1858_Gutzkow_031_805.txt

sie:

Der Herr soll wiederkommen –! ...

War dein Losungswort eine Beschwörung, die nicht kräftig genug wirkte? sagte sich Benno ...

Jetzt überreichte er sein zweites Creditiv, das Zeichen von Silberblech und eine Karte mit seinem Namen ...

Die Alte nahm beides, betrachtete es flüchtig und entfernte sich wieder ...

Inzwischen ging Benno in den Hof, der überbaut war ... Wieder sah er einen langen gang ... Sessel standen in diesem an den Wänden, ohne Zweifel für die Clienten vom land, die an jedem Markttag die Schreibstuben der Advocaten belagern ... Er verglich Nück's Lage mit der Bertinazzi's ... Jener der leidenschaftliche Freund der Jesuiten und allen Umtrieben derselben ganz wie ein geheimer Verschwörer zugetan; dieser, wie er wusste, ein Angehöriger der Familie jenes Ganganelli, der als Papst die Jesuiten aufgehoben hatte, und im Geist seines Ahnen fortwirkend ... Das System der Menschen- und Lebensverachtung musste bei beiden dasselbe sein ...

Die Alte kam zurück und winkte nun schweigend ... Sie zeigte nach hinten, kehrte noch einmal in den Hof und zur Pforte um, die sie mit einem eisernen Querbalken verschloss, und bedeutete Benno, der bei einer Stiege angekommen war, diese nicht zu betreten, sondern auf eine Tür zuzugehen, die sie öffnete ... Es war eine jener südlichen Matronen, die die Freude eines Baltasar Denner gewesen wäre, des Runzelmalers ...

Durch einige mit Büchern und Landkarten gefüllte Zimmer hindurch kam Benno jetzt erst an eine andere Treppe, die er ersteigen musste, um endlich bei dem unter den Römern hochberühmten Doctor der Rechte Clemente Bertinazzi einzutreten ...

Dieser trat ihm lächelnd entgegen ...

Benno fand einen langen, hagern Mann ... Der Ausdruck seiner Gesichtszüge war der jener fanatischen und träumerischen Beharrlichkeit, die sich zunächst als matematische, oft pedantische Strenge zu geben pflegt ... Ebenso verband sich die Pedanterie mit Schwärmerei bei Luigi Biancchi, dem armen Gefangenen von Brünn; ebenso leidenschaftlich war in seiner träumerischen Welt der trockene und magere Püttmeier ... Diese Menschen wusste Benno unterzubringen ... Sie hatten nicht die Schönheit der Willensäusserung, die Grazie der Lebensformen Bonaventura's; aber der feste, beharrliche Sinn war derselbe ...

Clemente Bertinazzi hätte in seinem langen Hauskleide, das ihm bequem um die magern Glieder hing, ebenso einen alten Geizhals darstellen können, der über seinen Schätzen wacht und sich nächtlich mit einer alten Dienerin in diesem weitläufigen haus ängstlich abschliesst ... Doch die allmählich erglühende Kraft seiner Augen verriet edlere Eigenschaften ... Bald sah Benno, dass dem Mann ein eigentümlicher Flor über seinen Augen und den untern Anfängen seiner Stirn lag, jener geistige unbestimmte Dämmer, der sich vorzugsweise bei mystischen Naturen findet ...

Endlich, endlich, Signore d'Asselyno! sagte der advokat und streckte die Rechte aus zum traulichen Grusse und zugleich den Eindruck prüfend, den ihm der junge Mann in Gestalt und Haltung machen würde ...

Benno d'Asselyn! ... erwiderte dieser bestätigend und legte seine zitternde Hand in die des Advocaten ...

Warum kommen Sie erst jetzt? Ich weiss von Ihnen schon seit lange über Malta her, wo sich die Brüder Bandiera für Sie verbürgt haben ... Man hat Sie dort verdächtigen wollen ... Allerdings kann man Ihre Beziehungen zu unsern Tyrannen zweideutig finden ... Ich hörte, Sie lernten unsere Machtaber in Wien kennen und da dachte ich: Um so besser, wenn Sie diese Menschen beobachten ... Ich vertraue jeder Bürgschaft, die die Bandiera leisten ...

kennen Sie meine Freunde persönlich? sprach Benno noch in Befangenheit und ausweichend ...

Nein ... erwiderte Bertinazzi und zog, um das Bild eines alten Garçon zu vervollständigen, eine Tabacksdose ... Aber ich habe Ursache von Ihnen das Beste zu denken ... Ja auch sonst hab' ich das Princip gehabt, fuhr er schnupfend und von unten her Benno musternd fort, nicht zu weise sein zu wollen ... Die Verschwörer, die überall Spione wittern, haben nie mein Vertrauen gehabt ... Haben Sie noch ein drittes Erkennungszeichen ausser dem Gruss und dem Phönix? ...

Benno verneinte ...

So gehören Sie den Vertrauten an, nicht den Wissenden ...

Die Zahl dieser Vertrauten, wusste Benno, war in Italien so gross, wie bei uns die der Freimaurer ...

Sind die Wissenden die oberste Spitze? fragte er ...

Die oberste noch nicht! entgegnete Bertinazzi ... Sie haben durch den Phönix den zweiten Gradeinen vorbereitendenund vielleicht gar ohne Schwur ... Die Wissenden sind erst der dritte ... Der vierte sind die Leitenden ... Erst der fünfte ist der höchste ... Das ist der Grad der Namenlosen ... Zu diesem gehör' ich nicht einmal selbst und weiss kaum, ob in Rom ein "Namenloser" existirt ...

Diese Organisation kann sich halten und wird nicht verraten? ... fragte Bennounwillkürlich der Worte Ceccone's – über seinen Mörder gedenkend ...

Sie kann an einzelnen Teilen verraten werden und wird es auch, antwortete Bertinazzi ... Aber die Teile sind nicht das Ganze ... Einer kennt den andern auch noch nicht auf dem Standpunkt der Wissenden ...