1858_Gutzkow_031_800.txt

den Benfratellen drüben war Licht ... Mancher Leidende mochte dort eben seinen letzten Seufzer aushauchen, mancher Genesende die hände zum Dankgebet erheben ... Die hie und da auftauchenden Sterne spiegelten sich nur matt in den trüben Wogen, auf deren Grund so tausendfach die Reste der Jahrhunderte schlummern, so mancher Fund, dessen Entdeckung das Entzücken des Forschers sein würde ... Auf der Quattro-Capi-brücke war es so lebhaft wie auf Piazza Navona ... Noch stachelten verspätete Fuhrleute ihre riesigen weissen Ochsen, deren stolzgewundene Hörner nur eines Kranzes bedurften, um den Opfertieren Griechenlands zu gleichen ... Noch zankten Treiber mit ihren schreienden, in Italien so heissblutigen Eseln ... Die Glocken läuteten ... Ein solcher Abend scheint im Süden erst das Erwachen zum Leben zu sein ... Kähne glitten dahin mit aufgehäuften Gemüsen und Früchten schon für den morgenden Markt ... Die Ruderer mussten Acht haben; von den Tausenden von Trümmersteinen, die in dem Bett des geschichtlichsten aller Ströme ruhen, ist die Fahrt auf ihm keine ebenmässige ...

Benno, tiefermüdet, redete den Todtenbruder, von dem er nur die Augen sehen konnte, mit den Worten an:

Dieser Dienst in der Nacht hat sicher seine Beschwerlichkeit ...

Der Todtenbruder antwortete nicht ...

Die Römer sind sonst höflich ... Benno glaubte nicht verstanden worden zu sein, wiederholte seine Worte und setzte hinzu:

Aber Sie lösen sich häufig ab? ...

Der Todtenbruder zog statt der Antwort jetzt sogar seine schwarze Kopfbedeckung so, dass selbst seine feurigen Augen verdeckt blieben ...

Seltsam! dachte Benno ... Der Mann ist schwerlich taub ... Er trägt vielleicht ein Leid wie du ...

Benno schwieg und hörte auf den Schiffer, der in italienischer Gewohnheit schon für jede andere gelegenheit sich empfahl, wo die Herrschaften vielleicht wieder die Tiber befahren wollten ... Er nannte sich Felice und beschrieb seinen Vater, der den Stand an Quattro-Capi drüben hätte und der beste Schiffer von der Welt wäre ... Benno kannte, was man alles bei solchen Gelegenheiten in Italien zu hören bekommt; jede neue Kundschaft wird sogleich fürs Leben festgehalten ...

Er war nicht in der Stimmung, die Unterhaltung mit Felice fortzuführen ... Er sah auf den Todtenbruder, der vielleicht das Gelübde des Schweigens abgelegt hatte ... Vielleicht war es ein Vornehmer, den sein nächtliches Amt verdross ...

Wieder glitt eine Barke mit zwei Benfratellen, die von der Bartolomäusinsel kamen, vorüber ... Auch diese hatten ihre Kapuzen über den Kopf gezogen ... Sie wurden von einer dritten Barke gekreuzt, die gleichfalls ein Mitglied der Todtenbruderschaft führtein weisser Verhüllung ...

Der Gedanke lag nahe, an eine grosse Sterblichkeit zu denken, die über Rom gekommen ... Im Herbst pflegte sich seit einigen Jahren regelmässig die Cholera einzustellen ...

Felice besass den angeborenen Scharfsinn der Italiener ... Eine angeschnittene Melone, die neben dem Mantel Felice's lag, betrachtete Benno mit einem blick, der bei so vielen Todeserinnerungen keinen Appetit danach ausdrückte und Felice las sogleich die Gedanken in der Seele seines zweiten Passagiers, denn er sagte:

Eh! ... Sie kommt dies Jahr nicht wieder ...

Benno wusste, was Felice meinte, mochte aber die Conversation nicht fortführen ...

Felice aber im Gegenteil ...

Signore, flüsterte er, als handelte sich's um einen Gegenstand der grössten Discretion, ich stehe drüben bei Capo di Boccadicht an der Apoteke ... Da, wo meine Mutter die Melonen verkauft ... Saftige, Herr! ... Sehen Sie, versuchen Sie! ... Signore! Nein, sie kommt dies Jahr nicht wieder ... Die Krankheit mein' ich, Signore ... Der Padrone der Apoteke hat es selbst an die Leute gesagt ... Signor, bei Capo di Bocca ... Rufen Sie nur immer: Felice! ...

Woher weiss der Padrone der Apoteke, dass die Cholera diesmal nicht wiederkommt? fragte Benno, um dem Redestrom ein Ende zu machen ...

Signore! Weil sie kein Gift mehr verkaufen dürfen ... Er sagt' es gestern erst dem Wirt der Navicella ... Signore, das ist das Kaffeehaus drüben, wo mich jeder findet, der nur am Ufer nach Felice – ...

Gift verkaufen? Wozu Gift –? unterbrach Benno, der sich die Pein dieser Kundschaftsempfehlungen abkürzen wollte ...

Haha! lachte Felice und stiess sein Ruder auf ein hartes Gestein, dasvielleicht der Torso einer Statue des Praxiteles war ... Die Brunnen vergiften sie nicht mehr ... Das glauben die dummen Leute ... Eh –! ... Die Brunnen! ... Haha, Signore! ... Aber machen Sie eine Partie, HerrNach Ceri, HerrCeri ist die älteste Stadt der WeltIch nehme meinen Bruder mit ... Morgen? ... Meinen Bruder Beppo ...

Warum sagt ihr: He? und lachtWas glauben die klugen Leute über die Cholera –? ...

Felice machte eine Miene, als durchschaute er alle Geheimnisse der Welt ...

Was ist's, wenn die Apoteker kein Gift mehr verkaufen dürfen? wiederholte Benno ...

Gift