1858_Gutzkow_031_801.txt

? ... Nicht verkaufen? ... Die Apoteker sagen's und die armen Leute glauben's ... Aber die Reichendie bekommen Gift, soviel sie wollen ... Und die ärztedie brauchen's gar nicht aus der Pharmacia zu kaufen ...

Die Armen? Die Reichen? Die ärzte ... Wie hängt das alles zusammen? ...

Felice machte Mienen, die Benno allmählich verstand ... Er liess nur einfach die eine Hand vom Ruder los und fuhr damit hinter's Ohr mit ausgespreizten Fingern ... Eine Miene, die etwa sagte: Wir sind nicht so dumm, wie wir aussehendie ärzte vergiften zur Zeit der Cholera auf Befehl der Reichen die Armen – ... Signorenach Ceri! fuhr Felice fort, als Benno verstanden zu haben schien und seinerseits gleichfalls eine Geberde machte, die mit südländischer Offenheit soviel sagte, als: Felice, du bist ein Esel! ... Ceri ist die älteste Stadt der Welt! ... Vielleicht morgenich nehme noch meinen andern Bruder mitAusser Beppo noch den dritten, den Giuseppe ...

Die Cholera ist also eine Krankheit, die von obenher befohlen wird! unterbrach Benno ... Alle Jahre soll einmal der Staatskörper von seinem Ungeziefer gereinigt werden! Nicht so, ihr Toren? ...

Die Miene und Betonung Felice's drückte das starrste Festalten seiner Meinung aus ... Wie wenig ihm daran lag, seine Gesinnung über die ärzte, Apoteker und die Reichen in Rom geändert zu bekommen, sagte die Mahnung:

Herr, die Tiber kennen selbst die Römer noch nicht alle ... Gewiss, Herr, selbst wenn Sie ein Römer sind, haben Sie noch nicht Castellana gesehen ... Civita Castellana ist das Wunder der Welt ... Wenn wir Morgens um vier Uhr einen Kahn nehmen, natürlichmit Beppo, mit Giuseppe und FrancescoFrancesco, Herr, ist mein vierter Bruder ...

Das erzählt man allerdings aus der Cholerazeit, unterbrach Benno mit Entschiedenheit ... Wer einen Feind hatte, tödtete ihn bei dieser gelegenheit; schlechte Frauen vergifteten ihre Männer, schlechte Männer ihre Frauen, ruchlose Kinder ihre älteren ... Im allgemeinen jammervollen Klagen und Sterben ging eine Leiche mit der andern, ohne dass man danach fragte, ob wohl das Gift, an dem sie den Geist aufgeben mussten, aus der schlechten Luft oderaus den Kellern kam, wo nur die Ratten daran sterben sollten ... Sagt man nicht das? ...

Diese Frage richtete Benno an den schwarzen Todtenbruder ...

Fast getroffen von Benno's Worten hatte sich dieser von seinem Sitz erhoben ... Vom Nachtimmel sich abzeichnend stand die Gestalt in schöner, langer, schlanker Haltungein Bote des Minos, ein Abgesandter des Richters aus der Unterwelt ...

Benno hatte noch einmal geglaubt den Versuch machen zu sollen, den stummen Passagier zu einer Antwort zu bewegen ...

Der Todtenbruder sprach in der Tat auf seine Frage ein leises und hohles:

Mansagtdas ...

Benno horchte der stimme und fuhr fort:

Eine entsetzliche Vorstellung, sich so feige Mörder denken zu müssen, die eine Zeit der allgemeinen Auflösung des Vertrauens, eine Zeit der Trauer benutzen, um mit gedecktem rücken einen dann wahrscheinlich sichern Mord auszuführen ...

Wieder schien der Todtenbruder von diesen Worten eigentümlich berührt ... Er schwieg, fiel nicht zustimmend ein, drückte keine Verachtung eines so feigen Mordes aus, sondern wandte sich nur ab, um durch seine kleinen Augenöffnungen auf die bald erreichte brücke der "Vier-Häupter" zu sehen ...

Als sich nun auch Benno erhob, geriet der Kahn in ein Schwanken ...

Felice spreitete rasch die Beine aus und hielt das Gleichgewicht ...

Um seine ohnehin wie auf der Flucht vor dem Schmerzlichsten befindlichen Gedanken nicht zu sehr aufzuregen, fragte Benno:

Kennst du das Haus des Rienzi, Felice –? ...

Im selben Augenblick sprach aber auch der Todtenbruder noch eine Antwort auf Benno's Aeusserung von vorhin ...

Sie kam verspätet, kam aus der kleinen Oeffnung der Kapuze, die nur allein dem Mund und der Nase das Atmen erlaubte, dumpf und hohl ...

O gewisses gibtgenug der Falschheitin der Welt ...

Diese Worte klangen seltsam ... Sie klangen wie von einem Ergrimmten ... Wenigstens wurden sie durch die Zähne gesprochen ...

Benno, der selbst eben gesprochen hatte, verstand nicht sogleich und fragte:

Es gibt –? sagten Sie? – ...

Genug der Falschheit in der Welt! wiederholte der Todtenbruder scharf und gereizt ...

Benno horchte auf ... Diesen Ton der stimme glaubte er zu kennen ... Noch kürzlich, vielleicht erst gestern hatte er diese stimme gehört ... Wer ist das –? sagte er sich staunend und haftete auf einer Erinnerung an einen der bei Olympien gesehenen GästeZunächst an den Fürsten Corsinider in der Tat seinen Palast jenseits der Tiber hatte ...

Der Todtenbruder kehrte ihm jetzt den rücken ...

Eben fuhren sie unter der brücke Quattro-Capi hinweg ...

Wo liegt das Haus des Rienzi? wiederholte Benno noch einmal, sich zu Felice wendend ... Er musste dabei