alles, wovon eine kurze Weile die Praxis einen milden Sonnenschein verbreiten kann, aber auf die Länge wird alles wieder wie die schwarze dunkele Nacht werden! ... Ihr wollt die Hierarchie, Rom und die Cardinäle – nur nicht die Jesuiten mehr? Werdet ihr die allein ausrotten können? Wodurch? Durch ein Verbot? Wenn alles übrige bleibt? Hat das Zeitalter der Aufklärung, hat Voltaire